Kirche in Nigeria

Vereinte Nationen wollen den Christen in Nigeria Gehör verschaffen

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 03. Juni 2026 

Der Besuch der UN-Sonderberichterstatterin Nazila Ghanea in Nigeria trifft auf eine katholische Kirche, die Überfälle, Entführungen und Verfolgung. Für die Gemeinden ist die Reise eine Chance, ihr Leiden international hörbar zu machen. 

Nigeria ist ein Land, in dem Religionsfreiheit dort, wo Boko Haram sein Unwesen treibt, eigentlich nicht existiert. Religiöse Verfolgung ist im Nordosten Nigerias, besonders in den Bundesstaaten Borno und Yobe, für Christen an der Tagesordnung. Trotzdem wächst der Glaube. Die katholische Kirche in Nigeria ist jung. Sie ist groß, missionarisch und im Land öffentlich präsent. Die Verfolgung im Nordosten hat ihr religiöses Leben verändert. Gottesdienste, Katechese, Schulbetrieb und Seelsorge werden hier zu Akten des Mutes und des Durchhaltens. Das christliche Hilfswerk Open Doors führt das Land auf Platz 7 des Weltverfolgungsindex.

Vor diesem Hintergrund ist der nun angekündigte Besuch der UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Nazila Ghanea, vom 8. bis 19. Juni 2026 mehr als ein diplomatischer Termin. Für viele Katholiken in Nigeria dürfte dieser Besuch eine seltene Gelegenheit sein, das eigene Leid in eine Sprache zu übersetzen, die international verstanden und gehört wird. Die Gemeinden sprechen von entführten Priestern, bedrohten Schulen, verschwundenen Angehörigen und einer Angst, die den Alltag der Menschen dominiert. Der Besuch soll ihnen Gehör verschaffen, er ist ein Akt der Übersetzung. Selbst in christlichen Ländern hört man nicht gerne von Christenverfolgung.

Die Hand bleibt ausgestreckt

Die katholische Sicht auf Nigeria ist nicht eine schlichte Erzählung von Muslimen gegen Christen. Die jüngste Botschaft der nigerianischen Bischofskonferenz zum Eid al-Adha, dem islamischen Opferfest, streckt die Hand zur Versöhnung aus. Die Kirche sucht ganz bewusst eine andere Tonlage. Die Bischöfe erinnern an Abraham, an Gottes Güte und an die gemeinsame Verantwortung von Muslimen und Christen für das Gemeinwohl. Sie rufen dazu auf, in schwierigen Zeiten nicht die religiöse Grenze zu vertiefen, sondern das Zusammenleben zu erneuern. In der Diözese Oyo im Südwesten Nigerias verband Bischof Emmanuel Badejo diesen Gedanken mit der Hoffnung, das islamische Fest könne den Dialog zwischen Christen und Muslimen vertiefen. Zugleich benannten die Bischöfe allerdings auch die jüngste Entführungswelle. Sie forderten gläubige Muslime und auch Christen auf, sich gegen das Böse zu stellen.

Gerade darin liegt die katholische Lesart des UN-Besuchs. Die Kirche will gehört werden, aber sie will nicht in eine Bürgerkriegsrhetorik gedrängt werden. Sie klagt Gewalt gegen Christen an, ohne Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Sie verweist auf religiöse Motive von Gewalt, wo Kirchen, Priester und christliche Dörfer gezielt angegriffen werden. Zugleich sieht sie, dass die Unsicherheit auch Muslime trifft. Kriminalität überschreitet religiöse Grenzen, und Staatsversagen schützt viele der Täter weitaus mehr als irgendeine Ideologie. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Matthew Ndagoso von Kaduna, hat das in seiner Stellungnahme deutlich gemacht. Unsicherheit betrifft alle Nigerianer, nicht nur Christen. Das ist keine Relativierung katholischer Opfer. Es steht die Absicht dahinter, die Krise so zu beschreiben, dass sie politisch lösbar bleibt.

