Porträt einer jungen Frau

Diaspora-Reise: Was der Glaube der katholischen Minderheit uns lehrt

Glaube, der etwas kostet


Bonn/Regensburg, 7. Oktober 2026

Der Sommer neigt sich langsam dem Ende zu und viele Menschen können auf neue Erlebnisse und Eindrücke zurückblicken. Rita Piendl bleibt vor allem die Begegnung mit der katholischen Diaspora in Georgien und der Türkei in Erinnerung, und mit ihr eine Frage, die sie seither begleitet: Merken wir überhaupt, wie viel uns unser Glaube wert ist, wenn er uns nichts abverlangt? 

Die Türkei und Georgien sind zwei Länder, in denen der Glaube der Mehrheit den Alltag sichtbar prägt: In der Türkei gliedert der muslimische Gebetsruf den Tagesrhythmus, in Georgien zieren orthodoxe Kathedralen und Kreuze fast jeden Berghang. Der Glaube ist in beiden Ländern aus dem Alltag nicht wegzudenken und wird mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit gelebt. 

Doch als gläubige Katholikin blieb mir vor allem die katholische Minderheit beider Länder in Erinnerung: Die katholische Kirche Georgiens zählt schätzungsweise 35.000 Gläubige und macht damit knapp ein Prozent der Bevölkerung aus, wobei ihre Taufe von der dominierenden georgisch-orthodoxen Kirche nicht einmal anerkannt wird. Ähnlich verhält es sich in der Türkei, wo einst in Istanbul, dem früheren Konstantinopel, das Zentrum der frühen Christenheit lag und mit der Hagia Sophia über ein Jahrtausend lang die größte Kirche der Welt stand. Wie viele andere Kirchen im Land wurde auch sie im Lauf der Geschichte enteignet und zur Moschee umgewidmet. Heute macht das Christentum landesweit nur noch einen Bruchteil eines Prozents der Bevölkerung aus. 

Zwischen Mühe und Hingabe 

Und trotz, wahrscheinlich sogar gerade wegen dieser Ausgangslage, begegnet man dort einem eindrücklichen Bild: Ein katholischer Priester in Kutaisi nimmt jede Woche vier Stunden Fahrtzeit für die einfache Strecke auf sich, damit an einem Ort an der Küste überhaupt eine Messe gefeiert werden kann. Auch Istanbul ist geprägt von wenigen katholischen Gemeinden, die aber gerade dadurch für die Menschen vor Ort ein lebendiges Zuhause und einen zentralen Ankerpunkt schaffen. Als Gast war ich überrascht von der Herzlichkeit und tiefen Freundschaft der Stammbesucher: Nach jedem Sonntagsgottesdienst blieb man gemeinsam bei Kaffee zusammen, oft stundenlang im Gespräch. Weil der Glaube dort oft Opfer verlangt, gehören die Gläubigen selten zufällig zur Kirche, sondern aus bewusster Überzeugung und Hingabe. 

Im Tempel beobachtet Jesus eine arme Witwe, die zwei kleine Münzen gibt, weniger als alle anderen, und lobt sie dennoch über alle: Anders als die Reichen hat sie alles gegeben, was sie hatte (Mk 12,41–44). Offenbar zählt nicht die Menge, sondern der Preis und ob wir bereit sind, unser Ja ungeachtet unserer jeweiligen Lebensumstände zu geben. 

Glaube ohne Widerstand 

Nun können wir uns als Katholiken in Mitteleuropa glücklich schätzen, die mit der Diaspora verbundenen Mühen nicht tragen zu müssen. Bei uns steht die Kirche meist nur wenige Gehminuten entfernt und niemand muss einen beschwerlichen Weg auf sich nehmen, wenn er diese sonntags besuchen will.

Bräuchten wir also erst eine Diaspora, um wie die Witwe unsere Münzen herzugeben und den Wert unserer Glaubensgemeinschaft zu erkennen? Was für den Glauben gilt, gilt für vieles, das uns selbstverständlich zur Verfügung steht, seien es Beziehungen, Gesundheit oder bestimmte Freiheiten. 

Der Priester aus Kutaisi wird auch kommenden Sonntag wieder freiwillig vier Stunden Fahrtzeit je Richtung aus Glaubensüberzeugung und Treue zur dortigen Gemeinde auf sich nehmen. Nicht anders hielt es die Witwe im Tempel: Sie hatte kaum etwas und gab dennoch alles. 

Vielleicht ist das die Erinnerung, die unsere oft privilegierte Situation braucht: nicht der Selbstverständlichkeit zu erlauben, unsere Dankbarkeit und Wertschätzung zu ersticken, sondern dem Glauben und den Menschen um uns herum schon jetzt die Hingabe zu schenken, die andernorts unter Mühen gelebt werden muss.


Text: Rita Piendl/Young Faith

(kw)

Weitere Infos

Gedankenstrich ist ein neues Format von Young Faith, in dem abwechselnd vier junge Leute Texte zu aktuellen Themen verfassen, die sie beschäftigen. Rita Piendl studiert im dritten Semester International Relations an Management und stammt ursprünglich aus Abensberg. Sie bringt neben einem USA-Schuljahr eine Jüngerschaftsschule auf Hawaii und einen Freiwilligeneinsatz in Südafrika mit und leitet aktuell ehrenamtlich den Instagram-Account von Jugend 2000 Deutschland.



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