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Zur Neuigkeit
Vatikan: Konferenz zu KI und Atomwaffen
Nobelpreisträger beraten mit Papst Leo XIV.
Castel Gandolfo / Regensburg, 15. Juli 2026
In Castel Gandolfo entsteht derzeit in einem hochrangig besetzten Meeting mit mehreren Dutzend Nobelpreisträgern eine Erklärung über KI und Atomwaffen. Die „Erklärung von Rom für einen unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ wird am Freitag, den 17. Juli 2026 vorgestellt. Bei der Eröffnung der Konferenz warnten mehrere Redner eindringlich vor der tödlichen Gefahr, die in der Verbindung von KI, Atomwaffen, unberechenbarer Politik und Profitdenken liegt.
Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Religionsvertreter, Diplomaten sowie ehemalige Staats- und Regierungschefs beraten vom 14. bis 16. Juli über autonome Waffensysteme, nukleare Abschreckung, Abrüstung und globale Regeln für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Nach zwei Konferenztagen in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo findet am dritten Tag eine öffentliche Zeremonie auf dem Kapitol in Rom statt. Dort wollen die Teilnehmer ihre „Römische Erklärung für einen unbewaffneten und abrüstenden Frieden im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der Atomwaffen“ vorstellen und unterzeichnen.
Der erfahrene Vatikan-Diplomat Kardinal Silvano Maria Tomasi (85) stellte die Verantwortung des Menschen in den Mittelpunkt. Technische Systeme spiegelten stets die Absichten derjenigen wider, die sie entwickelten, finanzierten, regulierten und einsetzten. „Die zentrale Frage der künstlichen Intelligenz ist letztlich nicht die künstliche Intelligenz selbst, sondern die menschliche Verantwortung“, erklärte Tomasi. Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Religion könnten die Grenzen technischer Macht nicht jeweils allein bestimmen. „Nur gemeinsam können wir beginnen, eine ethische Architektur aufzubauen, die die außergewöhnliche Macht begleitet, welche die Menschheit in ihre eigenen Hände gelegt hat.“
Tomasi verband diesen Anspruch mit der geplanten Erklärung von Rom: „Frieden kann nicht dauerhaft auf Angst gegründet sein, Sicherheit kann nicht auf unbestimmte Zeit von der Drohung gegenseitiger Zerstörung abhängen, und künstliche Intelligenz muss stets unter sinnvoller menschlicher Verantwortung bleiben.“ Die Tagung solle zeigen, dass Wissen und Weisheit zusammenfinden könnten.
Möglicher Kontrollverlust über KI
Das Programm behandelt unter anderem den möglichen Kontrollverlust über KI, die Folgen von Atomwaffen, den Einsatz künstlicher Intelligenz in nuklearen Führungs- und Entscheidungssystemen sowie autonome Waffensysteme. Weitere Debatten widmen sich der „Entwaffnung“ künstlicher Intelligenz, der Demokratie, digitalen Gemeingütern und wirtschaftlicher Ungleichheit. Arbeitsgruppen sollen daraus Empfehlungen für die Erklärung von Rom erarbeiten.
Muhammad Yunus: Jugend muss mitentscheiden
Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus aus Bangladesch warnte davor, dass künstliche Intelligenz bestehende Macht- und Vermögenskonzentrationen weiter verstärken könne. „Wird künstliche Intelligenz irgendetwas sein, das die Konzentration von Reichtum beendet? Nein. Sie wird vielmehr dazu beitragen, sie weiter zu fördern“, sagte Yunus, der für sein Mikrokreditprogramm für Arme mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die ökologische Krise und die zunehmende Konzentration von Vermögen seien Ausdruck eines selbstzerstörerischen Zivilisationsmodells. Vorstellungskraft bezeichnete er als die „größte Macht der Welt“.
Zugleich forderte Yunus eine stärkere Beteiligung junger Menschen. Sie müssten ihre Vorstellungen von der Zukunft selbst entwickeln und ihre Prioritäten formulieren. „Wie bringen wir junge Menschen auf den Fahrersitz? Wenn wir Erfahrungen haben, die ihnen helfen, dann geben wir sie weiter. Ob sie sie annehmen oder ablehnen, liegt bei ihnen.“ Die ältere Generation müsse akzeptieren, dass die Zukunft den jungen Menschen gehöre.
