News Bild Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht

Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht

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"Die entscheidende Frage ist die Frage Jesu: Für wen haltet Ihr mich?"

Das machte Bischof Dr. Rudolf Voderholzer in seiner Predigt zur Eröffnung der Wolfgangswoche deutlich. Lesen Sie im Folgenden die Predigt im Wortlaut. 

 

Das Messiasbekenntnis des Simon Petrus 

Das Evangelium des heutigen Sonntags berichtet uns vom Messiasbekenntnis des Simon Petrus in der Version des Lukasevangelisten.

Im Unterschied zur Version des Matthäus, der in seinem Evangelium auch das Felsenwort an Simon und die Namensgebung und die Sinndeutung des Petrus als Fels als unmittelbare Antwort Jesu überliefert, folgt bei Lukas sofort die 1. Leidensankündigung, um deutlich zu machen, dass die Messianität Jesu nicht die eines politischen und nationalen Freiheitskämpfers ist, sondern die des leidenden Gottesknechtes, der in der Hingabe seines Lebens für die Vielen der ganzen Menschheit das Heil bringen wird.

Eine erste Beobachtung ist wichtig:

Jesus schenkt Freiheit 

Jesus ergreift die Initiative. Er kommt aus dem Gebet, aus der innigen Verbindung mit dem Vater. Er will wissen, was die Jünger denken; für wen sie ihn halten, und er ruft in die Entscheidung. Er lädt ein, ihm nachzufolgen, aber er zwingt nicht. Er eröffnet einen Freiheitsraum.

Das ist von außerordentlicher Bedeutung und der tiefste Grund für die christliche Überzeugung von der Religionsfreiheit. Das II. Vatikanischen Konzil hat in Treue zur Praxis Jesu selbst und zum Verhalten der frühen Kirche mit ihren vielen Märtyrern festgehalten: Niemand darf durch Zwang oder gar Gewalt zum Glauben gezwungen oder von der Hinwendung zu einem bestimmten Glauben abgehalten werden. Kein Staat und erst recht keine Religion hat das Recht, jemanden gegen seinen Willen vom Irrtum abzuhalten. In der Konfliktsituation von Wahrheit und Freiheit ist der Freiheit der Vorrang zu geben. Es gibt auch in unserer gegenwärtigen Situation keinerlei Grund, bei der Religionsfreiheit Abstriche zu machen. Selbstverständlich hat sich jeder, der hier bei uns lebt, an Recht und Gesetz zu halten. Aber das ist nicht eine Frage der Religionsfreiheit, sondern unserer Rechtstaatlichkeit.

Personifizierte Religionsfreiheit: die Märtyrer

Die Religionsfreiheit entspricht nicht nur der Würde der Person – das Dokument des II. Vatikanischen Konzils heißt programmatisch „Dignitatis humanae“ – sondern entspricht auch der Praxis Jesu und der Märtyrer als der wahren und überzeugendsten Zeugen des Glaubens, die sich lieber totschlagen ließen, als den Glauben mit Zwang aufzudrängen.

Jesus ruft in die Entscheidung und fordert die Freiheit heraus. Das ist für die, die in die Entscheidung gerufen werden, anstrengender; ja, es mag für manche anstrengender sein, als in einer Gesellschaft zu leben, in der es eben keine andere Wahl gibt und äußerer Zwang eine Religion vorgibt; aber sie ist letztlich allein unserer Würde als mit Vernunft und Freiheit ausgestatteter und auf die Wahrheit hin ausgerichteter menschlicher Personen angemessen.

Wer in die Entscheidung gerufen ist, muss wissen, wofür er sich entscheidet. Er muss die Alternativen kennen. Jesus selbst ist es, der die Jünger auffordert, sich darüber im Klaren zu sein. Das ist höchst interessant und bedeutsam auch für uns: 

Die Jünger berichten über die Meinungen, die über Jesus im Umlauf sind. Da gibt es welche, die halten Jesus für einen Propheten, aber eben auch nicht für mehr als das. Solche Menschen gibt es auch heute, und zwar auch in religiösem Kontext.

