News Bild Renovabis Pfingstaktion 2017 – „Bleiben oder gehen“ - Maranaj Marku aus Albanien zu Gast im Bistum Regensburg

Renovabis Pfingstaktion 2017 – „Bleiben oder gehen“ - Maranaj Marku aus Albanien zu Gast im Bistum Regensburg

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Die Zeit um Pfingsten ist der Aktionszeitraum des katholischen Hilfswerkes Renovabis, das Projekte in den Ländern Ost- und Südosteuropas unterstützt. Thema der diesjährigen Aktion ist die Arbeitsmigration, ein Phänomen, das auf den ersten Blick bekannt und vieldiskutiert erscheinen mag.

In diesem Rahmen besuchte Dr. Maranaj Marku aus Albanien über die Fachstelle Weltkirche der Diözese Regensburg direkt nach der großen Kölner Aktionseröffnung das Bistum. Dr. Marku ist Leiter der Malteser in Albanien und startet gerade ein Programm für „Rückkehrer“ – Flüchtlinge, deren Neustart in westlichen Ländern Europas nicht gelungen ist und die daher unter noch schwierigeren Bedingungen als vor ihrem Migrationsversuch in ihrer Heimat Fuß fassen müssen.

Unter dem Titel „Bleiben oder gehen –  Menschen im Osten Europas brauchen Perspektiven“  will Renovabis die Gründe mit einer realistischen, ganzheitlichen Herangehensweise fokussieren, die die Menschen aus Osteuropa dazu bewegen, ihre Heimat zu verlassen. Daneben soll auch ihre Situation beleuchtet werden, wenn sie versuchen, hier in Deutschland auf unterschiedliche Weise neu zu starten. Eine dritte, etwas ungewohnte Perspektive beleuchtet im Rahmen der Pfingstaktion die Menschen, die nach einem negativen Asylantrag, einer Abschiebung, wieder in die höchst schwierige Situation in ihrem Heimatland zurückkehren.

Albanien gilt als „sicheres Herkunftsland“, ist seit 2014 ein EU-Beitrittskandidat und verzeichnet dadurch auch verschiedene Reformen in den letzten Jahren. Was von außen betrachtet als logische und beruhigende Entwicklung erscheint, wird in der tatsächlich betroffenen Bevölkerung deutlich anders wahrgenommen. Um für diese Thematik zu sensibilisieren, war Herr Dr. Maranaj Marku für zwei Tage in unterschiedlichen Feldern der Diözese Regensburg unterwegs.

Schulbesuch im SBZ in Regensburg

An seinem ersten Abend traf Marku mit Landsleuten zusammen, die seit Jahrzenten in Deutschland leben und ihm von ihren (Lebens-)wegen bis nach Regensburg erzählten. Am Montagvormittag besuchte er das ‚Staatliche Berufliche Schulzentrum Regensburger Land’, wo er von Schulleiterin Frau Ernestine Schütz empfangen wurde und anregende Diskussionen mit den Schülern hielt. Besonders mit den jungen Erwachsenen, die selbst Wurzeln in Osteuropäischen Ländern haben, kamen lebhafte Gespräche zustande und auch mit ihren Mitschülern, die mit ihren Wahrnehmungen eine interessante Perspektive zu den Gesprächen beitragen konnten. Sehr betroffen waren die Schüler von dem Vorgehen mancher Abschiebungsverfahren und auch von einigen unvorstellbaren Anekdoten aus Albanien. Ein Land, das „trotz der Nähe und trotz der verheerenden Umstände so wenig in unseren Medien vorkommt“, wie ein Schüler anmerkte.

 

Pressegespräch mit Prof. Ulf Brunnbauer vom IOS

Am Nachmittag kam Herr Dr. Marku mit Herrn Prof. Ulf Brunnbauer zusammen, dem geschäftsführenden Direktor des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Unter Anwesenheit von verschiedenen Pressevertretern erzählte Herr Dr. Marku von seiner Arbeit, die u.a. beginnt, wenn zurückkehrende Menschen ohne jeglichen Besitz am Flughafen von Tirana landen, und ein Team der Malteser versucht, sie „aufzufangen“. Er erzählte von alarmierenden Schwierigkeiten vor Ort und von kleineren und größeren Erfolgserlebnissen. Als größtes Hindernis für die Arbeit der Malteser in Albanien identifiziert Marku das höchst korrupte politische System, dessen Auswirkungen besonders in Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sichtbar und spürbar werden. So seien die Ausstattungen der staatlichen Krankenhäuser katastrophal und auch das existierende Krankenversicherungssystem könne letzten Endes nichts absichern, während in unbezahlbaren Privatkliniken die neueste Technik vorhanden sei. Mit Blick auf das Schulsystem schilderte Marku, wie die Korruption auch dort Einzug gefunden hat und schlecht ausgebildete Lehrern zur Notenvergabe individuell bezahlt würden.

