News Bild „Vom Geist der Liturgie“ – zeitloses Meisterwerk von Romano Guardini

„Vom Geist der Liturgie“ – zeitloses Meisterwerk von Romano Guardini

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Vor 100 Jahren ist das Buch „Vom Geist der Liturgie“ von Romano Guardini erschienen. Es ist nicht nur ein Klassiker, sondern ein Buch, das in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) und bis heute viele wichtige Impulse gegeben hat und gibt. Romano Guardini, 1885 in Verona geboren und in Mainz aufgewachsen, wirkte als Religionsphilosoph sowie auf dem Lehrstuhl für katholische Weltanschauung unter anderem in Berlin, später in Tübingen, dann in München. Er starb 1968. Erst Ende des vergangenen Jahres wurde ein Verfahren zu seiner Seligsprechung eröffnet. Im akademischen Betrieb der Theologie ist Romano seinen eigenen Weg gegangen. Seine pädagogischen und religionsphilosophischen Veröffentlichungen und vor allem auch Vorträge haben Generationen von jungen Menschen sowie überhaupt Theologen geprägt.

 

Leitfaden für die Liturgiewissenschaft

Im Anschluss an eine feierliche Pontifikalvesper in der Regensburger Schottenkirche St. Jakob eröffnete Bischof Dr. Rudolf Voderholzer eine Ausstellung über das bedeutende Buch von Romano Guardini: „Vom Geist der Liturgie“. In seiner Predigt während der Vesper zitierte Bischof Rudolf wichtige Passagen aus diesem kleinen Büchlein. Erst vor ein paar Tagen hat er es selbst noch einmal auf dem Hin- und Rückflug von Rom gelesen. Das Büchlein ist zwar nicht allzu dick, der Inhalt dafür umso bedeutender, betonte Bischof Rudolf. „Ich würde auch jedem empfehlen, dieses Buch einmal zu lesen und die Gedanken von Guardini zu beherzigen“, gab er den Gläubigen mit auf den Weg. Mit seinem Buch, das 1918 erschienen ist, setzte er maßgebliche Weichen für die liturgische Bewegung, die sich auch im Zweiten Vatikanum niederschlug. Am Ende seiner Predigt bedankte sich Bischof Voderholzer bei allen Verantwortlichen der Ausstellung. „Es hätte keinen besseren Ort für diese Ausstellung geben können als im Kreuzgang der ehrwürdigen Schottenkirche“, freute sich Bischof Rudolf. Er wünsche sich auch “viele Besucher für diese Ausstellung, die den Geist von Romano Guardini aufgreifen und beherzigen“.

 

 

Zeitloses Meisterwerk in verständlicher Sprache

Im Anschluss an die Vesper führten Dr. Walter Zahner, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bistum Regensburg, sowie Kurator der Ausstellung Stefan Langenbahn in die Ausstellung ein. Domkapitular Thomas Pinzer, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bistum Regensburg, bedankte sich im Vorfeld bei allen Kooperationspartnern für die Umsetzung und Durchführung der Ausstellung. Bei der Ausstellung in Regensburg wirken zusammen das Akademische Forum Albertus Magnus, das Institutum Liturgicum Ratisbonense, das Priesterseminar Regensburg, Domplatz 5, die Hauptabteilung Seelsorge des Bistums Regensburg und die Katholische Erwachsenenbildung in der Stadt Regensburg. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Abt-Herwegen-Institut Maria Laach und wird vom Deutschen Liturgischen Institut mit Sitz in Trier mitgetragen.

In zehn Vitrinen erwarten die Besucher der Ausstellung die Schriften rund um das Werk „Vom Geist der Liturgie“. Des Weiteren wird die Entstehungsgeschichte des Buches dokumentiert, sowie die Wirkungsgeschichte des Buches. Die Ausstellung kann noch bis zum 15. Dezember im Kreuzgang des Priesterseminars in Regensburg besucht werden. Jeden Tag von 8 bis 17 Uhr können Besucher die Ausstellung kostenlos besichtigen. Jeden Dienstag wird es um 19 Uhr eine thematische Führung durch die Ausstellung geben. Hierfür melden Sie sich bitte beim Infozentrum DOMPLATZ5 an.

