podiumsdiskussion mit bischof voderholzer und peter aumer

30. Regensburger Zukunftsforum zu „Mensch. Fortschritt. Verantwortung.“

„Mensch muss im Mittelpunkt stehen“


Beratzhausen/Regensburg, 16. September 2026.

Alle Sitzplätze im Bürgersaal des Beratzhausener Zehentstadels waren besetzt, viele Gäste mussten mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Aus dem ganzen Landkreis strömten Interessierte zum nunmehr 30. Regensburger Zukunftsforum, einer seit vielen Jahren vom Bundestagsabgeordneten Peter Aumer angebotenen Gesprächsveranstaltung zu unterschiedlichen Themen. „Mensch. Fortschritt. Verantwortung.“ und „Wohlstand sichern. Zusammenhalt stärken. Zukunft gestalten.“ bildeten diesmal den thematischen Rahmen. Dazu bezogen der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, bis August Sprecher der Geschäftsführung der Reinhausen GmbH, und der Beratzhausener Bürgermeister Matthias Beer Stellung.

In seiner Einführung erinnerte Aumer an das 13. Zukunftsforum, das im Februar 2013 ebenfalls in Beratzhausen mit der damaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm stattfand. Mit Blick auf das Thema der Veranstaltung merkte er an, dass sich die Welt nach der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nun in einer Phase der Digitalisierung befände, die stark von künstlicher Intelligenz (KI) dominiert werde. Dabei müsse man nach dem Miteinander von Mensch und Computer und nach den Grenzen ihres Zusammenwirkens fragen. „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“, forderte der Bundespolitiker. Die Politik müsse dies im Blick haben. Die im Mai veröffentlichte erste Enzyklika von Papst Leo XIV. mit dem Titel „Magnifica humanitas“ habe genau diese Aspekte im Fokus.

„Die KI denkt nicht, sie rechnet“

„Die KI denkt nicht, sie rechnet“, stellte Bischof Dr. Voderholzer zu Beginn seines Statements fest, verwies aber auch auf Chancen, Risiken und Gefahren dieser Technik. Die Enzyklika, so der Bischof, stelle sich in den Kontext der katholischen Soziallehre. Mit „Rerum novarum“ begründete Papst Leo XIII. 1891 die moderne katholische Soziallehre; Papst Pius XI. entwickelte sie 1931 mit „Quadragesimo anno“ weiter. Beide Enzykliken gaben Antworten auf die sozialen Fragen ihrer Zeit. Das christliche Menschenbild – der Mensch als Ebenbild Gottes – und die Gestaltung des Gemeinwesens spielten dabei eine wichtige Rolle. Als Prinzipien der katholischen Soziallehre, die besonders auch von Papst Johannes Paul II. fortentwickelt wurde, gelten: Personalität, Subsidiarität, Solidarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit. Die Enzyklika wende diese Prinzipien und die damit gegebenen Kriterien zur Beurteilung der nach Papst Leo größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts an.

Angesichts jüngster Berichte über sich verselbstständigende KI-Modelle griff Bischof Rudolf die Frage des Papstes auf, ob sich die Maschinen künftig noch kontrollieren ließen und ob der Mensch Gefahr laufe, ein Opfer seiner eigenen Erfindungen zu werden. Er unterstrich die Einschätzung des Papstes, wonach die aktuelle digitale Revolution höchst ambivalent sei. Zur Veranschaulichung griff der Bischof zwei biblische Bilder aus der Enzyklika auf: den Turmbau zu Babel und den Wiederaufbau Jerusalems unter Nehemia. Der Turmbau zu Babel stand für menschliche Selbstüberschätzung und ein Vorhaben ohne Gott. Beim Wiederaufbau Jerusalems unter Nehemia standen dagegen Gemeinschaft und die Wiederherstellung von Beziehungen im Mittelpunkt. Künstliche Intelligenz könne zur Beherrschung des Menschen beitragen oder als Werkzeug für eine menschliche Welt dienen.

Mit Papst Leo verwies der Bischof auf die Problematik, dass die Macht über Plattformen, Daten und Rechenleistung in den Händen weniger privatwirtschaftlicher Unternehmen liege und sich damit öffentlicher Kontrolle entziehen könne – eine Gefahr für die Demokratie und die Solidarität unter den Völkern. Dazu kämen der Kampf um Rohstoffe, Auswirkungen auf die Arbeit und den Arbeitsmarkt sowie die Vorstellung einer Verbesserung des Menschen durch technische Mittel. Dem setzt die Enzyklika die Herzensbildung entgegen, die zur persönlichen Reifung und Heiligung führe.

