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Schwierigen Fragen einfühlsam begegnen

Unterstützung statt Abtreibung

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Regensburg, 16. September 2022

„Was denkst du über Abtreibung“, eine Frage, die Bernhard Weiskirch hin und wieder fremden Leuten auf der Straße stellt. Er ist Regionalkoordinator der Lebensrechtsbewegung „ProLife Europe“ in Deutschland. Lange Zeit hatte er in Bezug auf Abtreibung keine wirkliche Position. Erst durch einen Mitbewohner, der sich im Lebensschutz engagierte, begann in ihm innerlich ein Prozess. Er setzte sich mit den Argumenten von Abtreibungsbefürwortern auseinander und besuchte eine Schulung der ProLife Bewegung. Heute hilft er jungen Studenten, beim Thema Lebensschutz sprachfähig zu werden. Im Interview berichtet Bernhard Weiskirch von seinen Erfahrungen bei Straßenaktionen. Außerdem spricht er über das Buch „Genug Geschwiegen!“ der kanadischen Autorin Justina van Manen, das er vor kurzem ins Deutsche übersetzt hat.

Bei Straßenaktionen gehen Sie auf Passanten zu und sprechen mit ihnen über Abtreibung. Wie läuft so ein durchschnittliches Gespräch ab?

Wir fragen ganz einfach: „Was ist Ihre Meinung zum Thema Abtreibung?“ Oft kommt die Antwort, dass das jeder selbst entscheiden muss. Dann stellen wir vor allem Rückfragen, beispielsweise: Wie genau meinst du das denn? Worüber entscheidet man bei einer Abtreibung denn eigentlich? Durch das Nachfragen kommt man dann erst richtig ins Gespräch. Viele Menschen antworten, wenn sie Abtreibungen befürworten, häufig mit Slogans. Es ist wichtig, eine Ebene tiefer zu kommen, denn auf so einer oberflächlichen Ebene kann man kein sachliches Gespräch führen. Schafft man das, gelangt man immer zu der Frage, was denn da eigentlich entfernt wird. Wird da nur „Schwangerschaftsgewebe“ entfernt oder verliert ein Mensch sein Leben? Wir stellen dann unsere Überzeugung vor und auch die naturwissenschaftlichen Begründungen dafür, also dass das menschliche Leben erwiesenermaßen mit der Befruchtung beginnt. Die meisten Menschen sind, auch wenn man es anders erwarten könnte, sehr offen und interessiert und lassen sich auf solche Gespräche ein.

Ändern die Leute nach dem Gespräch ihre Meinung?

Unsere Erwartungshaltung bei Gesprächen ist es nicht, dass der andere aus dem Gespräch rausgeht und seine Meinung vollständig geändert hat. Das liegt auch gar nicht in unserer Hand. Unser Anliegen ist es, dass das Thema den Leuten mehr bewusst wird und das geschieht schon einfach dadurch, dass jemand einmal konkret nach der eigenen Meinung dazu fragt. Wenn die Person dann mit einer neuen Information oder positiv irritiert aus dem Gespräch rausgeht, dann ist schon viel gewonnen. Wichtig ist, mit welcher inneren Haltung man mit den Leuten über Abtreibung redet.

Die da wäre?

Der Vorwurf ist oft, dass wir Frauen verurteilen und ihnen ein schlechtes Gewissen machen. Dabei geben wir uns nur nicht mit einer Scheinlösung zufrieden, bei der ein Mensch sterben muss. Wir versuchen den Frauen nachhaltig zu helfen. Die innere Haltung ist, dass wir uns bewusst machen, in welcher schwierigen Situation eine Frau ist, wenn sie über Abtreibung nachdenkt. Einer der größten Gründe für Abtreibung ist, das wissen wir von Beratungsorganisationen, dass der Partner das Kind nicht möchte und direkt oder indirekt die Frau zu einer Abtreibung drängt. Das ist in 30-40 Prozent der Fälle so. In der Öffentlichkeit heißt es aber häufig, Abtreibung sei die selbstbestimmte, freie Entscheidung der Frau. Das passt also in Wahrheit nicht zusammen. Dann gibt es natürlich noch viele weitere Gründe, sei es, dass der Zeitpunkt scheinbar nicht der richtige ist, dass finanzielle Ressourcen nicht da sind, dass die Familie keine Unterstützung anbietet. In diesen Notsituationen versucht die ProLife-Bewegung durch verschiedene Beratungsorganisationen Frauen eine Brücke zu bauen. Diese bieten finanzielle Unterstützung und Schwangerschaftsmentoring an. Auch gibt es Personen, die den Frauen während der Schwangerschaft und danach helfen. Bei Bedarf vermitteln sie auch Paartherapie.

Bernhard Weiskirch mit Buch

Sich in der Öffentlichkeit gegen Abtreibung zu positionieren, ist mutig. Aber auch im privaten Gespräch unter Kollegen beispielsweise, ist es gar nicht so einfach, die eigene Haltung gut zu vermitteln. Was ist Ihr Tipp, wenn’s um Gespräche über Abtreibung geht?

