News Bild Beginn der christlichen Mystik: Das „Corpus Dionysiacum“ (5. Jhd.)

Beginn der christlichen Mystik: Das „Corpus Dionysiacum“ (5. Jhd.)

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Bis heute rätselt man, wer sich eigentlich hinter dem Pseudonym „Dionysius Areopagita“ verbirgt. Wahrscheinlich war er ein syrischer Mönch (oder sogar ein Bischof) um das Jahr 500. Doch egal, wer letztendlich für lange Zeit von der kirchlichen Tradition mit dem gleichnamigen Schüler des Apostelfürsten Paulus (Apg 17, 34) identifiziert wurde, dessen die Kirche am 3. Oktober gedenkt: Die gesamte mystische Tradition des Christentums ist ohne seine Texte nicht denkbar. Dass Gott alles Erkennen übersteigt und wir gleichsam geblendet sind von seinem strahlenden Licht ist dabei einer seiner Grundgedanken.

 

Was ist das „Corpus Dionysiacum“?

Insgesamt vier Schriften sind von Pseudo-Dionysius erhalten geblieben – und ergeben das sogenannte „Corpus Dionysiacum“ beziehungsweise „Corpus Areopagiticum“.

Die Schriften heißen: „Über die mystische Theologie“, „Von den Göttlichen Namen“, „Über die Himmlische Hierarchie“ und „Über die Kirchliche Hierarchie“. Sie beeinflussten das Denken von Maximus Confessor und Johannes Scotus Eriugena über Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Meister Eckhart bis hin zu Edith Stein, die die Schriften des Pseudo-Dionysius auch übersetzte.

 

Gott ist unerkennbar – es sei denn, er offenbart sich selbst: „Über die mystische Theologie“ und „Von den Göttlichen Namen“

Gott übersteigt alles Sein und Erkennen; sein unermessliches Licht kann der begrenzten menschlichen Fassungskraft deshalb nur als Dunkelheit erscheinen. Ebenso kann über Gott als dem „überwesentlich Einen“ sprachlich nichts ausgesagt werden – Aussagen über Gott können vielmehr nur in verneinender, „negativer“ Weise getroffen werden.

Dennoch kann Gottes Wirken nach außen wahrgenommen werden - in seiner Selbstoffenbarung oder in der Schöpfung -  und so Aussagen über Gott ermöglichen. Denn da der Schöpfer dem Geschaffenen bestimmte Eigenschaften verliehen hat, muss er sie selbst besitzen - er kann nicht weniger sein als das von ihm Verursachte. Die „positiven“ Aussagen der Offenbarung bleiben bei Pseudo-Dionysius als wahr anerkannt, doch beziehen sie sich nicht auf Gottes Wesen, sondern nur auf seine Wirkung. Außerdem sind sie der notwendige Anfangsbestandteil eines Erkenntnisprozesses, der in seinem späteren Verlauf ein Weg vom Bewirkten zur Ursache, von der Vielheit zum Einen ist. Hierbei gelangt Pseudo-Dionysius jedoch zum Ergebnis, dass diese Namen und Bezeichnungen Gott nicht wirklich zukommen können, da sie seiner Transzendenz nicht gerecht werden. Da sie keine gültigen Aussagen über sein Wesen sind, müssen sie negiert werden.

Aber auch die Negationen erweisen sich als nicht wirklich zutreffend; da sie ebenfalls unzulänglich sind, müssen auch sie verneint werden. Dies bedeutet jedoch nicht eine Rückkehr zu positiven Aussagen, sondern eine Hinwendung zu „Über-Aussagen“ mit dem Präfix über- (griechisch hyper-, lateinisch super-), etwa „überseiend“ oder „übergut“. Letztlich sind aber auch die Über-Aussagen nur Hilfsmittel und nicht Tatsachenbehauptungen über das Wesen Gottes. Erst durch die letzte Negation, mit der man jede Art von Bestimmungen übersteigt, wird in der Annäherung an die göttliche Wirklichkeit der entscheidende Schritt getan: Die Namenlosigkeit wird mit dem „unaussprechlichen Namen“ identifiziert, welcher der Grund aller Namen und Benennungen ist und als solcher alle Namen vereinigt. Somit führt die Vollendung der Entleerung zur vollendeten Fülle, absolute Leere und absolute Fülle erweisen sich als identisch.