Im folgenden Interview mit Prof. Dr. Alfons Knoll erfahren Sie mehr über das Wirken von Romano Guardini. Alfons Knoll ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität in Regensburg und beschäftigt sich wissenschaftlich mit den Gedanken des berühmten Theologen Guardini.

 

Was war das Besondere an der Person Romano Guardinis?

Romano Guardini wurde in Italien geboren und wuchs in Deutschland auf. Sein Vater führte den Jugendlichen an Dante heran, aber noch mehr interessierte sich dieser bald für deutsche Literatur und Kultur. Später rezipierte er auch französische und russische Autoren und förderte die Rezeption des englischen Theologen John Henry Newman in der deutschen Theologie. Sein weiter Horizont ließ Raum für viele andere Spannungen des menschlichen Daseins, die er in einer großen Gelassenheit sowohl in sich selbst wie auch in seinem Austausch mit vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten aushalten konnte. Diese Haltung war nicht die eines unbestimmten Pluralismus, sondern kam aus der festen Verankerung im christlichen Offenbarungsglauben und in der Kirche. Guardini hatte lange gebraucht, bis er seinen Weg in die Theologie und in den Priesterberuf gefunden hatte. Als er schließlich seinen klaren christlichen Standpunkt gefunden hatte, bedeutete dies keine Einengung des Blicks, sondern eine neue Weite. Vor dem Hintergrund der ‚Modernismuskrise‘ zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewahrte ihn dies vor jedwedem Fanatismus, von welcher Seite her auch immer. Er lernte, wie er in seinen Lebenserinnerungen sagt, „die Unbedingtheit des gläubigen Denkens mit dem unbefangenen Blick auf die Wirklichkeit der Dinge und den Reichtum der Kultur ins Verhältnis zu bringen“.

 

Welche Sicht auf die christliche Weltanschauung hatte R. Guardini?

Zunächst ist interessant, dass Guardini sich überhaupt das von Haus aus recht blasse Wort ‚Weltanschauung‘ zu eigen machte. In wissenschaftlicher Hinsicht hatte er ja zunächst eine klassische theologische Laufbahn eingeschlagen und seine beiden Qualifikationsschriften im Fach Dogmatik angesiedelt. Dann kam überraschend der Ruf auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für „Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung“ in Berlin. Das wurde ihm vor allem deshalb zugetraut, weil er sich als bedeutender Mentor der katholischen Jugendbewegung und der Liturgischen Bewegung sowie durch seine aufsehenerregenden Vorträge zum „Sinn der Kirche“ (1922) bereits einen Ruf als brillanter Vertreter des neuen katholischen Aufbruchs erworben hatte. Er nahm die Lehrstuhlbezeichnung wörtlich und entschied sich, nicht im klassischen Sinne ‚Theologie‘ zu treiben – mit dem ausschließlichen Blick in den christlichen Glauben hinein –, aber auch nicht einfach ‚Philosophie‘ – losgelöst von einem bestimmten religiösen Standpunkt –; sondern eben ‚Weltanschauungslehre‘, d. h. wissenschaftliche Reflexion jenes Blicks, den die Kirche und jeder/jede Einzelne in ihr „im Glauben, aus dem lebendigen Christus heraus und in der Fülle ihrer übertypischen Ganzheit auf die Welt tut“. Fragen der menschlichen Existenz, philosophische wie dichterische Texte, Kunstwerke und kulturelle Phänomene – all das gehörte zur ‚Welt‘, die aus dem Glauben heraus betrachtet und gedeutet werden konnte. ‚Christlich‘ war für ihn eine Weltanschauung dann, wenn sie von Jesus Christus ausging, dem Guardini in den 30er-Jahren einen großen Teil seiner Arbeit widmete. Und ‚Katholisch‘ war diese ‚Weltanschauung‘, wenn sie die Weite des menschlichen Daseins in den Vollzug des Glaubens zu integrieren vermochte (weshalb Guardini gleichzeitig mit seinem berühmten Christusbuch auch an dem Umriss einer christlichen Anthropologie arbeitete).

