gabriel weiten steht vor einem ölgemälde

Synodalität ein Jahr nach Papst Franziskus

Interview mit Gabriel Weiten


Zürich/Regensburg, 23. April 2026

Der vor einem Jahr verstorbene Papst Franziskus hat die Synodalität wieder ins Zentrum des kirchlichen Lebens gestellt. Gabriel Weiten, theologischer Referent von Bischof Rudolf Voderholzer, im Interview mit kath.ch über die Verbindung zur Communio-Theologie von Papst Benedikt XVI. und die Fortführung durch Papst Leo XIV.

Heute vor einem Jahr ist Papst Franziskus gestorben. Er hat den Begriff der Synodalität wieder neu ins Gedächtnis der Kirche gebracht. Wie würden Sie das Synodalitätsverständnis von Papst Franziskus auf wenige Kernpunkte zusammenfassen?

Gabriel Weiten: Papst Franziskus hat sich während seines Pontifikats mehr als 50-mal öffentlich zum Thema Synodalität geäußert. Vieles davon hat er bereits in seiner Ansprache beim Vorkonklave im März 2013 sowie in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (2013) ausgeführt, darunter die Themen Evangelisierung, parrhesia (Freimut im Sprechen), Demut im Hören, Hirten, die das Ohr beim Volk Gottes haben und mit ihrer Verkündigung der Heiligung des Volkes Gottes dienen. Den Begriff verwendet er erstmals in einem ökumenischen Zusammenhang.

Er erinnert an die Bedeutung des Verhältnisses von Synodalität und Primatialität für die ökumenischen Beziehungen zwischen West- und Ostkirchen.

Weiten: Genau. Als Beispiel für Synodalität nennt er dabei seinen Beraterstab aus acht, bzw. später neun Kardinälen. Für Papst Franziskus ist Synodalität die Art und Weise, wie die Kirche als eucharistische Communio lebt und handelt. Sie beschreibt den „modus vivendi“, also die Art zu leben, der hierarchisch und sakramental verfassten Kirche. Seine Idealvorstellung ist eine Ausdehnung der „participatio actuosa“der „tätigen Teilnahme“ auf alle Bereiche des kirchlichen Lebens.

Inwiefern ist dieses Verständnis in der Tradition – insbesondere bei Joseph Ratzinger – verwurzelt?

Weiten: Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hat maßgeblich dazu beigetragen, die neutestamentlich und patristisch begründete eucharistische Communio-Ekklesiologie im Zweiten Vatikanum und in seiner Rezeption in Erinnerung zu rufen und zu verankern, wobei er wichtige Impulse von Henri de Lubac empfangen hat. Die Kirche wird demnach als eine sakramentale Institution verstanden, die rechtlich geordnet ist und sich aus der eucharistischen Versammlung des Volkes Gottes aufbaut. In dieser Versammlung erhalten alle Mitfeiernden gleichermaßen Anteil an dem einen Leib Christi. Von ihr geht die Communio der Menschen mit Gott und untereinander aus, also das, was das Wesen der Kirche ausmacht: Sammlung der Menschen und ihre Vereinigung mit Gott. Die Eucharistiefeier ist der Ort, an dem die Kirche Kirche wird.

Das synodale Leben, das Papst Franziskus fördern möchte, kann also nur im Raum der als Communio verstandenen Kirche stattfinden.

Weiten: Es ist die paradigmatische Art und Weise, in diesem Raum zu leben. Man könnte es auch so formulieren: Ratzinger bietet die Theorie und Papst Franziskus setzt sie in die Praxis um. Interessant ist, dass beide ihre Konzepte oft gegen horizontalistische Fehldeutungen verteidigen mussten. Bei Papst Franziskus war dies besonders häufig seit 2019 der Fall, als in Deutschland der Synodale Weg begann. Immer wieder betonten sie den vertikalen Charakter kirchlichen Seins, bei dem der Heilige Geist die Hauptrolle spielt.

Welche Unterschiede oder Weiterentwicklungen erkennen Sie im Synodalitätsverständnis von Papst Leo XIV. im Vergleich zu Franziskus?

