News Bild Unsere „Heilige von nebenan“ – Weihbischof Josef Graf über die heilige Anna Schäffer

Unsere „Heilige von nebenan“ – Weihbischof Josef Graf über die heilige Anna Schäffer

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Zum Gedenktag der heiligen Mutter Anna, am 26. Juli, findet alljährlich in Mindelstetten der Anna-Schäffer-Gebetstag statt. Lesen Sie die Predigt von Weihbischof Dr. Josef Graf in voller Länger nach:

 

Unsere „Heilige von nebenan“ (Papst Franziskus)

Lsg: Kol 1,24-29; Joh 15,1-8


Heiligkeit – das „schönste Gesicht der Kirche“ (Papst Franziskus)

Am 19. März dieses Jahres hat Papst Franziskus ein Apostolisches Schreiben „über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von Heute“ veröffentlicht. Es trägt den Titel „Gaudete et exsultate“, zu deutsch „freut euch und jubelt.“ Das ist ein Wort aus den Seligpreisungen des Matthäusevangeliums (Mt 5,12). In diesem Schreiben findet sich die Aussage: „Die Heiligkeit ist das schönste Gesicht der Kirche.“[1]

„Die Heiligkeit ist das schönste Gesicht der Kirche.“ (Nr. 9) Wir wissen in etwa wie die heilige Anna Schäffer zu ihren Lebzeiten ausgesehen hat. Als sie 1925 verstarb, gab es ja längst die Fotografie. Und es sind von ihr ein paar Fotoaufnahmen erhalten. Vor allen ein Foto, das sie auf dem Krankenlager zeigt und das vergrößert bei ihrer Heiligsprechung an der Fassade des Petersdomes in Rom hing. Dieses Foto hatte zuvor wohl auch dem Regensburger Künstler und Kunstlehrer Winfried Tonner als Vorlage gedient für sein Ölgemälde von Anna Schäffer, das dieser 1999 anlässlich ihrer Seligsprechung gefertigt hat. Dieses Gemälde schmückt jetzt drinnen den Hochaltar der alten Kirche von Mindelstetten, der Grabeskirche unserer Heiligen, die heute Anna-Schäffer-Kirche heißt. Anna Schäffer hatte als junge Frau trotz ihres Unfalls und dem unsäglichen Leid, das sie zu ertragen hatte, zweifellos ein hübsches Gesicht.

Doch das „schönste Gesicht der Kirche“ von dem Papst Franziskus spricht, meint nicht die äußere Schönheit. Schönheit ist hier nicht eine Sache des guten Aussehens. Es geht hier vielmehr um die innere Schönheit eines Menschen, wenn der Heilige Vater die Heiligkeit als das „schönste Gesicht der Kirche“ bezeichnet. Und dabei betont er, dass der Weg zur Heiligkeit allen offensteht. Er spricht dabei von den „Heiligen von nebenan“. Wörtlich sagt er: „Oft ist das die Heiligkeit `von nebenan´, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind“ (ebd Nr. 7).

Unsere heilige Anna Schäffer war so eine „Heilige von nebenan“. Ihr Geburtshaus ist hier in Mindelstetten. Von den älteren Mindelstettenern, die jetzt hier den Gottesdienst mitfeiern, haben gewiss einige in ihrer Kindheit davon gehört, dass die damals Ältesten die Schreiner Nandl, wie man sie nannte, noch persönlich gekannt haben.

„Papst spricht bayerische Magd heilig“. So lautete 2012 eine Schlagzeile im Internetdienst Spiegel online.[2] Und das war gar nicht spöttisch gemeint, sondern eher verwundert. Wie kommt ein einfacher Mensch so weit, zum „schönsten Gesicht der Kirche“ zu werden? Wie wird man zu einem Heiligen von nebenan? Papst Franziskus erwähnt einige Wege, wenn er schreibt:

„Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche.“ (ebd. Nr. 7)

Bei unserer Anna Schäffer war es vor allem die Art und Weise wie sie ihr Leidesschicksal annahm, wodurch sie zu unserer „Heiligen von nebenan“ wurde. Sie kennen gewiss alle in groben Zügen ihren Lebensweg und ihr Leidensschicksal.


