pater thomas handgraetinger

Zum Tod von Altabt Thomas Handgrätinger

Ein Leben im Dienst der Gemeinschaft


Windberg, 28. Juli 2026

Die Prämonstratenser-Abtei Windberg, das Bistum Regensburg, der Landkreis Straubing-Bogen und die weltweite Gemeinschaft der Prämonstratenser trauern um eine herausragende und geschätzte Persönlichkeit. Am Freitag, den 24. Juli 2026, hat Pater Thomas Handgrätinger, Abt emeritus von Windberg und Generalabt emeritus der Prämonstratenser, nach schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren seine Augen für immer geschlossen. 

Er war vor acht Jahren dorthin zurückgekehrt, wo sein Herz seine Heimat gefunden hatte – in sein geliebtes Kloster Windberg, getragen von der Pflege seiner Mitbrüder um Abt Petrus-Adrian Lerchenmüller. Sein Lebensweg, den er stets unter das biblische Leitwort „in manus tuas“ (In deine Hände) stellte, hat sich vollendet. Wir nehmen Abschied von einem weisen Denker, einem humorvollen Seelsorger und einem glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums.

Ein bewusster Weg: Die Suche nach der richtigen Berufung

Thomas Handgrätinger, der auf die Vornamen Sieger und Anton getauft wurde, war ein Mann, der sich selbst nie in den Vordergrund stellte. „Er ist kein Selbstdarsteller, sondern dient einem größeren Ganzen“, beschrieben ihn Wegbegleiter. Wie er in einem persönlichen Gespräch berichtete, war sein Weg in den Orden kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines bewussten Kennenlernens und Suchens. Schon in seiner Kinder- und Jugendzeit – aufgewachsen mit seinem Zwillingsbruder und einem älteren Bruder in der Obhut der Mutter - kam er mit ganz unterschiedlichen spirituellen Welten in Berührung: Durch das Franziskanerkloster direkt neben seinem Elternhaus in Ulm ging er regelmäßig ein und aus, lernte im Laufe der Jahre durch den Schulbesuch aber auch die tiefgründige Welt der Benediktiner und die intellektuelle Schärfe der Jesuiten kennen. Doch als er kurz nach dem Abitur im Jahr 1963 vor der endgültigen Entscheidung stand, zog es ihn ganz bewusst nach Windberg zu den Prämonstratensern. Es war die besondere Verbindung von klösterlicher Gemeinschaft (communio) und dem direkten Wirken unter den Menschen, die ihn faszinierte. Für diesen Ruf gab der gebürtige Schwabe bereitwillig auf, was der Welt wichtig ist: seinen Namen, seinen Besitz und sein Privatleben. Als Jugendlicher hatte er sich eigentlich eine große Familie gewünscht – „unter drei Kindern wäre es gar nicht gegangen“ –, doch er entschied sich um, weil er ganz für die Menschen und Gott da sein wollte. „Das war sicher idealistisch, aber ohne ideellen Anschub kann man den Schritt nicht packen“, reflektierte er später.

Ein glaubwürdiges Lebenszeugnis der Bescheidenheit

Er lebte das Ideal der ordenseigenen Armut konsequent vor – ein Leben ganz ohne teure Uhr oder großes Auto. Er bewies zeitlebens Mut zur Veränderung und scheute keine Reibungspunkte. In seiner Studienzeit in Innsbruck und München erlebte er die 68er-Bewegung hautnah mit, demonstrierte für den Frieden und attackierte im Aufbruchsgeist Professoren. Als das Zweite Vatikanische Konzil alte Regeln hinwegschwemmte und es zu Konflikten zwischen jungen und älteren Patres kam, erkannte Handgrätinger früh: „Es ist viel wichtiger, etwas mit Geist und Leben zu füllen, anstatt gehorsam Regeln zu befolgen.“

Eine Herzensangelegenheit: Mit der Jugend den Glauben lebendig leben

Besonders tief verwurzelt war Pater Thomas, wie er am liebsten genannt wurde, in der Jugendarbeit. Fast 20 Jahre lang leitete er die Jugendbildungsstätte Windberg und entwickelte sie zur ersten staatlich anerkannten Einrichtung dieser Art in Bayern. Unter seiner Führung schafften es die Windberger Chorherren, junge Menschen in Scharen für die Kirche zu begeistern. Die Patres waren nahbar, gingen oft in normaler Straßenkleidung statt im Habit und waren schon damals „cool“, als es das Wort in dieser Bedeutung noch gar nicht gab. Pater Thomas verstand es, Ernsthaftigkeit mit unbändiger Lebensfreude zu verknüpfen. Weil er im Knabenseminar einst vom Tanzkurs ausgeschlossen worden war, holte er das Tanzen später im Kloster auf unkonventionelle Weise nach. Windberger Mädchen forderten die Novizen bei Dorfbällen auf, und Handgrätinger baute später sogar den griechischen Volkstanz Sirtaki in die Jugendarbeit und in religiöse Seminare zum „liturgischen Tanz“ ein. Er lachte gern, war Kreisjugendseelsorger und ein hochgeschätzter Partner für den Kreisjugendring. Der Bayerische Kultusminister ehrte ihn dafür 1993 mit der Medaille „Pro Meritis“ und würdigte ihn in der Laudatio als das „Idealbild des weltzugewandten, einfühlsamen und verständnisbereiten Geistlichen“. Neben all seinen Tätigkeiten als Jugendseelsorger, war er jahrzehntelang Ordensoberer. Zudem trieb er wegweisende Projekte voran, wie die historische Wiederbesiedlung des schwäbischen Klosters Roggenburg im Jahr 1982. Auch hier wurde eine Bildungsstätte für Familie, Umwelt und Kultur geschaffen. 