Militärische KI bedroht Völkerrecht
Die Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard, ordnete militärische KI in den Kontext einer Krise des Völkerrechts ein. Staaten und Unternehmen trieben einen neuen Wettlauf um Technologien, Rohstoffe, Energie, Waffen und wirtschaftliche Vorteile voran. „Sie ersetzen Diplomatie durch Krieg, die Suche nach Dialog durch Drohungen, Erpressung und Aggression. Sie normalisieren Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord“, sagte Callamard.
Amnesty habe erhebliche Risiken unregulierter Technologien festgestellt, erklärte Callamard. „Unregulierte Technologien verschärfen Verstöße gegen das Völkerrecht und beschleunigen den Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit“, so die Generalsekretärin. Je komplexer KI-Systeme würden und je häufiger sie Aufgaben mit mehreren Ebenen von Analyse und Urteil übernähmen, desto stärker wachse das Risiko von Menschenrechtsverletzungen und Fehlentscheidungen. „Wir rufen Technologieunternehmen und Staaten auf, die Bereitstellung von KI-Systemen für den Einsatz in der militärischen Tötungskette zu stoppen. Außerdem fordern wir ein sofortiges Moratorium für die Nutzung jedes KI-Systems als Grundlage für Zielentscheidungen.“
Der frühere kolumbianische Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos warnte vor einem erneuten Wachstum der Atomwaffenarsenale. Nach Jahrzehnten sinkender Bestände steige die Zahl der Waffen wieder, zugleich nutzten politische Führer offenere nukleare Drohungen. Als ehemaliger Präsident Kolumbiens richtete Santos den Blick auf den Verfall der internationalen Ordnung. Er beklagte einen „beunruhigenden Zusammenbruch der Achtung vor dem Völkerrecht“ und kritisierte dabei ausdrücklich die Vereinigten Staaten: „Erst gestern kündigte die US-Regierung an, gegen jeden vorzugehen, der den Internationalen Strafgerichtshof unterstützt. Können Sie sich das vorstellen?“ Ethische Grenzen wichen zunehmend dem Streben nach roher Macht, erklärte Santos. „Dies birgt die Gefahr, uns in eine Welt zu führen, in der das Recht des Stärkeren gilt und in der sich die mächtigsten Atomstaaten berechtigt fühlen, bewaffnete Aggression gegen Staaten ohne Atomwaffen einzusetzen.“
Santos verwies zudem auf eine Lücke in der internationalen Steuerung von KI. Bestehende Atomabkommen berücksichtigten die wachsende Einbindung künstlicher Intelligenz in nukleare Befehls-, Kontroll- und Entscheidungssysteme nicht. „Wir sind zutiefst besorgt, dass es derzeit keine verbindlichen globalen Steuerungsmechanismen für KI gibt“, erklärte Santos. Ohne wirksame Regeln lasse sich nicht garantieren, dass KI dem Gemeinwohl diene und sich an Menschenwürde, Verantwortung, Rechenschaft und Rechtsstaatlichkeit orientiere.
Weltweite Friedensbewegung von Ärzten
Der Mitgründer der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), James Muller, beschrieb die Verbindung von KI und Atomwaffen als unmittelbare globale Bedrohung. „Die Verschmelzung von KI und Atomwaffen schafft eine unmittelbare weltweite Gefahr, eine Bedrohung, der einzelne Nationen, verzehrt von ihren geopolitischen Streitigkeiten, nicht begegnen können. Gemeinsames Handeln und eine weltweite Vereinbarung sind nötig“, so Muller. Seine Organisation sei 1980 aus der Zusammenarbeit US-amerikanischer und russischer Ärzte über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg entstanden, sagte Muller; 1985 erhielten die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges den Friedensnobelpreis.