Im geduldig ertragenen Leid verbunden mit dem Leiden Christi

Anna Schäffer war Dienstmagd. Sie wollte sich ihre Aussteuer verdienen, um in ein Kloster eintreten zu können und so Missionsschwester zu werden. Das war ihr ursprüngliches großes Lebensprojekt. Doch es sollte anders kommen. Durch einen Sturz in die heiße Lauge eines Wäschetroges verbrühte sie sich beide Beine und zog sich damit im Alter von 18 Jahren ein grausames Leiden zu, das sie für ihr ganzes weiteres Leben aufs Krankenlager warf. 25 lange Jahre.

Sie konnte nun zwar nach außen hin nichts mehr arbeiten. Doch sie hat ihr Leiden und damit ihr Leben als sinnvoll erfahren. Durch ihre im Gebet und vor allem auch in der heiligen Kommunion erlebte Verbindung mit Christus konnte sie in ihrem Leid einen tiefen Sinn erkennen. In einem Brief schrieb sie im Jahr 1919: „Im Gebet klärt und beruhigt sich das Innere. Im Gebet werden der Kummer und das Leid veredelt, geheiligt.“[3]

Gerade uns heutigen Menschen vermag sie damit viel zu sagen. Oft heißt es, dass wir heute in einer Freizeit- und Spaßgesellschaft leben. Da ist es für die Menschen wichtig, überall dabei sein zu können, alles erleben zu können. Da besteht die Gefahr, dass der Sinn des Lebens im Anhäufen von immer mehr und immer größeren äußeren Erlebnissen gesucht wird. Man muss möglichst viel erlebt haben. Möglichst weit herum gekommen sein. Seinen Spaß gehabt haben. Man darf ja nicht zu kurz kommen in diesem Wahn des immer mehr und immer größer.

Doch der Sinn des Lebens besteht nicht darin, alles erlebt zu haben und überall dabei gewesen zu sein. Die heilige Anna Schäffer vermag besonders für die Menschen ein tröstliches Vorbild zu sein, die nicht mehr mitmachen können in der Spaßgesellschaft. Menschen, denen eine Krankheit, ein Schicksalsschlag einen Strich durch die Lebensplanung gemacht hat. Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Der Großteil des Lebens unserer hl. Anna Schäffer bestand aus geduldig ertragenem Leid. Leiden, das sie mehr und mehr vom Kreuz Christi her verstehen lernte. Das Leid, das eigene Kreuz begriffen als Weg der Christusnach­folge. So wird das in den Augen der Welt sinnlos erscheinende Kreuz zu einem Dienst für Christus und für den Nächsten. Von einer Mission des Leidens spricht Anna Schäfer, die so gerne Missions­schwester geworden wäre. Und sie schreibt:

"Ich denke mir: Mein Bett ist der Wille Gottes! Und was ich auf dieser Leidensstätte alles leiden darf, nehme ich gerne und mit Freuden an. So hoffe ich, dass der Wille Gottes und meine Armseligkeit eins wird."

Da muss jemand schon einen intensiven Weg des Glaubens gegangen sein, wenn er so sprechen kann. Unabwendbares Leid, das eigene schwere Kreuz angenommen und begriffen als Erfüllung des Willens Gottes und als Weg der Christusnachfolge.

Damit hat Anna Schäffer in ihrem Leben die Botschaft der vorhin gehörten Lesung aus dem Kolosserbrief umgesetzt:

„Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24).

Was soll denn an den Leiden Christi noch fehlen, da Christus doch der Sohn Gottes ist? Da er doch durch sein Leiden und Sterben die Welt erlöst hat? So könnten wir fragen. Die Antwort des christlichen Glaubens ist: Dass wir unsere eigene menschliche Armseligkeit verbinden mit den Leiden Christi. Das fehlt an den Leiden Christi noch. Dass wir unser menschliches Leiden vom Leiden Christi her verstehen und deuten lernen. Das hat die heilige Anna Schäffer getan. Sie verband ihr Kreuz mit dem Kreuz Christi. So begriff sie ihr Leiden und Kreuz als tief sinnvoll ja sogar als erfüllend.

 

Fürbitterin für die leidenden Menschen

Und noch ein weiteres ist ihr dabei wichtig: Wie viele Selige und Heilige wird Anna Schäffer von den Menschen gerne als Fürbitterin angerufen. Die heilige Anna Schäffer fand in ihrem geduldig ertragenen Leid und in ihrem Gebet einen Weg des Dienstes an den Mitmenschen.