Zum Schluss stellte der Regensburger Oberhirte die menschliche Intelligenz der Rechenleistung künstlicher Systeme gegenüber. Der Mensch verfüge über ein Gewissen, könne Verantwortung übernehmen und zur Weisheit gelangen. Die KI hingegen habe weder Bewusstsein noch moralische Verantwortlichkeit. Vor lauter künstlicher Intelligenz dürfe man die natürliche Intelligenz nicht vergessen, mahnte er.

Fünf D-Begriffe heute wichtig

Aus der Sicht eines weltweit agierenden Unternehmens brachte Dr. Maier-Scheubeck seine Standpunkte ein. Einleitend stellte er fest, dass die Wirtschaft ohne den Menschen nicht denkbar sei. Außerdem machte er deutlich, dass in seiner Firma „der Mensch stärker als Mittelpunkt denn als Mittel“ betrachtet werde – auch wenn das wegen der sich ständig ändernden Rahmenbedingungen nicht immer leicht sei.

Besonders ging er auf die fünf D-Begriffe ein, die gegenwärtig Wirtschaft und Gesellschaft prägten: Deglobalisierung (amerikanisch dominierter Block, chinesisch dominierter Block, blockfreie Staaten), Demografie, Destabilisierung (etwa durch Kriege), Dekarbonisierung (Energiewende, Klimawandel) und Digitalisierung. „Die Digitalisierung ist wichtig, um die negativen Aspekte der anderen vier D auszugleichen“, merkte Maier-Scheubeck an. Dabei spiele die KI eine wichtige Rolle. Ihm seien sowohl die Chancen als auch die Risiken der Digitalisierung bewusst. Er sprach auch über die Kontrolle der KI, mögliche Informationsabflüsse und machtpolitische Fragen.

Ambivalente Erfahrungen und Eindrücke

„Der Staat hat bei der KI noch viel Nachholbedarf“, lautete die Eingangsthese von Matthias Beer. Obwohl sein Rathaus inzwischen auch beim Telefondienst KI einsetze, werde die Frage nach der Verantwortung im Umgang mit KI die Menschen „noch viel fordern“, sagte der Bürgermeister.

Der Beratzhausener Rathauschef berichtete von unterschiedlichen Erfahrungen. „Die KI wird langfristig Kosten sparen, der öffentliche Dienst hat noch Optimierungschancen. Die Region muss bei der KI und Digitalisierung aktiv werden, auch durch eigene Rechenzentren“, erklärte Beer. Andererseits beklagte er zahlreiche umfangreiche, mit KI bearbeitete Stellungnahmen von Bürgern zum Bebauungsplan, deren Bearbeitung mehr Zeit beanspruche.

Verantwortung und Kontrolle

Beim Podiumsgespräch rückte dann die Verantwortung ins Zentrum. Bischof Dr. Voderholzer forderte eine „Erziehung zu einer gewissen Verantwortungsfreude“ – auch im Blick auf das Engagement in Gruppen, Vereinen, Verbänden und in der Politik. Außerdem sprach er den Wert von Arbeit für die menschliche Selbstverwirklichung an. Dazu gehöre aber auch die Bereitschaft, sich anzustrengen. Diese Bereitschaft scheine derzeit abzunehmen, möglicherweise auch durch KI. Maier-Scheubeck betonte das Subsidiaritätsprinzip der Soziallehre: Entscheidungen seien dort zu treffen, wo die Verantwortlichen seien. KI könne hier unterstützen.

Die Wortmeldungen aus dem Publikum betrafen Schulen und Hochschulen (z. B. den Aufbau sozialer Kompetenzen), die Regulierung und Kontrolle von KI und sozialen Medien („KI-Führerschein“) sowie den Kinder- und Jugendschutz.

In der Schlussrunde erklärte Maier-Scheubeck, dass KI sowohl Angst und Unbehagen als auch Lust und Freude auslöse. Bestimmte Parameter hätten sich auf die KI verlagert. Dem müsse man (selbst)kritisch begegnen. Matthias Beer empfahl, der KI gegenüber neugierig und zugleich skeptisch zu bleiben und vor allem die Quellen zu prüfen.

Bischof Rudolf bezeichnete den Umgang mit KI als Querschnittsaufgabe für alle Bildungsbereiche. In der Schule müsse die KI in allen Fächern angesprochen werden. Sie solle den Menschen helfen. Die Menschen dürften ihr jedoch nicht alles glauben, sondern müssten kritisch bleiben. „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen.“

Text und Fotos: Markus Bauer
(SG)



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