Basilika unserer lieben Frau von Fatima mit leerem Vorplatz im Sonnenschein

Prof. Kreiml über die Erscheinung der Gottesmutter am 13. Mai 1917

Papst Johannes Paul II. als Pilger in Fátima


Regensburg, 13. Mai 2026

Papst Johannes Paul II. ist dreimal als Pilger nach Fatima gekommen: 1982, genau ein Jahr nach dem Attentat auf ihn auf dem Petersplatz, dann wieder 1991 und letztmals im Jahr 2000, als er die beiden früh verstorbenen Seherkinder Francisco und Jacinta Marto seliggesprochen hat (Heiligsprechung der beiden Geschwister durch Papst Franziskus 2017). In seiner Predigt vom 13. Mai 1982 hat der Papst, der ein großer Marienverehrer gewesen ist, die wesentlichen Aspekte der Botschaft von Fatima entfaltet.[1]

Das Geheimnis der geistigen Mutterschaft Marias 

Mit Bezug auf das Johannesevangelium (Joh 19,27) weist Johannes Paul II. darauf hin, dass Maria „die Mutter des Johannes“ geworden ist. In diesem Apostel wurde die Gottesmutter zur Mutter aller Menschen. An den marianischen Heiligtümern werden die Menschen „besonders lebhaft an die Gegenwart der Mutter erinnert“ (S. 40). Diese Orte ziehen die Menschen von weither an. An all diesen Orten „verwirklicht sich auf wunderbare Weise jenes einmalige Testament unseres gekreuzigten Herrn: Hier weiß sich der Mensch der Gottesmutter überantwortet. Seit der Stunde, da Jesus am Kreuz zu Johannes sprach: „Siehe, deine Mutter!“, hat „sich das Geheimnis der geistigen Mutterschaft Mariens in einer grenzenlosen Weite geschichtlich verwirklicht“ (S. 41). Die Sorge Marias, der Mutter aller Menschen, ist auf alle gerichtet. „Im Heiligen Geist umfängt Maria alle mit einer einzigartigen Sorge“ (ebd.). Die geistige Mutterschaft Mariens ist eine „Teilhabe an der Kraft des Heiligen Geistes“. Im Licht des Geheimnisses der geistigen Mutterschaft versuchen wir – so der Papst –, die „außerordentliche Botschaft“ zu verstehen, die von Fatima aus in die Welt ging.

Das Attentat auf den Papst am 13. Mai 1981 

„Ich bin heute hierhergekommen“ – so Johannes Paul II. in seiner Predigt 1982 –, „weil genau am selben Tag des vergangenen Jahres auf dem Petersplatz in Rom das Attentat auf das Leben des Papstes geschehen ist, ein Ereignis, das auf geheimnisvolle Weise zusammentrat mit dem Jahrestag der ersten Erscheinung von Fatima“ (S. 40) am 13. Mai 1917. Diese beiden Daten sind „derart zusammengetroffen, dass ich glaube, darin einen besonderen Ruf zu diesem Besuch zu erkennen. Ich bin gekommen, um der göttlichen Vorsehung an diesem Ort zu danken, den die Gottesmutter in so auffallender Weise erwählt zu haben scheint. Ich bin hierhergekommen, um vor allem die Ehre Gottes selbst zu preisen“ (S. 41 f).

Ruf zur Umkehr und Buße, zum Gebet und zum Rosenkranz 

Die Kirche hat – so der Papst – immer gelehrt, dass die göttliche Offenbarung „ihre Vollendung gefunden hat in Jesus Christus, der ihre Erfüllung ist“ (S. 42), und dass „keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten ist vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, Nr. 4). Deshalb beurteilt die Kirche Privatoffenbarungen nach dem Maß ihrer Übereinstimmung mit jener „einen öffentlichen Offenbarung“. Wenn die Kirche die Botschaft von Fatima angenommen hat, dann „vor allem darum, weil sie eine Wahrheit und einen Ruf enthält, die in ihrem wesentlichen Inhalt die Wahrheit und der Ruf des Evangeliums selbst sind“ (S. 42). Die ersten Worte des Messias an die Menschheit lauten: „Kehrt um, tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Die Botschaft von Fatima ist in ihrem wesentlichen Kern der Ruf zur Umkehr und Buße, wie er uns im Evangelium begegnet. Dieser Ruf von Fatima richtet sich in besonderer Weise an das 20. Jahrhundert. Maria liest die „Zeichen der Zeit“ mit großer Eindringlichkeit. Der Ruf zur Buße, der „mütterlich sanft und zugleich stark und bestimmt“ ist, verbindet sich immer mit dem Ruf zum Gebet. In Übereinstimmung mit der Tradition vieler Jahrhunderte weist Maria in Fatima auf den Rosenkranz hin. Dieses Gebet umfasst die Probleme der Kirche und der ganzen Welt. Ferner wird an die Sünder erinnert, damit sie sich bekehren und gerettet werden, sowie an die Seelen der Verstorbenen am Ort der Reinigung. Die Kinder von Fatima im Alter von sieben bis zehn Jahren sind die Gesprächspartner Marias und ihre Helfer geworden. 