Gestatten Sie mir hier eine persönliche Bemerkung: Ich weiß mich Mindelstetten sehr verbunden seit ich als junger Kaplan vor 34 Jahren, im August 1984, einige Wochen zur Pfarrvertretung hier war. Damals gab es die neue Pfarrkirche St. Nikolaus noch nicht. Das Grab der Schäffer Anna befand sich noch in der Seitenkapelle der alten Pfarrkirche. Es war ja noch 15 Jahre vor ihrer Seligsprechung. Das Mindelstettener Pfarrhaus stand zu der Zeit leer. Der langjährige Pfarrer Schlagbauer war kurz zuvor in seinen wohlverdienten Ruhestand weggezogen und Pfarrer Johann Bauer war noch nicht hier. Ich wohnte während der Pfarrvertretung in meinem Elternhaus in Pondorf und hielt mich tagsüber im Pfarrbüro drüben im Pfarrhaus auf, von wo ich gut auf den Kircheneingang sehen konnte. Was mich damals sehr beeindruckt hat, war die Vielzahl von Betern, die schon damals auch in den Sommerferienwochen täglich zum Grab der Anna Schäffer kamen.

Hier in Mindelstetten werden wohl vor dem Grab der Anna Schäffer vor allem Bittgebete gesprochen. Gläubige Menschen wenden sich in ihren Anliegen, Nöten und Sorgen an Gott. Weil ihr eigenes Vermögen immer wieder an Grenzen stößt. Weil sich im menschlichen Leben oft genug Probleme auftun, denen gegenüber sie selbst machtlos sind.

Aber wir Gläubige müssen darin nicht verzweifeln: Wir wissen uns dennoch getragen von einem liebenden Gott, auch wenn es dunkle Strecken in unserem Leben gibt. Dieses Vertrauen auf Gott ist das Entscheidende: Wir glauben, dass wir nicht alleine sind; wir glauben, dass wir uns in unseren Nöten und Sorgen an einen Größeren wenden dürfen, wenn unsere eigenen Möglichkeiten an Grenzen stoßen und unsere eigenen Bemühungen scheitern.

Geht es uns nicht allen so, dass es uns gut tut, wenn wir uns vor jemandem aussprechen können, wenn wir unsere Sorgen und Nöte jemandem anvertrauen können? Wir alle haben hoffentlich solche Menschen, vor denen wir uns aussprechen können und die mit uns an den Lasten des Lebens tragen.

Doch es geht noch um mehr als um bloßes menschliches Anteilnehmen. Wir katholische Christen vertrauen auf die Fürbitte der Heiligen und Seligen. Nicht weil Gott uns so fern wäre, dass er uns nicht selber hören würde. Nein, er hat uns als seine lebendigen Bilder und Gleichnisse so geschaffen, dass wir Menschen etwas widerspiegeln von seinem Geheimnis, dem Geheimnis des dreifaltigen Gottes. Gott ist eine uns unbegreifliche Einheit von Beziehung und Liebe.

Weil wir Menschen seine Bilder und Gleichnisse sind, sollen wir immer mehr zu Menschen des Miteinander und des Füreinander werden. Das geschieht, wenn wir uns nach Kräften beistehen. Und das geschieht auch, wenn wir im Gebet füreinander eintreten.

Papst Franziskus formuliert es in seinem erwähnten Schreiben über die Heiligkeit so: „Die Fürbitte hat einen besonderen Wert, weil sie ein Akt des Gottvertrauens und zugleich ein Ausdruck der Nächstenliebe ist. … Die Fürbitte drückt das brüderliche Engagement für andere aus, wenn wir in ihr fähig sind, das Leben anderer aufzunehmen, mit ihren verstörenden Seelennöten und besten Träumen. Wer sich großmütig der Fürbitte widmet, von dem kann man mit den Worten der Heiligen Schrift sagen: »Dieser ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk betet« (2 Makk 15,14).“[4]

Anna Schäffer ist als unsere „Heilige von nebenan“ unser aller Freundin und Schwester. Sie gibt unserer Kirche ein gutes Gesicht. Vertrauen wir ihrer Fürbitte. „Heilige Anna Schäffer bete mit uns und bitte für uns. Amen

Josef Graf, 26.07.2018


[1] Papst Franzikus, Gaudete et exsultate (2018) Nr 9.

[2]

www.spiegel.de/panorama/leute/papst-spricht-bayerische-magd-heilig-a-862535.html

[3] Brief vom 13.04.1919 zitiert in: Ausharren im Gebet. Novene im Gedenken an die heilige Anna Schäffer, Regensburg 2012., S. 23.

[4] Ebd. Nr. 154.

 

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