News Bild Bischof Gerhard Ludwig und MdB Horst Seehofer eröffnen Woche für das Leben

Bischof Gerhard Ludwig und MdB Horst Seehofer eröffnen Woche für das Leben

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(keb) Mit der Forderung, dass Christen ihre Stimme bewusst Politkern geben sollten, die glaubwürdig christliche Werte vertreten und sich insbesondere für die Unterstützung von Familien und Kindern einsetzen, hat Bischof Gerhard Ludwig am Samstag, 9. April in Abensberg für das Bistum Regenburg die „Woche für das Leben 2005“ eröffnet. In einem von der Katholischen Erwachsenbildung veranstalteten Podiumsgespräch mit MdB Horst Seehofer zum Thema „Kinder – (k)ein Segen?!“ griff der Bischof dabei die Erfahrung des Politikers auf, dass die Politik in der Regel nicht auf Appelle der Kirche reagiert, sondern nur auf Wahlergebnisse, Umfragen und die „öffentliche Meinung“. Im Berufsbildungszentrum St. Franziskus forderte er, „wir müssen die sozialen Flügel der Parteien stärken“, damit auch innerhalb des Meinungsbildungsprozesses in den Parteien die sozialen Aspekte nicht untergehen. Scharf kritisierte der Regensburger Bischof den Neo-Liberalismus als „Schande unserer Zeit“, als neue Form des Kapitalismus, der die Würde und den Wert der Person verachte. Wer dieses „moderne Raubrittertum“ vertrete, dem müsse „auf die Finger geklopft“ werden. Gerade die Familien und die Kinder litten unter den Tendenzen am meisten, die den Gedanken der grundsätzlichen Solidarität der Menschen unterminieren oder offen ablehnen, so Bischof Gerhard Ludwig. In der grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland gehe es derzeit nicht um die eine oder andere „kosmetische Maßnahme“, sondern um ein grundsätzliches Umsteuern.

Familie und Kinder sind ein sehr persönlicher Bereich, aber kein „Privatvergnügen“
Die deutsche Gesellschaft, so der Bischof weiter, habe Fragen von Familie und auch von Kindern zu einer Privatsache, ja zu einem „Privatvergnügen“ werden lassen. Viel zu wenig sei bewusst, das diese Fragen zwar im persönlichen Bereich angesiedelt, aber dennoch von unabsehbarer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Bereits in der Predigt im Gottesdienst hatte der Bischof betont, dass die Frage von Kindern und die Geburtenrate nicht nur unter dem Aspekt der Sicherung der bestehenden Sozialsysteme diskutiert werden dürften. Die Gesellschaft müsse wieder sehen lernen, dass zu einem erfüllten Leben das Zusammensein mehrerer Generationen gehört. Kinder dürften dabei nicht als lästige Störung anderer „wichtiger“ Tätigkeiten gesehen werden. Hier sei Jesus mit seiner scharfen Reaktion auf das Verhalten der Jünger, die ihm bei der Verkündigung des Evangeliums die „Kinder vom Leib halten wollten“ ein bleibendes Beispiel.

Seehofer: Tendenz weg von Sozialstaat und Menschenwürde hin zu reinem Existenzminimum

„In den letzten zehn Jahren sehe ich eine immer stärkere Entwicklung von Sozial- zum Kapitalstaat“ kritisierte in der Diskussion Horst Seehofer die gesellschaftliche Entwicklung über Parteigrenzen hinweg. Darunter litten überdurchschnittlich Familien, Alleinerziehende und Kinder. Alle Lebensbereiche würden zunehmend nur mehr unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Eine Entsolidarisierung und Leugnung der sozialen Mitverantwortung unter dem Motto „Wenn jeder an sich selber denkt, dann ist an alle gedacht“, werde gesellschaftlich immer breiter akzeptiert. Der moderne Sozialstaat habe das Ziel gehabt, allen Bürgern ein Leben in Würde und mit Selbstachtung zu ermöglichen und alle an Arbeit und Wohlstand teilhaben zu lassen. Dass dies bei uns möglich ist, sei im Übrigen bis 1989 im „Kampf der Systeme“ vom Westen für sich beansprucht worden. Dies scheine man heute nicht mehr wissen zu wollen, wenn das Soziale gegen angeblich unabänderliche wirtschaftliche Zwänge ausgespielt werde.

Die Entwicklung der letzen Jahre zeige nun die deutliche Tendenz, sich von diesem modernen Sozialstaat mit der Sicherung der Würde des Menschen zu verabschieden. Statt dessen falle man in einen Fürsorgestaat zurück, der lediglich das Ziel verfolgt, das absolute Existenzminimum sicherzustellen. „Von dieser Entwicklung sind Kinder und Familien in besonderer Weise betroffen. Das gilt für alle Bereiche, von der Ausbildung bis hin zur Vermögensbildung“, nahm Horst Seehofer Bezug auf das Thema, warum Kinder heute nicht immer als Segen empfunden werden. “Vor 30 Jahren ist man wegen des Alters zum Sozialamt gegangen, heute wegen des Kindes“. Dass Kinder heute das „Armutsrisiko Nummer Eins“ sind, sei empirisch eindeutig belegt.

Sparen ja, aber mit Maßstab
Die Politik beklage dieses Faktum zwar grundsätzlich und wortreich, es folgten jedoch keine entschiedenen Taten. Derzeit werde in der Familienförderung gerade einmal das umgesetzt, was das Bundesverfassungsgericht vor Jahren der Politik zwingend auferlegt hat. Kein vernünftiger Politiker könne heute leugnen, dass gespart werde muss, „aber auch das Sparen muss Maßstäbe haben“, kritisierte Horst Seehofer die zahlreichen Einschnitte für die Familien. „Bei jeder einzelnen Maßnahme für sich betrachtet könnte man ja noch sagen, dass es noch zu verkraften ist. In der Summe schaut es für immer mehr Familien aber dann ganz anders aus.“

Werte nicht als Belastung, sondern als Bereicherung erfahren lernen
Um die grundlegende Tendenz zu verändern, appellierte Horst Seehofer vor allem auch an die Kirche, hier entschieden, öffentlichkeitswirksam und mit realem Druck auf die Politik einzuwirken. Haltungen, die Werte wie Solidarität und Mitverantwortung als unwichtig für ein gutes Leben erklären, müssten in ihrer Unmenschlichkeit entlarvt werden. „Es muss uns gelingen, den Menschen zu vermitteln, dass Werte eine Bereicherung für das Leben sind und keine Last, die das Leben weniger lebenswert machen“, appellierte Horst Seehofer an Kirche und Politik. Wenn man dies erreiche, sei für Familien und Kinder ein Klima geschaffen, in dem sie sich viel besser als heute entwickeln könnten.