News Bild Spiel mit der Angst - Bischof Rudolf Voderholzer besucht Dietfurter Ölbergspiel und hält Fastenpredigt

Spiel mit der Angst - Bischof Rudolf Voderholzer besucht Dietfurter Ölbergspiel und hält Fastenpredigt

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Die Lage am Ölberg ist furchtbar. Jesus weiß, dass er morgen einen grauenvollen Foltertod sterben wird. Die Widerhaken der Geißeln zerreißen Haut und Körperfleisch. Nägel in seinen Hände und Füßen quälen seinen Körper an das Kreuz. Nach Stunden erstickt er. Wer das vor sich sieht, den muss die Angst ergreifen: Schmerzen, die die Sinne erschaudern, aufbäumende Atemzüge, eingetaucht in Hohn und Spott der Gaffer. Am Ende der Tod. Jesus betet inständig: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“1 Er ist allein am Ölberg. Seine Freunde schlafen den Schlaf2 der nicht zu Beunruhigenden3: Es wird schon alles nicht so schlimm kommen.


Das Ölbergdrama

Hier ist einer erschüttert im Angesicht des Todes. „Gerade weil er der Sohn ist, empfindet er zutiefst das Grauen, all den Schmutz und das Gemeine, das er in dem ihm zugedachten Kelch trinken muss, die ganze Macht der Sünde und des Todes.“4 Trotzdem sagt Jesus sein Ja zum Willen Gottes, kein psychotisches Ja, als schrie dort am Ölberg eine gespaltene Persönlichkeit. Es ist das freie Ja eines Menschen zum Vater, dem er sich anvertraut mit aller Angst und allem Grauen, so wie sich ein Kind in die Arme seiner Mutter fallen lässt, weil es sich genau dort geborgen weiß. Der Wille des Vaters, mit dem Jesus übereinstimmt, zerstört nicht sein Eigenes. Jesu Gehorsam vollendet und entfaltet die ganze Fülle seines Ichs, die endgültige Selbstverwirklichung. Sein Ja ist Erlösung für uns alle und schenkt den Menschen DAS Leben.


Sinnliches Begreifen

Ölbergspiel5: Kann man dieses menschliche Urdrama spielen? In Dietfurt sagen sie seit 530 Jahren Ja zu dieser Frage. „Schon 1486 gab es in Dietfurt die so genannte Angst, eine donnerstägliche Andacht, die an das Geschehen am Ölberg erinnerte. 1680 kann dann erstmals das eigentliche Ölbergspiel im Franziskanerkloster nachgewiesen werden.“6 Dazwischen liegt die Zeit, in der auch die ersten Krippen in Bayern aufgestellt wurden, 1601 in Altötting oder 1608 in München7. Es ist die Zeit, in der die vielen Barockkirchen Bayerns mit ihren gemalten Gebeten und himmlischen Visionen die Sinne ansprechen, die Sinne, das Herz und das Denken. Wie Augenzeugen sehen die Künstler der damaligen Zeit die Menschen. Sie schufen ihre Werke nicht für elitäre Zirkel, sondern mit Blick auf Herrn und Frau Jedermann.

Einfach?

„Die Spielhandlung ist denkbar einfach: Dreimal werden Angst und Liebe des Herrn im einsamen Ölberggarten gezeigt, dreimal schließen sich Schriftlesung, Betrachtung und Fürbittgebet der Gemeinde an.“8  Der Blick hinter den Hochaltar der Klosterkirche zeigt ein komplexes Räderwerk. Nicht weniger als sechs vertikale Ebenen werden hier bewegt, um die unterschiedlichen Szenen lebendig werden zu lassen. Die Mechanik der sich bewegenden Kulissen und Figuren könnte gut dem Technikstand des 17. Jahrhunderts entsprechen. Die Lichtquellen sind natürlich mit der Zeit gegangen. Die beteiligten Menschen konnte ich nicht so schnell zählen. Rund 20 Personen schätze ich.


