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Zur Neuigkeit
Brauchtum in Ostbayern: Der Gesandtenfriedhof in Regensburg
Alte Gesandte in neuem Glanz
Regensburg, 1. Juni 2026
Mitten in der Altstadt von Regensburg steht die Dreieinigkeitskirche, eine der ersten evangelisch-lutherischen Kirchenbauten in Bayern. Nach der Reformation hielten die Regensburger Protestanten ihre Gottesdienste unter anderem in der Dominikanerkirche ab, die als Simultankirche zur Verfügung stand. Im Lauf der Zeit wurde die evangelische Gemeinde immer größer, da viele aus Böhmen und Österreich vertriebene Protestanten in der Stadt Zuflucht fanden. Als dann die Dominikaner im Jahr 1626 die gemeinsame Nutzung ihrer Kirche durch den Reichshof untersagen ließen, beschloss die evangelische Kirche den Bau eines eigenen Gotteshauses. Mitten im Dreißigjährigen Krieg, am 4. Juli 1627, wurde der Grundstein gelegt, und bereits vier Jahre später konnte der Bau fertiggestellt werden.
Rund um die Kirche befindet sich an der Ost- und Südseite ein Kleinod von historischer Bedeutung: der Gesandtenfriedhof.
Von 1663 bis 1806 tagte in Regensburg der Immerwährende Reichstag, die Ständevertretung im Heiligen Römischen Reich. Zuvor hatte man sich in unregelmäßigem Abstand in unterschiedlichen Reichsstädten getroffen. Als der Kaiser den Reichstag nicht mehr auflöste, blieb die Versammlung in Regensburg bestehen und die verschiedenen Reichsstädte entsandten dauerhafte Delegierte, die hier lebten – und starben. Und demzufolge auch hier begraben wurden.
Exklusive Begräbnisstätte
Während sich die katholischen Gesandten für ein entsprechendes Entgelt eine privilegierte Grablege in der Reichsabtei St. Emmeram kaufen konnten, willigte die Stadt erst nach einer längeren Auseinandersetzung ein, die evangelischen Gesandten auf dem Kirchhof der Dreieinigkeitskirche zu bestatten. Sehr zum Leidwesen des Stadtrats, der den engen und morastigen Kirchhof zu Recht für ungeeignet für Bestattungen hielt. Doch für die hohen und reichen Herren wurde ein ums andere Mal eine Ausnahme gemacht. Und so sind für den Zeitraum von 1640 bis 1790 fast hundert Begräbnisse namentlich nachweisbar. Insgesamt 45 Reichtags-Diplomaten und viele ihrer Familienangehörigen wurden hier von 1633 bis 1805 bestattet.
Prachtgräber und Grabplatten
Über den gemauerten Grüften erheben sich 24 Wandgrabmäler (Epitaphien) mit prächtiger Architektur, Skulpturen und geheimnisvollen Symbolen: Engel mit Sanduhren, geflügelte Totenköpfe, trauernde Edeldamen, ein Ritter und ein flammender Phönix. Grabinschriften auf Latein würdigen die Verdienste der Toten, lassen aber auch Familienschicksale wieder lebendig werden.
Viele der barocken Grabmäler und Inschriften einiger besonders berühmter und reicher Gesandter sind bis heute erhalten oder dokumentiert. So weist eine Gedenkplakette auf den Grafen Hans Ulrich von Schaffgotsch hin, der 1635 als Anhänger Wallensteins auf dem Haidplatz in Regensburg enthauptet wurde und auf dem Gesandtenfriedhof seine letzte Ruhestätte fand.
Der Zahn der Zeit
Lange Zeit fristete dieses Denkmal der deutschen Geschichte und europäischen Diplomatie ein Schattendasein, und die steinernen Zeitzeugen fingen an zu bröckeln. Doch im März 2023 begann eine aufwendige Generalsanierung. Heute zeigen sich die Wanddenkmäler in neuer Frische und offenbaren ihre ursprüngliche Farbigkeit. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Arbeiten werden im zweiten Bauabschnitt die Grabplatten und das historische Pflaster saniert. Deshalb kann der Friedhof ab Montag, den 8. Juni, nicht mehr betreten werden. Um trotzdem einen Blick auf die Sanierungsarbeiten werfen zu können, wird eine Besucherplattform vor dem Südportal eingerichtet. Durch die Dreieinigkeitskirche geht es auf eine Art Balkon, von dem aus man auch den Steinmetzen und Archäologen über die Schulter schauen kann.
Am UNESCO-Welterbetag am Sonntag, den 7. Juni, ist der Friedhof zum letzten Mal vor Beginn des zweiten Bauabschnitts bis 18 Uhr geöffnet. Anlässlich des 20-jährigen Welterbe-Jubiläums der Stadt Regensburg werden die Fortschritte bei der insgesamt 2,6 Millionen Euro teuren Generalsanierung des Gesandtenfriedhofs präsentiert. Dazu finden um 13 Uhr, 14 Uhr und 15 Uhr drei Führungen auf dem barocken Friedhof statt. Unter dem Motto „Der Gesandtenfriedhof – Menschen und Schicksale“ führt Dr. Martin Weindl die Besucher zu den Gräbern der Spitzendiplomaten und ihren Familien.
Text: Judith Kumpfmüller
Bild: Dr. Martin Weindl