 

"Heilige Unwissenheit": Das sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ gilt auch in der christlichen Mystik

Durch diesen schrittweisen Vollzug der Negationen vollbringt die Seele einen Aufstieg, der sie von der vertrauten Gedankenwelt abbringt und so zu Gott hinführt. Der nach Erkenntnis Strebende gelangt zur Einsicht in sein eigenes Nichtwissen und Nichterkennen; die „negative Theologie“ führt ihn zur Wortlosigkeit und damit zum Schweigen. Seine Bemühungen, mittels der auf Sinneswahrnehmungen fußenden Vorstellungen und davon ausgehenden diskursiven Denkprozesse ans Ziel zu gelangen, sind gescheitert. Solches Scheitern erweist sich als Voraussetzung dafür, dass er eine authentische Beziehung zu Gott erlangt.

Im Mittelalter wurde das von Pseudo-Dionysius dargelegte Konzept der „negativen Theologie“ sowohl von westlichen, lateinischsprachigen als auch von östlichen, griechischsprachigen Theologen rezipiert. Im Westen wurde es ebenso wie im Osten als fester Bestandteil der kirchlichen Lehre etabliert. Im Jahr 1215 legte das Vierte Laterankonzil fest, es könne zwischen „Schöpfer und Geschöpf keine Ähnlichkeit festgestellt werden, ohne dass eine noch größere Unähnlichkeit zwischen ihnen anzugeben wäre“.

Papst Benedikt XVI. lobte 2008 diese "heilige Unwissenheit" des Areopagiten: "Heute hat Dionysius Areopagita eine neue Aktualität: Er erscheint als großer Vermittler im modernen Dialog zwischen dem Christentum und den mystischen Theologien Asiens, deren Wesensmerkmal in der Überzeugung liegt, dass man nicht sagen könne, wer Gott ist; man kann von ihm nur in negativen Formen sprechen; man kann von Gott nur mit dem »Nicht« sprechen, und nur, wenn man in diese Erfahrung des »Nicht« eintritt, gelangt man zu ihm. Und hier erkennt man eine Ähnlichkeit zwischen dem Denken des Areopagiten und jenem der asiatischen Religionen: Er kann heute ein Vermittler sein, wie er es zwischen dem griechischen Geist und dem Evangelium gewesen ist."

 

 

Wie im Himmel so auf Erden: „Über die Himmlische Hierarchie“ und „Über die Kirchliche Hierarchie“

Die geistliche und die materielle Welt weisen eine Stufenordnung auf. Alles, was ist, ist Ausfluss (Emanation) Gottes. Pseudo-Dionysius vereint diese bei Neuplatonikern wie Plotin und Proklus auftretende Weltsicht mit dem biblischen Schöpfungsglauben.

In Anlehnung an Röm 8,28 unterteilt Pseudo-Dionysius die Engel in drei Hierarchien mit jeweils drei Rängen, abhängig von ihrer Nähe zu Gott. Diese „Neun Chöre der Engel“ wurden auch durch Papst Gregor I. und Thomas von Aquin übernommen. Er unterscheidet: Seraphim, Cherubim und Thronengel (Erste und höchste Hierarchie); Herrschende, Tugenden und Mächte (Zweite Hierarchie); Häupter, Erzengel und Engel (Dritte Hierarchie).

Die hierarchische Stufenordnung innerhalb der Kirche wiederum entspricht jener Stufenordnung alles Seienden. Pseudo-Dionysius befasst sich mit dem Wesen und den Stufenordnungen der Kirche, ihren drei Sakramenten (Taufe, Eucharistie und Ölung), ihren drei lehrenden Ständen (Bischöfe, Priester und Diakone) und den drei untergebenen Ständen (Mönche, Gemeindeglieder und die in eine Klasse vereinigten Katechumenen, Energumenen und Büßer).

 

Literaturtipps

-  Dionysius Areopagita: „Über alles Licht erhaben. Mystische Theologie – Die Namen Gottes – Himmlische Hierarchie – Kirchliche Hierarchie. Die Werke übersetzt von Edith Stein.“, Kevelaer 2015.

-  Beate Regina Suchla: „Dionysius Areopagita. Leben – Werk – Wirkung.”, Freiburg im Breisgau 2008.

- Benedikt XVI: Generalaudienz über Pseudo-Dionysius Areopagita, 14. Mai 2008.