Die Katholische Kirche steht in Südarabien im Zentrum des Sturms

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 11. März 2026 

Bischof Paolo Martinelli OFMCap leitet das Apostolische Vikariat Südliches Arabien und berichtet im Interview mit einem amerikanischen katholischen Internetportal über die Situation der Katholiken in der Region. Durch die willkürlichen Angriffe des Iran auf seine Nachbarstaaten sind die Menschen dort jeden Tag mit dem Krieg konfrontiert. 

Katholiken leben in allen Regionen der Welt. Selbst auf der arabischen Halbinsel leben und arbeiten Katholiken. Diese sind zumeist Gastarbeiter aus Ostasien und dem Südpazifik. Sie leben inmitten einer islamischen Welt, was den Alltag ohnehin erschwert. Der Angriff der USA und Israel auf den Iran, der seit Ende Februar andauert, hat zudem das Sicherheitsgefühl der Menschen in der Golfregion nachhaltig verändert. Die blinde Aggression des Iran gegen seine Nachbarstaaten führt dort zu Raketenalarmen, Luftabwehraktionen und vereinzelten Einschlägen. Das prägt inzwischen auch den Alltag in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Trotz weitgehend erfolgreicher Abwehrmaßnahmen der staatlichen Luftverteidigung sind die Auswirkungen für die Zivilbevölkerung deutlich spürbar. Neben unterbrochenen Flugverbindungen, ständigen Warnmeldungen dominiert eine Atmosphäre erhöhter Wachsamkeit die Menschen. 

Eine multinationale Gemeinschaft von Katholiken

In diesem angespannten Kontext lebt eine der international vielfältigsten katholischen Gemeinschaften der Welt. Das Apostolische Vikariat Südarabiens, das die VAE, Oman und den Jemen umfasst, betreut Hunderttausende katholische Migranten aus über hundert Nationen. Ein Apostolisches Vikariat ist ein Teil der katholischen Glaubensgemeinschaft, der aufgrund besonderer Umstände noch nicht als Diözese errichtet wurde oder werden konnte. Geleitet wird das Vikariat von Bischof Paolo Martinelli OFMCap, der seinen Sitz in Abu Dhabi hat. Er hat die volle Jurisdiktion über das Gebiet des Apostolischen Vikariates. Damit hat er die gleichen Aufgaben wie ein Diözesanbischof. Faktisch ist er jedoch nicht wie ein Diözesanbischof Ordinarius aus eigener Person, sondern nur Stellvertreter des Papstes vor Ort kraft ordentlicher stellvertretender Gewalt.

Im Gespräch mit dem amerikanischen Portal National Catholic Reporter hat der Kapuziner, der seit 2022 das Vikariat leitet, über die Situation der Gläubigen in der Region berichtet. Bischof Martinelli sagt die katholischen Gläubigen in Südarabien teilen den Alltag und die Sorgen der gesamten Bevölkerung. Während das tägliche Leben vorsichtig weitergehe, meide man größere Versammlungen. Einzelne pastorale Angebote seien an die Sicherheitslage angepasst worden. Die Kirchen seien jedoch geöffnet geblieben, betont der Oberhirte der Region, und das liturgische Leben habe sich nach einer kurzen Phase der Verunsicherung weitgehend normalisiert.

Virtueller Rosenkranz erlebt viel Zuspruch

Besondere Bedeutung misst der Bischof der geistlichen Unterstützung der Gläubigen vor Ort zu. Viele der dort lebenden Katholiken seien Arbeitsmigranten, die fern ihrer Familien lebten und keine Staatsbürgerschaft besäßen. In Seelsorge und Caritas stünden für seine Mitarbeiter weniger materielle Hilfen als vielmehr die Stärkung von Hoffnung, Gemeinschaft und Solidarität im Vordergrund. Die Größe des Gebietes und die geringe Zahl von Gläubigen machen es nötig, auch die neuen Medien zu nutzen. Virtuelle Gebetsinitiativen, insbesondere das tägliche Rosenkranzgebet für den Frieden, hätten großen Zuspruch gefunden. Familien und Gemeinden vernetzten sich zunehmend digital, um das Gemeinschaftsgefühl zu bewahren.