Muller hob auch hervor, wie sehr die katholische Kirche von Beginn an, seit Hiroshima, Initiativen zur Verhütung eines Atomkriegs ethisch und moralisch gestützt habe. Er erwähnte Johannes XXIII. und Johannes Paul II., der seiner Organisation durch ein öffentliches Schreiben dem Vorwurf entzogen habe, sie sei kommunistisch, sowie zuletzt Franziskus und Leo XIV. „Beide Päpste haben den Einsatz und – das wissen sehr wenige Katholiken – sogar den Besitz von Atomwaffen verurteilt“, hielt Muller, selbst Katholik, fest.
Für die Kopplung von KI-Software und nuklearen Systemen sah Muller nur einen Ausweg. KI könne in der Medizin helfen, mache aber Fehler; bei Atomwaffen könnten Fehler die menschliche Existenz treffen. „Die einzige Lösung für dieses Problem besteht darin, die Hardware zu beseitigen, die Waffen abzuschaffen, bevor sie uns mit Hilfe der KI abschaffen“, erklärte Muller. Die Menschheit habe die Intelligenz bewiesen, KI und Atomwaffen zu bauen. Jetzt müsse sie den moralischen Mut aufbringen, die Gefahr ihrer Verschmelzung zu überwinden.
Die Generalsekretärin der Pugwash-Konferenzen und Friedensnobelpreisträgerin von 1995, Karen Hallberg, knüpfte an die Tradition des Russell-Einstein-Manifests an. KI könne das Leben verbessern, ohne wirksame Regeln aber globale Risiken vergrößern. „In Verbindung mit Atomwaffen könnte dies zu Armageddon führen“, sagte die Argentinierin Hallberg. Die Versammlung vereine Nobelpreisträger, politische Entscheidungsträger, Religionsvertreter, Wissenschaftler, Ärzte, Unternehmen, Diplomaten, die Zivilgesellschaft und junge Menschen. „Kein Staat und keine Gruppe kann diese Risiken allein lösen. Die Verantwortung liegt bei uns allen.“
Erklärung von Rom zur Steuerung der KI
Der Physik-Nobelpreisträger David Gross sprach über die geringe öffentliche Kenntnis nuklearer Risiken. Er schätzte die jährliche Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs auf zwei Prozent und leitete daraus eine rechnerische „Halbwertszeit der Menschheit“ von 34 Jahren ab. Gross bezog diese Zahl auf die Familien der Teilnehmer: „Jeder von Ihnen würde gern noch 35 Jahre leben. Ganz sicher Ihre Kinder, Ihre Enkel. Die Chance eines Enkelkindes – meiner einjährigen Enkelin –, ein volles Leben zu führen, ist verschwindend gering. Das ist verrückt.“ Junge Menschen müssten die Tragweite dieses Risikos kennen, so Gross: „Wenn sie erkennen, dass sie wahrscheinlich eine 50-zu-50-Chance haben, 35 Jahre zu leben, werden sie etwas dagegen tun.“
Selbst junge Forschende hätten oft kaum Wissen über die Bedeutung einer Megatonne oder die kurze Vorwarnzeit nuklearer Systeme, erklärte Gross. „Sie wissen nichts. Sie könnten also die Hoffnung der Menschheit sein, aber sie müssen lernen, und wir müssen es ihnen sagen“, so der 85jährige Physik-Nobelpreisträger. Das Wichtigste bestehe darin, „irgendwie das Eis zu durchbrechen und die Menschen auf der Welt vor den Gefahren zu warnen“.
Mit der geplanten „Erklärung von Rom“ wollen die Organisatoren Grundsätze für die internationale Steuerung künstlicher Intelligenz formulieren. Ziel ist eine Sicherheitsordnung, die nicht auf Abschreckung und Macht, sondern auf Zusammenarbeit, Menschenwürde, ganzheitlicher Entwicklung und Frieden zwischen den Völkern beruht. Der Tagungsort der Konferenz ist das Borgo Laudato Si in Castel Gandolfo, auch Papst Leo XIV. ist dort derzeit präsent. Seine erste Enzyklika Magnifica Humanitas galt unter anderem den Risiken der Künstlichen Intelligenz.
Vatican News
(sig)