Hoffnung und Prüfung zugleich

Für die katholischen Gemeinden bedeutet der Besuch Hoffnung und Prüfung zugleich. Hoffnung, weil eine unabhängige UN-Expertin Erfahrungen aufnehmen kann, die im Land selbst oft folgenlos bleiben und von denen die Welt nichts hören will. Viele Übergriffe enden nicht mit Ermittlungen, sondern mit Schweigen der Behörden. Angehörige warten auf Nachricht. Bistümer veröffentlichen Namen, Daten und Appelle. Lokale Sicherheitskräfte wirken überfordert oder abwesend. Wenn internationale Aufmerksamkeit entsteht, wächst zumindest die Chance, dass Dokumentationen nicht im Archiv verschwinden. Die Zahlen, die das Katholische Sekretariat von Nigeria zusammengetragen hat, sind bedrückend. Zwischen 2015 und 2025 wurden 145 Priester entführt, elf getötet und vier blieben vermisst.

Eine Prüfung ist der Besuch auch deshalb, weil er die katholische Kirche zwingt, ihre Anklage präzise vorzutragen. Die Häufung von Angriffen auf kirchliche Einrichtungen, Geistliche und Gemeinden verlangt eine ernste menschenrechtliche Bewertung. Die Frage lautet nicht, ob Nigeria ein einfaches Opfer-Täter-Schema bietet. Die Frage lautet, ob der Staat religiöse Gemeinschaften schützt, ob Straftaten verfolgt werden, ob Schulen, Gottesdienste und religiöse Orte sicher sind und ob Opfer Zugang zu Gerechtigkeit haben.

Wider die einfachen Erzählungen

Aus katholischer Perspektive kann Ghaneas Mission eine doppelte Wirkung entfalten. Nach innen kann sie den Opfern signalisieren, dass ihr Schicksal nicht nur als lokale Sicherheitsstörung behandelt wird. Nach außen kann sie korrigieren, was in der internationalen Debatte oft schiefläuft. Vereinfachungen helfen den Gemeinden, den Opfern religiöser Gewalt, nicht. Die Bischöfe versuchen einen dritten Weg. Sie sprechen von Angst, Entführung und Blutvergießen. Gleichzeitig sprechen sie von Abraham als einem gemeinsamen Vater, von Gottes Güte, vom Dienst am Gemeinwohl und von einem Dialog, der nicht Luxus ist, sondern Überlebensbedingung.

Der Gruß der Bischöfe zum Eid al-Adha ist deshalb mehr als eine höfliche Festadresse. Er ist auch ein Schlüsseltext für die katholische Erwartung an den UN-Besuch. In ihm wird sichtbar, dass die Bischöfe ihre Lage nicht aus der Sprache der Vergeltung heraus deuten wollen. Sie wählen eine Sprache der Verantwortung. Sie kritisieren selbstbezogene Politik, jahrelange Wirkungslosigkeit und die Last, die gewöhnliche Nigerianer tragen. Sie suchen muslimische Gesprächspartner nicht trotz der Gewalt, sondern wegen der Gewalt. Genau diese Perspektive dürfte für eine Sonderberichterstatterin wichtig sein.

Der Besuch kann Maßstäbe setzen

Am Ende steht für die Katholiken in Nigeria eine nüchterne Erwartung. Niemand wird glauben, dass ein UN-Besuch die Entführungsindustrie stoppt, Boko Haram entwaffnet oder jahrzehntelange Defizite der Regierungsführung beseitigt. Doch ein solcher Besuch kann Maßstäbe setzen. Er kann zuhören, ordnen, benennen und Empfehlungen aussprechen. Er kann der Regierung zeigen, dass die Welt nicht nur auf Wahlen, Ölpreise und Diplomatie blickt, sondern auch auf Pfarrhäuser, Schulhöfe und Dörfer, in denen Menschen um ihres Glaubens willen oder im Umfeld ihres Glaubens verwundbar sind.

Für die Kirche liegt die Chance des Besuchs der UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Nazila Ghanea, darin, das eigene Zeugnis in die Sprache des Rechts zu übersetzen, ohne den Kern des Evangeliums zu verlieren. Es geht um ein Leben in Sicherheit, nicht um Spaltung. Es geht um die Anerkennung des christlichen Leidens, aber nicht um die Dämonisierung des muslimischen Nachbarn. Wenn der Besuch von Ghanea gelingt, dann kann er zu einem Moment werden, der die katholischen Gemeinden Nigerias nicht nur als Opfer erscheinen lässt, sondern als Zeugen einer verletzten, aber auf ein friedliches Zusammenleben gerichteten Hoffnung.

Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock



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