 

Prof. Ulf Brunnbauer forscht schwerpunktmäßig zu Phänomenen der Migrationsgeschichte und erläuterte, welche Schwierigkeiten es mit sich bringe, dass es nur sehr geringe legale Aus-/ bzw. Einwanderungsmöglichkeiten gibt, „für ein Land, das hochgradig von Migration abhängig ist“. Seit 1991, dem Ende des Kommunismus, haben etwa 1,2 Millionen Menschen das Land verlassen, also etwa 30% der Gesamtbevölkerung. Die Migration sei Teil der „wirtschaftlichen Lebenslinie“ der Albanischen Nation, da das Land selbst keine Chance habe, Arbeitsplätze und Versorgung für diese Anzahl an Menschen zu ermöglichen. Demnach ist Albanien angewiesen auf Arbeitsmöglichkeiten außerhalb und in einem nächsten Schritt natürlich auf die finanziellen Rückflüsse der Migranten in ihr Herkunftsland Albanien. Diese Abhängigkeit bringe die Albanische Regierung in ein schwieriges Dilemma: einerseits können und dürfen sie der Migration nicht vollkommen entgegenwirken, andererseits wollen sie aber auch das Klima zu den Zielländern nicht beeinträchtigen und müssen zusätzlich versuchen, innenpolitische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen, um auf dem Weg zum Status eines EU-Mitgliedstaates zu bleiben. Brunnbauer setzt seine Hoffnung auf die zivilgesellschaftlichen Akteure Albaniens und gezielter Unterstützung von staatlich unabhängigen Projekten, wie es beispielsweise Renovabis tut.

 

Austausch im Haus des Guten Hirten in Schwandorf

Noch am gleichen Tag besuchte Maranaj Marku das „Haus des Guten Hirten“ in Schwandorf. In dieser Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge lebt seit Beginn 2015 eine Gruppe minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge. Darunter auch junge Männer aus Albanien. Einem von ihnen ist eine Vorzeige-Laufbahn gelungen, er hat deutsch gelernt, hat durch die Unterstützung des Teams im Haus des Guten Hirtens in Kooperation mit lokalen Unternehmen einen Ausbildungsplatz bekommen und damit eine Aufenthaltsgenehmigung erlangt. Ein anderer junger Mann steht direkt vor dem Schritt noch einmal nach Albanien zu reisen, um auch für seine Aufenthaltsgenehmigung die letzten Formalien zu regeln. Marku zeigte sich beeindruckt von dem umfassenden, kompetenten Einsatz, den er im Haus des Guten Hirten erlebt, und signalisierte auch eine Zusammenarbeit mit seinem Projekt vor Ort.

Besuch bei den Regensburger Maltesern

Der zweite Tag von Maranaj Markus Besuch im Bistum Regensburg wurde in Kooperation mit den Maltesern geplant: Vormittags erzählte unser Gast in der ‚Rettungsdienstschule Bayern’in Regenstauf von der Arbeit der Malteser in Albanien, schilderte deren Arbeitsbedingungen und zeigte auch Wege auf, wie sich junge, angehende Malteser bzw. Auszubildende im Rettungsdienst international engagieren können. Auch Markus Csernik, Schulleiter der Malteser-Rettungsdienstschule unterstrich die Möglichkeit, auf diese Weise „über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen“. In den Räumlichkeiten der Malteser in Regensburg und im Austausch mit den jeweiligen Verantwortlichen bekam Herr Dr. Marku einen Einblick in die Arbeit seiner Vereinskollegen in Bayern, und es wurden nicht nur gemeinsame Arbeitsgebiete und Kooperationen, sondern auch einige gemeinsame Bekannte festgestellt – ein lebendiger Beweis der Weltkirche unter Maltesischem Vorzeichen. Mit einem praxisnahen Einblick in die Rettungsdienstleitstelle sowie in weitere Einsatzstützpunkte der Malteser endete ein kurzer aber dichter Aufenthalt von Dr. Maranaj Marku in Regensburg.

Neben vielen guten, inhaltlichen Gesprächen und Gedankenanregungen auf beiden Seiten sei unserem Gast auch die Stadt Regensburg sehr ans Herz gewachsen, wie er zum Schluss noch den Regensburgern ausrichten lässt, die ihn an allen Stellen so freundlich empfangen hatten. Ein extra Dank gilt auch der Dolmetscherin Frau Angela Wöhrl aus Freising.

Am Pfingstsonntag, dem 4. Juni 2017, geht die Kollekte der deutschen Pfarreien wie in jedem Jahr an Renovabis und damit an die in diesem Jahr vorgestellten Projekte im Osten Europas.

 

Fotos und Textvorlage: Fachstelle Weltkirche