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Zur Neuigkeit
Volksfestzeit: Warum Bräuche nicht Stillstand bedeuten
Tradition darf stören
Regensburg, 15. September 2026
In den Sommermonaten finden in Bayern viele Volksfeste und andere traditionelle Feierlichkeiten statt. Mit dem bevorstehenden Beginn des Oktoberfestes in München findet die diesjährige Volksfestsaison zumindest ihren medialen Höhepunkt. Das Münchener Oktoberfest, welches stets in großem Interesse im In- und Ausland steht, ist ein Aushängeschild für die gesamte bayerische Kultur und Tradition. Doch welche Bedeutung haben diese Traditionen für uns und welche Chancen bieten sie uns aus christlicher Sicht?
Zunächst zeigen sich diese nicht nur in den großen Festen. Sie stecken in unserer Sprache und unseren Dialekten, in Musik und Tracht, in Bräuchen und Handwerk, in Vereinen, in der Küche, in den Geschichten, die weitergegeben werden und in allen Festen, die wir gemeinsam feiern. Vieles davon ist über Generationen gewachsen. All dies gibt uns die Möglichkeit, uns zu verwurzeln und zu orientieren. Es stiftet Identität. Dabei bedeutet Identität nicht, sich von anderen abzugrenzen, im Gegenteil: Wer weiß, wo er selbst verwurzelt ist, kann anderen Menschen mit Offenheit und Interesse begegnen.
Auch der christliche Glaube ist eng mit unserer Kultur verbunden. Kirchen und Kapellen prägen unsere Orte und Feiertage, Prozessionen und Wallfahrten unseren Jahreslauf. Weihnachten, Ostern, Erntedank oder Kirchweih haben nicht nur eine rein kirchliche Bedeutung, sondern durch die Art, wie sie gemeinsam begangen werden, gewiss auch eine gesellschaftliche.
Warum Bräuche nicht lebendig sind, wenn alles bleibt wie immer
Tradition darf deshalb aber niemals mit Stillstand verwechselt werden. Ein Brauch lebt nicht allein davon, dass er jedes Jahr auf dieselbe Weise wiederholt wird. Er lebt davon, dass Menschen ihn verstehen, mittragen und mit Leben füllen. Jede Generation darf fragen: Was ist uns daran wichtig? Was wollen wir bewahren? Und was darf sich verändern?
So wie der Glaube selbst immer wieder neu ins Leben übersetzt werden muss, braucht auch unsere Kultur Menschen, die sie gestalten. Tradition ist kein Museum. Sie ist kein Zurückschauen um des Zurückschauens willen. Es muss darum gehen, etwas Wertvolles aus der Vergangenheit mitzunehmen und es so weiterzugeben, dass es auch in der Gegenwart Bedeutung hat und das Leben in der heutigen Zeit positiv beeinflusst wird. Wir feiern, was uns verbindet. Wir erinnern uns daran, wo wir herkommen. Und wir schaffen gemeinsam etwas, das morgen weiterleben kann. Dabei ist es wichtig, dass bei der Rückbesinnung auf Verbindendes niemals der Blick nach vorne verloren geht. Ausgrenzung kann in einer gut weitergelebten Tradition keinen Platz haben. Aus christlicher Sicht ist das eine hoffnungsvolle Perspektive. Das Ausleben unserer Traditionen kann gerade zur Verwirklichung der Nächstenliebe beitragen und dann kann etwas wahrlich Wunderbares entstehen.
Traditionen zu bewahren, darf deshalb nicht heißen, alles beim Alten zu lassen und den Blick nach außen zu scheuen. Denn durch das gemeinsame Feiern, in welcher Form auch immer, können wir uns und unserer Gemeinschaft etwas Gutes tun.
Text: Jonas Ettl/Young Faith
(kw)

Weitere Infos
Gedankenstrich ist ein neues Format von Young Faith, in dem abwechselnd vier junge Leute Texte zu aktuellen Themen verfassen, die sie beschäftigen. Jonas Ettl aus Regensburg hat 2024 sein Abitur bei den Domspatzen absolviert und studiert heute Jura im fünften Semester. Er singt leidenschaftlich gerne und engagiert sich außerdem im Pfarrgemeinderat in Obertraubling.