Das sind die Muslime. Der Unterschied zu den Jesus zeitgenössischen Stimmen ist, dass diese noch nicht zum Glauben an Jesus den Messias und Sohn des lebendigen Gottes gekommen sind. Die Muslime hingegen haben ursprünglich in einem weitgehend zumindest anfanghaft christlichem Kontext auf der arabischen Halbinsel das Messias-Bekenntnis des Simon wieder verlassen und sind zurückgekehrt zu einer Meinung dieser Zeitgenossen Jesu.

Grundlagen des Dialogs zwischen Christen und Muslimen

Viele Menschen machen sich Sorgen um die christlich-abendländische Identität unseres europäischen Kontinents. Die Migrationsbewegungen, ausgelöst vor allem durch Krieg und Bürgerkrieg infolge des Auftretens von extremistischen und fanatisierten Islamisten; Terroranschläge in europäischen Metropolen machen nicht wenigen Angst. Ist unsere christlich-abendländische Kultur durch den Islam bedroht?

Ich möchte die Eröffnung der Wolfgangswoche und das heutige Evangelium, das uns in dieser Weise so zentral zur Mitte unseres christlichen Glaubens hinführt, nützen, um ein paar grundsätzliche Gedanken vortragen.

Die Glaubensstärke der Christen in Europa

Zum Thema Dialog mit dem Islam ist erst einmal mit dem, wie ich finde, nach wie vor gültigen und klugen Wort des hervorragenden Kenners der arabischen Welt, Peter Scholl-Latour zu antworten: „Sorgen muss sich Europa nicht machen wegen der Stärke des Islam, sondern wegen seiner eigenen geistigen Schwäche.“1  Papst Franziskus hat erst kürzlich anlässlich der Verleihung des Karls-Preises in ähnlichem Sinn aufs Neue die Müdigkeit und Kraftlosigkeit Europas beklagt.

Gleichwohl bedarf es auch der geistigen Auseinandersetzung. Dialog nun aber ist nicht unverbindlicher Austausch von Höflichkeiten oder Befindlichkeiten, sondern Dialog ist das Benennen der je eigenen Positionen und des eigenen Wahrheitsverständnisses, um davon ausgehend gemeinsam nach Wegen des Ausgleichs und des guten Miteinanders zu ringen, friedlich und in gegenseitigem Respekt.

Gemeinsames Bekenntnis zum Einen Gott

Dialog der Religionen   Ja es ist wahr: Juden, Christen und Muslime bezeugen gemeinsam den barmherzigen Gott. Es gab wohl kaum eine Zeit, in der es wichtiger war, auch diese Gemeinsamkeit zu betonen, die Gemeinsamkeit im Bekenntnis des einen Gottes. Und viele Muslime beschämen uns mit ihrer Treue zum täglichen Gebet und auch der Bereitschaft, offen und öffentlich für ihren Glauben einzustehen.

Was den Religionsdialog zwischen Christentum und Islam betrifft, so wird man nicht umhin können festzustellen, dass sich der Islam, der ja historisch später, 600 Jahre nach dem Christentum, auf den Plan getreten ist, in entscheidenden Punkten nicht als eine Ergänzung des Christentums versteht oder als eine komplementäre Größe, sondern als die Korrektur, ja als die Verneinung des Christentums. Das Bekenntnis zum Dreifaltigen Gott, unser Taufbekenntnis, erscheint aus der Sicht des Korans als Gotteslästerung.

Das „Schauen auf den Durchbohrten“ als christliches Proprium

Und wir dürfen auch nicht übersehen: Das Kreuz, der leidende Messias, das „Schauen auf den Durchbohrten“ – die Lesung heute findet ihren Widerhall ja im Passionsbericht des Johannes  , ist für die Muslime nicht akzeptabel. Die Interpretation des Korans, dass er sage, es sei ein anderer am Kreuz gestorben und nicht Jesus, ist meines Erachtens unausweichlich.

Beim Religionsdialog geht es nicht bloß um die Ebene Schweinefleisch und Kopftuch. Es geht zentral um die Gottesfrage und damit zusammenhängend das Menschenbild.