Die mütterliche Liebe Marias 

Mit den Worten am Kreuz „Frau, siehe, dein Sohn!“ öffnet Jesus „in neuer Weise das unbefleckte Herz seiner Mutter und offenbart ihr die neue Dimension und Tragweite der Liebe, zu der sie im Heiligen Geist durch die Kraft des Kreuzesopfers berufen war“ (S. 42). Die Worte von Fatima klingen wie ein Echo der mütterlichen Liebe Marias, die den Weg der Menschen zu Gott umfängt: „den Weg hier auf Erden und den Weg, der durch den Ort der Läuterung über die Erde hinausführt“ (S. 43). Die Sorge der Mutter Christi ist die Sorge um das ewige Heil der Menschen. Im Licht der mütterlichen Liebe ist die ganze Botschaft der Madonna von Fatima zu verstehen. Was sich dem Weg des Menschen zu Gott direkt entgegenstellt, ist „das Verharren in der Sünde und schließlich die Leugnung Gottes; die geplante Streichung Gottes aus der Gedankenwelt des Menschen“ (ebd.). Das ewige Heil ist nur in Gott zu finden. Die Zurückweisung Gottes durch den Menschen „führt, wenn sie endgültig wird, notwendig zur Zurückweisung des Menschen durch Gott …, zur Verdammung“ (ebd.). An dieser Stelle seiner Ausführungen beruft sich der Papst auf einen Vers des Matthäusevangeliums. In der Bergpredigt (Mt 7,21-23) sagt Jesus: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“ Die Mutter Christi, die mit der ganzen Kraft ihrer vom Heiligen Geist genährten Liebe das Heil jedes Menschen ersehnt, kann zu dem, was dieses Heil von Grund auf gefährdet, nicht schweigen. „Deshalb ist die mütterliche Botschaft der Frau von Fatima zugleich so kraftvoll und entschieden. … Sie ruft und mahnt: zur Buße, zum Gebet, zum Rosenkranz“ (ebd.). Die Liebe der Mutter bemüht sich um alle Menschen unserer Zeit und zugleich um die von Glaubensabfall und sittlichem Verfall bedrohte Gesellschaft. Der Zusammenbruch der Sittlichkeit führt zum Niedergang der Gesellschaft. 

Sich von Maria helfen lassen bei der Rückkehr zur Quelle der Erlösung 

Das unbefleckte Herz Mariens steht in geistlicher Verbindung zum Herzen des Sohnes, das von der Lanze des Soldaten geöffnet wurde. Das Herz Mariens ist von derselben Liebe zum Menschen und zur Welt geöffnet, mit welcher Christus den Menschen und die Welt geliebt hat und sich am Kreuz dahingab. Die Welt dem unbefleckten Herzen Mariens weihen heißt, dass wir uns mit der Fürsprache dieser Mutter dem Lebensquell, der auf Golgotha entsprang, nähern. Aus dieser Quelle sprudeln ununterbrochen Erlösung und Gnade. „Andauernd geschieht in ihr Genugtuung für die Sünden der Welt. Andauernd ist sie Ursprung neuen Lebens und neuer Heiligkeit“ (S. 44). Die Welt dem unbefleckten Herzen der Mutter weihen heißt, sich unter das Kreuz ihres Sohnes stellen, ja die Welt dem durchbohrten Herzen des Heilandes weihen, sie zur Quelle der Erlösung bringen. Die Erlösung ist immer größer als die Sünde des Menschen. „Die Macht der Erlösung übersteigt unendlich alle Formen des Bösen im Menschen und in der Welt“ (ebd.). Deshalb ruft Maria nicht nur zur Umkehr; sie ruft, dass wir uns von ihr, der Mutter, helfen lassen bei der Rückkehr zur Quelle der Erlösung. Sich Maria weihen heißt, „sich von ihr helfen lassen bei der Überantwortung seiner selbst und der Menschheit, an Ihn, der heilig ist, unendlich heilig; das heißt, sich helfen lassen von ihr, … die Welt, den Menschen, alle Völker dem unendlich Heiligen darzubringen. Durch die Macht der Erlösung wurden Welt und Mensch geheiligt, dem unendlich Heiligen geweiht. Sie wurden der erbarmenden Liebe selbst dargebracht und anvertraut“ (ebd.). 

