News Bild „Ungläubiges Staunen“: Bestsellerautor Navid Kermani sprach in Regensburg über die Schönheit christlicher Kunst

„Ungläubiges Staunen“: Bestsellerautor Navid Kermani sprach in Regensburg über die Schönheit christlicher Kunst

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Es war mit Sicherheit einer der ersten großen kulturellen Höhepunkte des noch jungen Jahres 2016: Die Lesung des Bestsellerautors und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani in der Regensburger Dreieinigkeitskirche. Dementsprechend groß war auch der Andrang: Über 1.000 Interessierte machten sich am Mittwochabend auf den Weg zur Veranstaltung in der Kirche am Ölberg, die durch eine große Allianz von Kooperationspartnern wie zum Beispiel der Buchhandlung Pustet, dem Kulturamt der Stadt Regensburg, dem Mentorat des Bistums Regensburg sowie der Staatlichen Bibliothek Regensburg ermöglicht wurde.

 

Navid Kermani: „Christliche Kunst ist sinnliche Kunst!“

Im Gepäck hatte Navid Kermani seinen gegenwärtigen Bestseller „Ungläubiges Staunen“ – ein Buch, in welchem sich der habilitierte Orientalist und gläubige Muslim in die christliche Kunst- und Bilderwelt versenkt. Kermani betrachtet darin Werke alter Meister wie Botticelli oder Rembrandt, aber auch – wie bei der Lesung in der Dreieinigkeitskirche - El Greco, Caravaggio, Giotto oder das vieldiskutierte Fenster von Gerhard Richter im Dom zu Köln, Kermanis Wohnort. Die von ihm besprochenen Kunstwerke wurden hierfür mit einem Beamer auf eine Leinwand im Altarraum der Dreieinigkeitskirche gebannt.

Für die Regensburger Zuhörer wurde schnell klar, dass Navid Kermani hinter dem Christentum und seiner Kunst keine langweilige oder angestaubte Religion vermutet, sondern vielmehr in diesem eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Erotik, Menschlichkeit und Göttlichkeit erkennt: Ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung seiner Ansicht nach selbst viel zu selten sprechen. Und das laut Kermani oftmals darin Gefahr läuft, sich selbst auf ein „theoretisches Gedankengebäude“ oder eine „ethisch-moralische Lehre“ (Kermani) zu reduzieren. Gerade den Katholizismus lobte der Autor, vermutlich zur Überraschung vieler Zuhörer, als „zutiefst erotische und sinnenfrohe Religion“.

 

Ein Aufenthalt in Rom und die Folgen

Der Wunsch, sich in einem Buch mit christlicher Kunst auseinanderzusetzen, kam ihm, wie er im Gespräch mit Professor Erich Garhammer, dem Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, darlegte, 2008 bei einem längeren Besuch in der Villa Massimo in Rom. Er nutzte seinen dortigen Aufenthalt, um sich intensiv mit der reichhaltig vorhandenen christlichen Kunst in der Ewigen Stadt auseinanderzusetzen  Für ihn, der, wie er humorvoll anmerkte, als Muslim und Einwohner der pietistisch geprägten Stadt Siegen in Nordrhein-Westfalen gewissermaßen „doppelt bilderlos“ aufgewachsen sei, war die Zeit in Rom eine prägende Erfahrung.

Von Beginn an sei ihm außerdem bei diesem Vorhaben klargewesen, dass er weder als Theologe oder aus konfessioneller Sicht noch als „Museumsbesucher“ oder „Kunstexperte“ sich den von ihm besprochenen Künstlern und Bildern nähern könne - sondern ausschließlich durch die Brille des naiv-neugierigen Schriftstellers. „Meditationen von Meditationen“ nennt er seinen Zugang zur christlichen Kunst bescheiden, wohlwissend dass auch die von ihm betrachteten Bilder selbst bereits Interpretationen christlicher Motive seien. Und so betrachtet er in El Grecos „Christi Abschied von seiner Mutter“ (ca. 1578-1580) das Portrait zweier Liebender, in Caravaggios „Opferung des Isaak“ (ca. 1603)  im abgebildeten Abraham einen kleinkrämerisch-unreflektierten und zur Grausamkeit tendierenden „Hausmeister des Glaubens“ (Kermani), den nur Gott selbst davon abhalten könne den eigenen Sohn umzubringen oder in Giottos „Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte“ (ca. 1305) eine Meditation über das nicht immer einfache Ehe- und Familiendasein.

 

Erfrischender Perspektivwechsel

Die Zuhörer lauschten den Worten Kermanis während seiner Lesung und im Gespräch mit Professor Garhammer gebannt. Seine poetische Sicht auf den christlichen Glauben und dessen Kunst faszinierte -  und vielleicht inspirierte er mit seinem speziellen Blick auf das Christentum viele Anwesende dazu, die eigene Religion einmal mit anderen Augen zu sehen.

 

Der Autor

Navid Kermani, geb. 1967, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. 2015 erhielt Navid Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und rief bei seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche die Anwesenden zu einem Gebet für die Menschen in Syrien und im Irak auf.

 

Hinweis

Navid Kermani: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“, 10. Auflage 2016 (erscheint am 5. Februar 2016), 303 S.: mit 49 farbigen Abbildungen, gebunden. (C.H. Beck)  ISBN 978-3-406-68337-4