Man kann den Gesprächspartner immer konkretisieren lassen, wie er bestimmte Aussagen meint. Indem man fragt, wie meinst du das, oder was meinst du damit konkret? Oder indem man auch einfach fragt, wie er zu dieser Überzeugung gekommen ist. Dann wird der Gesprächspartner die Argumente für seine Haltung erklären und dann kann man den Gesprächspartner schon gleich viel besser verstehen. Es ist wichtig, dass der andere merkt, ich habe wirkliches Interesse an seiner Meinung und nehme ihn ernst. Es geht nicht darum, dem anderen die eigene Meinung aufzudrücken. Zuerst einmal geht es darum, eine gemeinsame Basis zu finden. Der Gesprächspartner muss erkennen können, dass wir die Umstände, in denen eine Frau eine Abtreibung erwägt, ernst nehmen und nicht herunterspielen. Dann empfehle ich natürlich das Buch „Genug Geschwiegen!“ von Justina van Manen. Da geht es genau darum, wie man in Gesprächen über Abtreibung kompetent und einfühlsam bleibt. Das Buch ist ein Nachschlagewerk für Lebensschützer. Nach meiner ersten Erfahrung bei einer Straßenaktion in Berlin dachte ich mir, eigentlich müsste man mal ein Buch schreiben, in dem alle Argumente ausführlich darstellt sind. Dann habe ich herausgefunden, dass es so ein Buch bereits gibt, nur noch nicht in deutscher Sprache. Mit der Unterstützung von ProLife Europe, der Stiftung Ja zum Leben und dem Bernardus Verlag habe ich mich an die Übersetzungsarbeiten gemacht und nun gibt es das Buch auch in Deutsch zu kaufen.

Was hat Sie an dem Buch so fasziniert, dass Sie es sogar übersetzt haben?

Die Autorin engagiert sich selbst seit Jahren im Lebensschutz, war bei zahlreichen Straßenaktionen dabei. Im Prinzip hat sie in ihrem Buch die ganze apologetische Literatur, die es zu diesem Thema schon gibt, geordnet und zusammengetragen. Die Überblicke, die daraus entstanden sind, hat sie dann angereichert mit den Erfahrungen, die sie und ihre Kollegen bei den Gesprächen auf der Straße gesammelt haben. Das Buch führt einmal durch alle Argumente und Gegenargumente durch und zu jedem Argument gibt es ein Gesprächsbeispiel aus der Praxis, was sich wirklich so zugetragen hat. Konkret kann der Leser vorne im Buch im Verzeichnis schauen, an welchem Punkt man beispielsweise im Gespräch ins Stocken gekommen ist und auf welche Weise man beim nächsten Mal besser antworten kann.

Zum Schluss: Was würden Sie Menschen raten, die sich wie Sie für das Leben einsetzen wollen?

Ich würde sagen, dass es sicher viele Menschen gibt, die sich für das Leben einsetzen möchten, aber vielleicht Angst haben, sich nicht genug auszukennen, das Falsche zu sagen, nicht antworten zu können oder Verurteilung und Beschimpfungen fürchten, wenn sie dazu den Mund aufmachen. Meine Erfahrung ist, dass das Sprechen über die Lebensschutzposition leicht erlernbar ist und dass man mit ein wenig Übung viele Gespräche mit positivem Ausgang führen kann. Wie mit jeder neuen Fähigkeit gibt es einige Grundregeln und -fakten, die man kennen sollte. Und dann gilt es, sich die ersten Male aus der eigenen Komfortzone zu trauen, Menschen einfach anzusprechen, sich beim Lernen Fehler zuzugestehen, aus diesen zu lernen und immer einfühlsamer und präziser in der Argumentation zu werden. Mit dem Buch von Justina van Manen und unseren Gesprächsschulungen von ProLife Europe wollen wir den Menschen die Möglichkeit bieten, einen einfachen Einstieg in das Thema zu schaffen. Wenn jeder Mensch, der sich für die ungeborenen Menschen einsetzen möchte, lernt, gute Gespräche zu führen, können wir vielen Frauen Abtreibungen ersparen und viele Menschenleben retten.

Fotos: ProLife Europe
Fragen: Jacinta Fink

Weitere Infos

ProLife Europe ist eine Lebensrechtsbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor allem junge Studenten beim Thema Lebensschutz sprachfähig zu machen. Sie bieten Schulungen an, unterstützen junge Leute bei der Gründung einer ProLife-Hochschulgruppe und führen Outreach-Aktionen durch. Letzteres können Gespräche auf der Straße sein, Infostände oder Podiumsdiskussionen. Darüber hinaus macht die Bewegung auf Unterstützungsangebote für schwangere Frauen aufmerksam.

Das Buch Genug Geschwiegen! ist im Bernadus-Verlag erschienen.