 

Welche Bedeutung hat „Vom Geist der Liturgie“ heute, 100 Jahre nach dem Erscheinen?

Das vor einem Jahrhundert erstmals erschienene Buch ist ein theologischer Klassiker, das ‚Kultbuch‘ einer ganzen, vom liturgischen und kirchlichen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg erfassten Generation. Noch mitten im Krieg (1917) hatte der junge Kaplan Guardini, der seinen Militärdienst als Krankenwärter in einem Mainzer Lazarett ableistete, für seinen an der Liturgie interessierten Vorgesetzten eine Betrachtung über Liturgie als „Spiel“ geschrieben, das bald um weitere Kapitel und einen bereits vorher veröffentlichten Beitrag über das „Liturgische Beten“ vermehrt wurde. Die derzeit stattfindende Ausstellung im Regensburger Priesterseminar dokumentiert diese recht komplexe Entstehungsgeschichte auf hervorragende und anschauliche Weise. Sie vermittelt den konkreten Kontext und die Wirkungsgeschichte dieses kleinen Büchleins, dessen Bedeutung sich heutigen Leserinnen und Lesern vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließt. Sie werden vielleicht von dem einen oder anderen Gedanken angesprochen, begegnen diesem aber aus einer Gottesdiensterfahrung heraus, die sich sehr stark von der damaligen unterscheidet. Es braucht daher eine verständliche Kommentierung, damit die damaligen Anstöße auch heute noch etwas in (liturgische) Bewegung versetzen können. In Verbindung mit anderen Schriften Guardinis – „Von heiligen Zeichen“, „Liturgische Bildung“ oder „Besinnung vor der Feier der Heiligen Messe“ – kann aber auch heute noch Guardinis ‚Kultbuch‘ programmatische Bedeutung gewinnen. Es zeigt auf, dass Liturgie nicht einfach nur ‚konsumiert‘ oder ‚genossen‘ werden darf. Sie muss vollzogen werden und es braucht eine wirkliche Hinführung (Mystagogie), die bei der eigenen Person, ihrer Leiblichkeit und Symbolfähigkeit ansetzt und die Liturgie als ein Geschehen entdeckt, in dem der Mensch – als Einzelner wie als Gemeinschaft – Anteil gewinnt an der erlösenden Wirklichkeit Gottes.

 

Wie konnte Romano Guardini – vor allem junge – Menschen prägen, dass dies auch noch Generationen später wirkt?

Meines Erachtens lag das im Wesentlichen daran, dass er die jungen Menschen radikal ernst nahm – gerade als Suchende. Weil er selbst ein Suchender gewesen war und ein Stück weit immer ein Suchender blieb (er nahm keine Glaubenswahrheit und keine biblische Aussage als etwas Selbstverständliches, sondern hielt den Schwierigkeiten Stand, die sie bereiteten), sprach er nie ‚von oben herab‘, sondern immer als einer, der selbst um eine bestimmte Sache rang. Freilich beeindruckte die Zuhörerinnen und Zuhörer auch, dass er tatsächlich einen Weg aufzeigte, den sie mit ihm zusammen gehen konnten, ohne je alle ihre Fragen beantwortet zu bekommen, weil letztlich Gott auch in seiner Offenbarung der Unbegreifliche und Verborgene bleibt. Guardini scheute sich nicht, über den „Sinn der Schwermut“ zu schreiben und mit den jungen Menschen Texte von Friedrich Nietzsches zu lesen – und zwar als gläubiger Christ! Er biederte sich nicht an, sondern sprach zu den jungen Menschen im vollen Bewusstsein seines eigenen fortgeschritteneren Lebensalters. Manchen (älteren) Beobachtern erschien er als ein Abgeklärter, ‚Fertiger‘. Die Jugendlichen spürten aber wohl intuitiv das ‚geheime Erdbeben“, das später auch der Dichter Reinhold Schneider registrierte. Gerade so sprach er diejenigen an, die sich nicht mit abstrakten Wahrheiten abspeisen lassen, sondern nach Worten suchen, denen man anmerkt, dass sie selbst aus heftigem persönlichen Ringen hervorgegangen sind.