Der „Baumeister der Einheit“ in Rom

Seine kommunikative Art, sein diplomatisches Geschick und seine gelassene, pädagogisch geschulte Autorität führten ihn schließlich auf die höchste Ebene des Ordens. Er wurde im Mai 1994 von Bischof Manfred Müller zum 46. Abt von Windberg geweiht – nach 200 Jahren erstmals wieder ein Abt in Windberg. Nachdem er die folgenden Jahre die Geschicke der Abtei gelenkt hatte, wurde er 2003 zum 64. Generalabt gewählt und zog für 15 Jahre nach Rom. In diesem Amt trug er die Verantwortung für rund 1.500 Mitbrüder und Schwestern weltweit. Sein Leben in der römischen Zeit war vollgepackt; an rund 160 Tagen im Jahr war er weltweit auf Reisen, um bei Wahlen, Jubiläen und schweren Momenten präsent zu sein. Er verstand sich selbst als Brückenbauer: „Ich habe mich in meiner weltweiten Arbeit in Rom immer als ein 'Baumeister der Einheit' verstanden. Es geht darum, das Verbindende über das Trennende zu stellen.“ Seine Vision war es, die Idee der communio – der tiefen Gemeinschaft – auf den weltweiten Orden zu übertragen und die selbstständigen Häuser wie ein Bundespräsident zusammenzuhalten. Durch diesen globalen Austausch öffnete er den Orden weit zur Welt hin. Für diese beispiellosen Verdienste wurde ihm vor mehr als 20 Jahren das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Verantwortung und die Grenzen des Handelns 

Doch die Verantwortung der Leitungsämter forderte auch schmerzhafte Abwägungen. Pater Thomas war immer bemüht um eine authentische Lebensführung und blieb doch bisweilen hinter diesem Anspruch zurück; so hat er auch Entscheidungen in seinem Leben getroffen, die heute sicher anders getroffen werden müssten. Dies betrifft das Ringen um die Aufklärung von Missbrauchsfällen – eine Realität, die für ihn persönlich zeitlebens unvorstellbar war. Obwohl er das Leid der Opfer und das Versagen der Verantwortlichen als ‚unentschuldbare Katastrophe für uns‘ benannte, scheiterte er am Ende an der Radikalität dieser Aufarbeitung. Es betrifft aber auch strategische Entscheidungen seiner Amtszeit, deren Tragweite sich erst später offenbarte und die seine Nachfolger vor große Aufgaben stellen. Und doch bleibt neben diesen Brüchen das Bild eines Mannes, dessen großes Herz für die Gemeinschaft schlug und dessen reiches spirituelles Wirken den Orden weit über seine Amtszeit hinaus prägen wird.

Die Heimkehr und die „Lust auf Zukunft“

Trotz des weltweiten Rampenlichts blieb er im Herzen der bodenständige Seelsorger, der nicht einmal kochen konnte – „außer Kaffee und ein weiches Ei“ – und im Kloster am liebsten einfach in den gemeinsamen Speisesaal ging. Als er 2018 nach Windberg in sein einfach eingerichtetes Zimmer zurückkehrte, tat er dies mit tiefer Dankbarkeit. Gefragt nach der Bilanz seiner römischen Jahre, antwortete er mit seinem unnachahmlichen, feinen Humor, er habe in der Zeit zwar sichtlich Haare verloren, aber „nicht meinen Glauben, nicht meine Zuversicht, nicht meine Lebensfreude, gerufen und berufen zu sein, mit meinen Mitbrüdern auf dem Weg zu Gott und in dieser Kirche für Menschen da zu sein“. Bis zuletzt blieb er ein Optimist, der sich vehement gegen jede klerikale Krisenstimmung stellte. In seinen Büchern und Vorträgen betonte er unermüdlich: „Wir dürfen nicht in der Asche der Vergangenheit wühlen, sondern müssen die Glut weitertragen. Wir brauchen wieder echte Lust auf Zukunft.“ Für ihn bot die Glaubensbotschaft der Kirche die einzig wahre Antwort auf die existenziellen Fragen der Menschheit.

Nun hat Pater Thomas sein Leben in Gottes Hände zurückgelegt. Er hinterlässt ein bleibendes Vermächtnis der Nächstenliebe: „Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit Gott bei den Menschen zu sein – und zwar besonders dort, wo die Not, die Armut oder die Einsamkeit am größten ist.“ Seine Wärme, seine tiefe Weisheit und sein herzliches Lachen werden uns schmerzlich fehlen, aber sein Licht brennt in den Herzen unzähliger Menschen weiter.

Das Requiem wird am Montag, den 3. August 2026 um 11 Uhr in der Pfarr- und Klosterkirche Windberg gefeiert; anschließend wird P. Thomas im Konventgrab seine letzte Ruhestätte finden. Das Requiem wird im Livestream übertragen: www.youtube.com/@pfarreiwindberg

Text: © Irmgard Hilmer im Auftrag der Abtei Windberg
(jas)



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