Mutter Christi und Mutter der Kirche 

Der „Weckruf von Fatima“ ist – so Johannes Paul II. – im Evangelium „so tief verwurzelt, dass sich die Kirche dieser Botschaft verpflichtet fühlt“ (ebd.). Die Antwort der Kirche gab Papst Pius XII., der genau am 13. Mai 1917 zum Bischof geweiht wurde, als er die Menschheit und besonders die Völker Russlands dem unbefleckten Herzen Mariens weihte. Er hat damit die entscheidende Antwort auf den im Evangelium gründenden Ruf von Fatima gegeben. Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über die besondere Gegenwart Mariens im Geheimnis Christi und der Kirche ist in jenem Weiheakt zur „vollen Entfaltung“ gelangt, mit dem Papst Paul VI. die Mutter Christi auch als „Mutter der Kirche“ herausgestellt hat und dadurch auf tiefe Weise ihre Einheit mit der Kirche und ihre Sorge für die Menschheit zum Ausdruck gebracht hat. 

Der Umkehrruf Marias angesichts der Bedrohungen der Menschheit 

Johannes Paul II. tritt am 13. Mai 1982 – so der Papst – vor die Mutter Christi hin, indem er noch einmal mit Bangen jenen mütterlichen Ruf zur Buße und Umkehr hört: jenen eindringlichen Ruf des Herzens Mariens, der in Fatima erklungen ist. Der Papst hört diesen Ruf Mariens mit bangem Herzen, weil er sieht, wie viele Menschen, gesellschaftliche Gruppen und Christen in die entgegengesetzte Richtung gegangen sind. „Ein starkes Bürgerrecht hat die Sünde in der Welt gefunden, und so weit hat sich die Leugnung Gottes in den Ideologien, Auffassungen und Programmen der Menschen ausgebreitet!“ (S. 45) Gerade deshalb ist der Aufruf zu Buße und Umkehr, der durch die Mutter Christi an uns gerichtet wurde, „immer aktuell“ – heute „noch dringlicher“ als 1917. Der Papst tritt auch auf „als Zeuge der ungeheuren Leiden der Menschen, als Zeuge der fast apokalyptischen Bedrohungen, die über den Nationen und über der Menschheit lasten. Diese Leiden sucht er mit seinem eigenen schwachen menschlichen Herzen zu umfangen, während er dem Geheimnis des Herzens Mariens … gegenübertritt. Im Namen dieser Leiden und eingedenk des Bösen, das sich in der Welt ausbreitet und die Menschheit bedroht, kommt der Nachfolger Petri hierher mit einem umso größeren Glauben“ (S. 45 f) an die Liebe des Erlösers. 

Die Welt Christus und dem Herzen Mariens weihen 

Wenn das Herz sich verkrampft wegen der Sünde und der Vielfalt der Bedrohungen, die sich über der Menschheit zusammenballen, so weitet sich dasselbe menschliche Herz „in der Hoffnung, wenn wir noch einmal vollziehen, was schon meine Vorgänger getan haben: nämlich die Welt dem Herzen der Mutter weihen, ihr besonders jene Völker weihen, die dessen vor allem bedürfen. Dieser Akt will besagen: die Welt demjenigen zu weihen, der unendlich heilig ist. Diese Heiligkeit bedeutet Erlösung, bedeutet Liebe, die stärker ist als das Böse“ (S. 46). Ein weiteres Mal soll – so Johannes Paul II. – diese Weihe geschehen. Der Ruf Mariens bezieht sich auch auf die neuen Generationen entsprechend den immer neuen „Zeichen der Zeit“. Wir müssen diesen Ruf immer wieder von neuem aufgreifen [2]

 

Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Vorsitzender des „Institutum Marianum Regensburg“ und Leiter der Hauptabteilung „Orden und Geistliche Gemeinschaften“ 

(kw)

 


[1] vgl. „Die Gottesmutter ist Mutter des Menschen geworden“. Predigt des Papstes bei der feierlichen Messe in Fatima am 13. Mai, in: Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner apostolischen Reise nach Portugal vom 12. bis 15. Mai 1982, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1982, S. 39-47

[2] vgl. „Umfange unsere Welt mit Deiner mütterlichen Liebe“. Weiheakt des Papstes an die Gottesmutter in Fatima am 13. Mai, in: Predigten und Ansprachen, Bonn 1982, S. 47-50; siehe auch Josef Kreiml / Sigmund Bonk [Hg.], 100 Jahre Botschaft von Fatima. Mitverantwortung für das Heil der anderen. Mit einem Geleitwort von Bischof Rudolf Voderholzer, Regensburg 2017
 



Nachrichten