Als christliche Minderheit in den überwiegend muslimischen Gesellschaften Arabiens sieht Martinelli die Kirche zu einer besonderen Haltung berufen. In Anlehnung an den heiligen Franz von Assisi gehe es darum, Polarisierung zu vermeiden, den Dialog zu suchen und den Glauben vor allem durch das alltägliche Leben zu bezeugen. Christen wollten diesen Ländern dienen und zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen. Auf einer Fläche von 929.969 km² leben rund eine Million Katholiken. Sie stellen 2,2 Prozent der Bevölkerung. Neben 14 Diözesanpriestern sind 55 Ordenspriester in der Region tätig. Somit betreut ein Priester rechnerisch 14.574 Gläubige. 

Ein zentrales Instrument für das Miteinander in der Region ist der interreligiöse Dialog. Begegnungen im Alltag, etwa während des muslimischen Fastenmonats Ramadan zu dem gemeinsamen Iftar-Einladungen ausgesprochen würden, schafften Vertrauen. So könne es gelingen, betont der Bischof, gemeinsame Werte sichtbar zu machen. Um diesen Ansatz systematisch zu fördern, wurde im Vikariat ein Büro für interreligiösen und ökumenischen Dialog (Interfaith and Ecumenical Dialogue Office [IFEDO]) eingerichtet, das sowohl den Austausch mit anderen Religionen als auch die Sensibilisierung der eigenen Gläubigen unterstützt. Aufgabe des Büros ist es nicht nur, den Dialog mit Gläubigen anderer Glaubensrichtungen zu fördern, sondern auch unseren Priestern und Gläubigen zu helfen, zu erkennen, dass diese Dimension ein integraler Bestandteil des christlichen Lebens ist. Bischof Martinelli erklärt das so: „Wenn Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen gemeinsam gehen, erinnern sie uns auch an das Geheimnis Gottes, von dem wir um das Geschenk des Friedens bitten.“ Frieden sei ja wirklich ein Geschenk Gottes, eines, um das wir bitten, willkommen heißen und verbreiten müssten. 

Aufruf zu Frieden und Stabilität

Auch die internationalen Friedensappelle des Vatikans spiegeln sich laut Martinelli auf lokaler Ebene wider. „Frieden und Stabilität“, so Bischof Martinelli, „können nicht auf gegenseitigen Bedrohungen oder Aggressionen aufgebaut werden.“ Stattdessen werde eine Kultur der Begegnung und des Dialogs gebraucht, die das Alltagsleben durchdringt. Das „Dokument über die menschliche Brüderlichkeit“, das Papst Franziskus 2019 in Abu Dhabi gemeinsam mit dem Großimam von Al-Azhar unterzeichnete, bleibe dafür ein zentraler Bezugspunkt. Gerade in der aktuellen Krise sei seine Botschaft von Gewaltverzicht, gegenseitigem Respekt und Zusammenarbeit aktueller denn je. Insgesamt versteht sich die Kirche in Südarabien nach Martinellis Worten als „Kirche der Präsenz“. Sie ist im Alltag der Menschen verwurzelt. Sie bleibt offen für Dialog und ist entschlossen, auch in Zeiten geopolitischer Spannungen eine Stimme für Versöhnung und Frieden zu sein. 

So wie Bischof Martinelli rufen Bischöfe in der gesamten Golfregion seit Beginn des Krieges zu Ruhe Gebet und Beachtung der Sicherheitsanweisungen auf. Der Bischof von Erbil, Bashar Warda, warnte vor den langfristigen Folgen weiterer militärischer Eskalationen und mahnte: "Der Nahe Osten braucht keinen weiteren Krieg." Auch die US-Bischofskonferenz äußerte sich besorgt und unterstützte den Appell des Papstes zu einer Rückkehr zu Diplomatie. Der Bischof von Teheran ist aus Sicherheitsgründen vorübergehend in den Vatikan ausgeflogen worden. 

Text: Peter Winnemöller
Foto: Apostolic Vicariate of Southern Arabia / AVOSA



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