Das passiert

Wir sehen die lebensgroße Figur Jesu in felsiger Kulisse umringt von den schläfrig dösenden Jüngern. Eine Männerstimme hinter der Kulisse singt das verzweifeltes Gebet zum Vater: „Stärke, Vater, Deinen Sohn, meine Leiden nahen schon.“ Von oben senkt sich ein Kreuz auf die Schulter Jesu. Er sinkt zu Boden, beugt sich unter die Last, das Kreuz steigt wieder auf. Ein Bub stellt den Engel dar, wird auf einer Bühne zu Jesus herabgelassen, singt den Trost des Himmels: „Du bist, o Jesu, der Erlöser, auf den geharrt der Väter Schar“, entschwindet. Nach Schriftlesung und Betrachtung, kehrt der Blick zum betenden Jesus zurück. Das gesungene Gebet legt das Entscheidungsdrama in seiner ganzen Härte auf den Tisch: „Nimm, o, nimm den Kelch von mir! Doch Dein Will‘ ist mir Gebot,…“ Wieder beugt sich die Jesusfigur unter die senkende Last des Kreuzes. Und wieder baut der Engel auf: „…doch trinkest diesen Kelch Du nicht, dann weh‘ den Menschen!“ Beim dritten Erscheinen Jesu ist der Kampf gekämpft: „Vater, ja, es ist entschieden! (…) …bring‘ auf Gottes Sühnaltar willig mich zum Opfer dar.“ Der Engel bestätigt und unterstreicht die Entscheidung: „Du sprichst im schönsten Sieg der Liebe… (…)…Du Weltversöhner, Herr und Gott.“ Dreimal reicht der Engel den Kelch und dreimal trinkt Jesus daraus in tiefen Zügen.

 


Die Gemeinde spielt mit

Das Ölbergspiel bezieht die ganze Gemeinde mit ein. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Vorne vor dem Altar sitzt die Schar der Kinder auf dem Fußboden. Zwischen Jesusgebet und Engelstrost singt der Chor. Er verbindet das einsame Ringen Jesu am Ölberg mit unserem Glauben, mit unserer Antwort auf den Herrn, der uns ruft: „Uns Vergebung zu erwerben will nun Jesus für uns sterben; uns den Himmel aufzuschließen, soll sein heilig Blut jetzt fließen.“ Die Gemeinde greift das auf im fürbittenden Gebet: „Rette uns durch deine Todesangst aus aller Angst und Verzweiflung.“ Oder: „Lass uns im Gebet deinen Nähe und deinen Trost erfahren.“ Das „Dein Wille geschehe“ im Vater Unser gewinnt mit dem Ölberg vor Augen eine besonders eindringliche Tiefe.


Warum zieht ein Passionsspiel aus längst vergangenen Zeiten in den Bann?

Es fehlt so ziemlich alles, was die Attraktivität eines modernen Events ausmacht: keine Lasereffekte, keine computergesteuerten Figuren, keine elektronische Audioinszenierung. Warum zieht das Ölbergspiel in den Bann?



  1. Man ist Mitspieler.

Das Ölbergspiel fordert heraus, fragt an, will was von einem. Man kann sich in der Masse der Mitspieler wegducken. Aber man kann auch einfach sein Herz öffnen und sich hineinziehen lassen in die Urfrage nach unserem Verhältnis zu Gott. Vor Beginn des Spiels kann man sein ganz persönliches Verhältnis zu Gott im Beichtstuhl in Ordnung bringen.


  1. Das Ölbergspiel ist ernst gemeint

. wie jedes Spiel nur gut sein kann, wenn man es ernsthaft betreibt. Der Christussänger, Karl Mayerhöfer, singt die Christusstimme seit 37 Jahren. „Bevor er in die Altersteilzeit ging, nahm er an den Donnerstagen der Fastenzeit ab Mittag keine Termine mehr an“, erzählt mir seine Tochter Julia. Dass sie ihren Vater dafür schätzt, dass er dieses Ehrenamt trägt, das sagen ihre Augen. Die Dietfurter lassen sich von „ihrem“ Spiel in die Pflicht nehmen.

