Textsammlung für eine Versachlichung der Debatte - Bischof Rudolf Voderholzer gibt Band zur Seelsorge wiederverheirateter Geschiedener heraus. Von Prof. Dr. Josef Kreiml

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Der vom Bischof von Regensburg und Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegebene Band will für Bischöfe und Priester eine Hilfe in der schwierigen Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen in der Seelsorge sein. In seinem „Geleitwort“ (S. 7-9) nimmt der Herausgeber Bezug auf die außerordentliche Bischofssynode vom Oktober 2014, die dem Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ gewidmet war.

In der Tat könne man – so Bischof Rudolf Voderholzer – von einer „Krise von Ehe und Familie“ sprechen. Insbesondere „das christliche Bild dieser Keimzelle von Kirche und Gesellschaft sieht sich seit vielen Jahren dem Unverständnis und der Kritik vieler Menschen ausgesetzt“ (S. 7). Die Frage nach dem Umgang der Kirche mit wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen muss – so der Bischof – „im Gesamtzusammenhang der Herausforderungen des christlichen Ehe- und Sakramentenverständnisses gesehen werden“ (S. 8). Im Hinblick auf den Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener hat sich das Lehramt der Kirche wiederholt geäußert. Es scheint angebracht, in der gegenwärtigen Diskussion die Beiträge des Bandes „Congregazione per la dottrina della fede, Sulla pastorale dei divorziati risposati. Documenti, commenti e studi“ (Città del Vaticano 1998) in Erinnerung zu bringen und „damit der Gefahr vorzubeugen, hinter bereits gewonnene Einsichten und Erkenntnisse zurückzufallen“ (S. 8).

Der vorliegende Band enthält erstmals in deutscher Übersetzung die Beiträge dieser 1998 erschienenen Publikation: drei lehramtliche Texte, fünf darauf bezogene Kommentare und Studien ausgewiesener Experten sowie die „Einleitung“ von Kardinal Joseph Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation (S. 13-31). Die „Einleitung“ Kardinal Ratzingers wurde mit Genehmigung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. vorab bereits in der „Tagespost“ vom 6. September 2014 (S. 12-15) unter dem Titel „Nur das Wahre kann auch pastoral sein“ abgedruckt. Kardinal Ratzinger hat in seiner „Einleitung“ (1998) u. a. folgende Aussagen gemacht: „Epikie und Aequitas canonica sind im Bereich menschlicher und rein kirchlicher Normen von großer Bedeutung, können aber nicht im Bereich von Normen angewandt werden, über die die Kirche keine Verfügungsgewalt hat. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist eine dieser Normen, die auf den Herrn selbst zurückgehen und daher als Normen göttlichen Rechts bezeichnet werden.

Die Kirche kann auch nicht pastorale Praktiken – etwa in der Sakramentenpastoral – gutheißen, die dem eindeutigen Gebot des Herrn widersprechen. Mit anderen Worten: Wenn die vorausgehende Ehe von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen gültig war, kann ihre neue Verbindung unter keinen Umständen als rechtmäßig betrachtet werden, daher ist ein Sakramentenempfang aus inneren Gründen nicht möglich. Das Gewissen des einzelnen ist ausnahmslos an diese Norm gebunden“ (S. 28). An anderer Stelle schreibt Kardinal Ratzinger: „Weiterer gründlicher Studien bedarf allerdings die Frage, ob ungläubige Christen – Getaufte, die nicht oder nicht mehr an Gott glauben – wirklich eine sakramentale Ehe schließen können. Mit anderen Worten: Es ist zu klären, ob wirklich jede Ehe zwischen zwei Getauften ipso facto eine sakramentale Ehe ist. (…) Zum Wesen des Sakraments gehört der Glaube; es bleibt die rechtliche Frage zu klären, welche Eindeutigkeit von Unglaube dazu führt, dass ein Sakrament nicht zustande kommt“ (S. 30).

Grundlage der von Bischof Rudolf Voderholzer herausgegebenen Textsammlung sind das Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre „an die Bischöfe der katholischen Kirche über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen vom 14. September 1994“ (S. 35-40) sowie die Äußerungen Papst Johannes Pauls II. in seinem Schreiben „Familiaris consortio“ (Nr. 84) über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute vom 22. November 1981 (S. 41f.) und seine „Überlegungen zur Seelsorge für die wiederverheirateten Geschiedenen. Ansprache während der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie am 25. Januar 1997“ (S. 43-46).

Die Publikation nennt wesentliche Argumente zu den entscheidenden Überlegungen hinsichtlich der Seelsorge wiederverheirateter geschiedener Gläubiger. Lösungsvorschläge, wie z. B. die Anwendung der Epikie oder die Anerkennung der Gewissensentscheidung der Einzelnen, werden aus theologischer und kirchenrechtlicher Sicht auf ihre Anwendbarkeit hin geprüft. Ebenso wird die Praxis der Alten Kirche beleuchtet. Der Band enthält folgende Kommentare und Studien: Kardinal Dionigi Tettamanzi, damals Erzbischof von Genua, „Treue in der Wahrheit“ (1994), S. 49-56; Mario Francesco Pompedda, damals Dekan der Rota Romana, „Kirchenrechtliche Problematiken“ (1994), S. 57-62; Angel Rodríguez Luno, „Die Epikie in der Pastoral für wiederverheiratete geschiedene Gläubige“ (1997), S. 63-74; Piero Giorgio Marcuzzi SDB, „Die Anwendung von Aequitas und Epikeia auf die Inhalte des Schreibens der Kongregation für die Glaubenslehre vom 14. September 1994“ (1997), S. 75-85, und Gilles Pelland SJ, „Die Praxis der frühen Kirche hinsichtlich der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen“, S. 87-116.

Die Texte der Publikation von 1998 sind in den gegenwärtigen Debatten nach wie vor aktuell. Es handelt sich dabei um gewichtige Stimmen des kirchlichen Lehramtes und hoher theologischer Autoritäten. Da es – so Bischof Rudolf Voderholzer – bei den Debatten über den Umgang mit wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen um das „Herz des kirchlichen Lebens“ geht, sei es verständlich, dass diese Gespräche oft sehr emotional geführt werden. Die vorliegende Textsammlung soll einer „Versachlichung der Debatte“ dienen. Die „Theologie des Leibes“ des inzwischen heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II. und die damit zusammenhängenden ehetheologischen Einsichten sind noch lange nicht hinreichend rezipiert. Der Sammelband präsentiert überaus wichtige theologische und pastorale Gesichtspunkte. Wer sich an Gesprächen zum Thema qualifiziert beteiligen will, sollte auf jeden Fall diese Publikation zu Rate ziehen.

Rudolf Voderholzer (Hg.), Zur Seelsorge wiederverheirateter Geschiedener. Dokumente, Kommentare und Studien der Glaubenskongregation. Mit einer Einleitung von Joseph Kardinal Ratzinger / Benedikt XVI., (Römische Texte und Studien, hg. von Gerhard Kardinal Müller, Bd. 6), Echter Verlag, Würzburg 2014, 116 S., ISBN: 978-3-429-03760-4, Euro 9,90.

Ursprünglich veröffentlicht in: Forum Katholische Theologie 30 (2014), S. 318-320.