Zu den grundlegenden Glaubensinhalten des Islam gehört die Verneinung schon der Möglichkeit und dann der Tatsächlichkeit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, der zwar als Prophet unter vielen dem Propheten Mohammed nachgeordneten anerkannt, keinesfalls aber als der Mensch gewordene ewige Sohn des Vaters akzeptiert und bekannt wird. Der Gebetsruf des Muezzin fünf Mal am Tag vom Minarett ist denn auch der Widerspruch zum christlichen Glaubensbekenntnis:

„Gott ist groß, Gott ist groß [größer als alles und mit nichts vergleichbar]. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott. Ich bezeuge, dass Muhammed Gottes Gesandter ist. Eilt zum Gebet, Eilt zum Gebet. Eilt zur Seligkeit, Eilt zur Seligkeit/zum Erfolg. Gott ist groß, Gott ist groß. Es gibt keine Gottheit außer Gott.“

Klare Unterschiede im Zentrum des christlichen und muslimischen Glaubens 

Der Satz: Es gibt keine Gottheit außer Gott in Verbindung mit dem Gesandt-Sein Mohammeds ist der explizite Widerspruch zu dem, was Simon Petrus heute im Evangelium auf Jesu Frage hin antwortet, stellvertretend für uns alle. Der Koran, dessen müssen wir uns bewusst sein, nimmt das Revolutionäre des Christentums zurück, dass nämlich der große und heilige Gott sich klein machen kann und sich klein gemacht hat, in der Krippe von Betlehem und mehr noch am Kreuz auf Golgotha, um die Menschheit mit sich zu versöhnen, die Welt zu erlösen nicht durch Gewalt, sondern durch die wehrlose Annahme der Gewalt und ihre Sühne am Kreuz.

Im Glauben an die Menschwerdung des ewigen Sohnes vom Vater her gründet letztlich auch die zum christlichen Abendland fundamental gehörige Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen, darin gründend die Überzeugung von der Unzerstörbarkeit seiner Würde.

Wo diese Zusammenhänge nicht gesehen oder gar geleugnet oder verneint werden, kann das auch nicht ohne Folgen für die Politik bleiben. Ich sage das nicht, um Wasser in den Wein des friedlichen Religionsdialogs zu schütten, sondern weil es mir notwendig erscheint, wieder einmal an einige grundlegende Sachverhalte zu erinnern. Und weil ich die Sorgen vieler Menschen verstehen kann, die den großen Integrationsoptimismus, wie er bisweilen zutage tritt, für übertrieben halten. 

 

Offene Aufgaben nach der „Regensburger Rede“ von Papst Benedikt XVI.

Auch das Thema „Gewalt“ darf nicht ausgespart werden. Nicht wegen einer vermeintlich größeren Kriminalitätsrate in neuen Statistiken, sondern wegen prinzipieller Gründe. Es wird sich heuer im September zum 10. Mal der Besuch von Papst Benedikt XVI. in seiner bayerischen Heimat jähren. In seiner Regensburger Rede hatte der Papst die Vertreter des Islam aufgerufen, die Fragen betreffs Glaube und Vernunft, Gott und Gewalt zu klären. Die heilsame Provokation führte anfangs tatsächlich zu verstärkten Bemühungen des Dialogs, aber man wird nicht sagen können, dass alle mit der Rede aufgeworfenen notwendigen Aufgaben schon erledigt wären.

 

Die eigene Identität kennen und lieben

Der spätere Papst Benedikt hat noch als Kardinal einem schwächelnden Europa mit folgenden Worten ins Gewissen geredet. Ich zitiere: „Die immer wieder leidenschaftlich geforderte Multikulturalität ist manchmal vor allem eine Absage an das Eigene, Flucht vor dem Eigenen. Aber Multikulturalität kann ohne gemeinsame Konstanten, ohne Richtpunkte des Eigenen nicht bestehen. Zu ihr gehört es, dem Heiligen des anderen ehrfürchtig zu begegnen, aber dies können wir nur, wenn uns das Heilige, Gott, selbst nicht fremd ist. Gewiss, wir können und sollen vom Heiligen der anderen lernen, aber es ist gerade vor den anderen und für die anderen unsere Pflicht, selbst in uns die Ehrfurcht vor dem Heiligen zu nähren und das Gesicht des Gottes zu zeigen, der uns erschienen ist – des Gottes, der sich der Armen und Schwachen, der Witwen und Waisen, des Fremden annimmt; des Gottes, der so menschlich ist, dass er selbst ein Mensch werden wollte, ein leidender Mensch, der mit uns mitleidend dem Leiden Würde und Hoffnung gibt. Wenn wir dies nicht tun, verleugnen wir nicht nur die Identität Europas, sondern versagen auch den anderen einen Dienst, auf den sie Anspruch haben. Den Kulturen der Welt ist die absolute Profanität, die sich im Abendland herausgebildet hat, zutiefst fremd. Sie sind überzeugt, dass eine Welt ohne Gott keine Zukunft hat. Insofern ruft uns gerade die Multikulturalität wieder zu uns selber zurück“2. Ja, die Muslime sind die letzten, die es uns übel nehmen, wenn wir zu unserem Glauben stehen. Sie erwarten es sogar!