 

  1. Das Ölbergspiel kann man ernst meinen.

Das Ölbergspiel rührt an Grundfragen, die sich Menschen seit Jahrtausenden stellen. Über Fragen nach der Freiheit des Willens, nach Schuld und Sühne, nach menschlicher Erlösungsbedürftigkeit, nach Gehorsam oder nach dem Wesen der Liebe kann man sehr dicke Bücher schreiben, sehr teure Seminare besuchen, Magnetfelder auspendeln, anspruchslos an den Fragen vorbeidösen, oder eben beim Dietfurter Ölbergspiel mitspielen.


  1. Das Ölbergspiel ist eine echte Tradition.

Echte Traditionen reichen das von Generation zu Generation weiter, was den Menschen heilig ist, was wert ist, die Zeiten zu überdauern. Traditionen verkommen zu Folklorismen, wenn sie ihren Inhalt, das Überdauernswerte verlieren und nur noch eine Form übrigbleibt. Genau das ist bei dem Dietfurter Ölbergspiel nicht der Fall. Hier ist alles echt.


 

Was hat Bischof Voderholzer eigentlich gepredigt?

Bischof Voderholzer hielt eine Fastenpredigt. Die Fastenzeit ist keine Zeit, um abzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Zunehmen wollen wir, zunehmen an Glauben, an Hoffnung und an Liebe. Wir verzichten, um Raum zu schaffen für das Wesentliche.

Der Mensch, der den Menschen seiner Lebenswelt mit neu geschöpfter Kraft liebevollen Miteinanders begegnet, der hat gute Chancen, sein Glück zu gewinnen.

Man gewinnt Glück nicht, indem man hinter ihm herjagt. Das ist vielmehr der untrügliche Weg, um am Glück vorbei zu leben.

 


Mitspielen beim Dietfurter Ölberspiel

Alle Informationen zur Dietfurter Ölbergandacht und zum Dietfurter Ölberspiel finden Sie auf der Webseite der Stadt Dietfurt.

Schauen Sie aber auch in die Seite der Franziskaner hinein. 






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1
 Luk. 22,42

2 Die erste Gebetsbitte der Dietfurter Ölbergandacht greift die Schläfrigkeit der Jünger auf. „Hilf uns, unsere Müdigkeit abzuschütteln und neu mit einem christlichen Leben zu beginnen. Du, unser Erlöser.“

3 „Die Schläfrigkeit der Jünger bleibt die Jahrhunderte hindurch die Chance für die Macht des Bösen. Diese Schläfrigkeit ist eine Abstumpfung der Seele, die sich nicht aufregen lässt durch die Macht des Bösen in der Welt, durch das Unrecht und all das Leid, das die Erde verwüstet.“ (Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, Bd. II, Freiburg 2011, S. 173/4)

4 Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, Bd. II, Freiburg 2011, S. 176

5 „Jedes Spiel kann jederzeit den Spielenden ganz in Beschlag nehmen. Der Gegensatz Spiel-Ernst bleibt stets schwebend. Die Minderwertigkeit des Spiels hat ihre Grenze im Mehrwert des Ernsts. Das Spiel schlägt in Ernst um und der Ernst in Spiel. Es kann sich auf die Höhen der Schönheit und der Heiligkeit erheben…“ (Johann Huizinga, Homo Ludens, Köln 1947, S. 15/16)

6 Dietfurter Ölberg, Dietfurt 2011, S. 3

7
Michael Karger, Lehre mich die Weihnachtskunst, Regensburg 2015, S. 143

8 Dietfurter Ölberg, Dietfurt 2011, S. 4