Weiten: Papst Leo XIV. unterscheidet sich von Papst Franziskus hauptsächlich im Stil. Er ist Kirchenrechtler und achtet auf exakte Formulierung. Inhaltlich setzt er das fort, was Franziskus in Kontinuität zu seinen Vorgängern begonnen und unter dem Stichwort „Synodalität als Lebensstil der Kirche“ greifbar gemacht hat.

Würden Sie sagen, dass Papst Leo XIV. stärker strukturell oder stärker spirituell argumentiert, wenn es um Synodalität geht?

Weiten: Je nachdem, in welchem Kontext er spricht, macht er beides. So betont er bei einer Tagung zum Thema „Bischöfe in der synodalen Kirche“ beispielsweise, dass die Synodalität die Autorität der Bischöfe als authentische Hüter des Glaubens berücksichtigen müsse. In seiner Predigt für die Synodenteams im Oktober 2025 hingegen betont er die für synodale Prozesse notwendige Haltung: gegenseitige Liebe, gegenseitiges Zuhören, die Freude am Miteinander-Unterwegssein, das Hinhören auf den Heiligen Geist und die Parrhesia, also die Freimütigkeit.

Inwiefern verändert sich unter Papst Leo XIV. das Verhältnis von Weltkirche und Ortskirchen im synodalen Prozess?

Weiten: Der weltkirchliche synodale Prozess, der die Weltsynode vor- und nachbereitet, befindet sich in der Phase der Umsetzung. Papst Franziskus hat das entsprechende Schreiben kurz vor seinem Tod gebilligt. Dieser Prozess setzt das vom Zweiten Vatikanum gelehrte Verhältnis zwischen Welt- und Teilkirche voraus: Die eine katholische Kirche existiert in und aus den Teilkirchen, die in Gemeinschaft mit Rom stehen. Papst Leo setzt diesen Prozess fort, ohne dass ich erkennen könnte, dass er etwas an der Verhältnisbestimmung des Konzils, die sich im Kirchenrecht niedergeschlagen hat, ändern wollte.

Wo sehen Sie die größten Missverständnisse in der aktuellen Debatte über Synodalität?

Weiten: Vielleicht lässt es sich mit dem Begriff „participatio actuosa“ verdeutlichen. Der Begriff wurde von Papst Pius X. in seiner Enzyklika „Tra le sollecitudini“ (1903) erstmals verwendet und fand dann Eingang in die Liturgische Bewegung und die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums. Das Konzil betont, dass die tätige Teilnahme zuerst innerlich (durch Glauben, Andacht und Vereinigung mit Christus) geschehen muss und sich dann äußerlich ausdrückt (durch Antworten, Gesang, Gesten und Haltung).

Und wenn Franziskus dieses Prinzip nun auf alle Lebensbereiche der Kirche überträgt…

Weiten: …ergibt sich daraus sowohl mehr als auch weniger ein Mitentscheidungsrecht für Laien.

Wie genau meinen Sie das?

Weiten: Zunächst geht es darum, das gesamte kirchliche Leben innerlich mitzuvollziehen. Das setzt die existenzielle Entscheidung, das eigene Leben als Glied am Leib Christi zu gestalten, voraus. Dies soll sich dann in einem äußeren Handeln ausdrücken. Das Mittragen der kirchlichen Sendung kann viele Formen annehmen: vom Gebet in klösterlicher Gemeinschaft bis zum Expertenrat beim Bau einer Kirche, von der Organisation von Spendenprojekten bis zur Mitarbeit in synodalen Gremien. Wenn jedoch jemand, der aus der Kirche ausgetreten ist, als Mitglied eines synodalen Gremiums von Bischöfen eine schnelle Umsetzung von Reformvorhaben fordert, wie es bei der sechsten Synodalversammlung in Stuttgart der Fall war, entspricht dies nicht dem Synodalitätsverständnis von Papst Franziskus.
 

Interview: Jacqueline Straub/Katholisches Medienzentrum

(kw)

Weitere Infos

Das Interview im Original bei kath.ch: Ein Jahr nach Franziskus: Synodalität zwischen Vision, Theologie und Ordnung

Im neu erschienenen Band „Synodalität als Impuls für eine Erneuerung der Kirche. Erfahrungen und Gestaltungen aus Ost und West“ (Verlag Friedrich Pustet) hat der Theologe Gabriel Weiten einen Beitrag zu dieser Thematik verfasst.



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