Für einen aktiven und positiven Umgang mit dem eigenen Glauben

Das heißt doch: Nicht nur, dass wir Christen das Recht haben, von unserem Glauben zu erzählen und ihn öffentlich zu bezeugen. Die Muslime, die zu uns kommen, haben das Recht, von uns zu erfahren, was wir feiern in unseren großen und herrlichen Kirchen, die allent-halben die Mitte unserer Städte bilden und deren Kirchtürme uns über uns erheben und hinaufreißen zum Himmel. Die Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, haben ein Recht darauf, von uns zu erfahren, warum die Glocken in den Kirchtürmen dreimal läuten am Tag. 

Sie haben ein Recht darauf, von uns zu erfahren, dass das Kreuz nicht das Symbol gewaltsamer Eroberung ist, sondern das Zeichen des Heils; dass Christus dieses ursprüngliche Marterwerkzeug verwandelt hat in das Zeichen der göttlichen Liebe, durch die er alle Menschen erlöst hat.

Sie haben ein Recht darauf, wenn sie jetzt den Ramadan feiern und jeden Abend zum Fastenbrechen zusammenkommen, von uns zu erfahren, was der Sinn unserer Fastenzeit ist. Und wenn sie nach Mekka pilgern, von uns zu erfahren, warum wir nach Altötting und Rom und Santiago und Fatima usw. pilgern.


Für eine lebens- und liebenswerte Gesellschaft auf der Basis der Freiheit

Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Die entscheidende Frage ist die Frage Jesu: Für wen haltet Ihr mich? Seid Ihr bereit, in aller Freiheit euch für mich zu entscheiden, mit mir zu gehen und mit mir, ohne Gewalt und in Liebe und Barmherzigkeit in der Kraft des Heiligen Geist Gott dem Vater und den Menschen zu dienen? Und so an einer lebens- und liebenswerten Gesellschaft mitzubauen?

Als Jesus die Erfahrung machen musste, dass die Leute, die ihm zunächst in Scharen gefolgt waren, in ebensolchen Scharen ihn wieder verließen ob der Strenge seiner Worte, sagte er nicht etwa zu den Jüngern: Gell, ihr bleibt aber jetzt schon bei mir, bitte bitte! Nein, er fragt sie: Wollt auch ihr gehen?

Und Petrus antwortet: Herr, wohin sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens (Joh 6,69).

Bitten wir den Herrn, dass er uns innerlich brennen mache, damit wir die Fackel des Glaubens an den Herrn und Messias, die wir einst vom heiligen Emmeram und vom heiligen Wolfgang empfangen haben, weitergeben können an die kommenden Generationen. Heiliger Wolfgang, bitte für uns, Amen.


Predigt zur Eröffnung der Wolfgangswoche am Sonntag, 19. Juni 2016 in Regensburg St. Emmeram (12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C)

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1 Vgl. Leo SCHEFFCZYK, Die Kirche und die Religionen. Vortrag am 21. Mai 05 in München, online auf:

www.pro-oriente.at

3, wo er mit diesen Worten Peter SCHOLL-LATOUR zitiert.
2 Joseph Ratzinger, Gläubige Christen als schöpferische Minderheit, in: Die Tagespost vom 16.12.2000, 5–6, hier 6 [Hervorhebungen R.V.].