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Zur Neuigkeit
Prof. Kreiml über die „Krise der Anrufbarkeit“
Ein hörendes Herz einüben
Regensburg, 17. August 2026
Zu den renommiertesten Soziologen in Deutschland zählt Hartmut Rosa (geboren 1965), der Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt ist. In einem Vortrag beim Würzburger Diözesanempfang 2022, auf dem die Ausführungen seiner kleinen Veröffentlichung (Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Über ein eigentümliches Resonanzverhältnis, München 2024) basieren, entfaltet der Autor die These, dass sich unsere heutige Gesellschaft in einer „ernsthaften Krise“ (S. 27) befindet.
Viele Zeitgenossen vertreten die Meinung, die Demokratie würde bereits „funktionieren“, wenn jede und jeder im Staat „eine Stimme hat, die hörbar gemacht wird“. Rosa ist der Überzeugung, dass dies nicht ausreicht. Ich brauche auch Ohren, die die anderen Stimmen hören. Und es braucht ein hörendes Herz, „das die anderen hören und ihnen antworten will“ (ebd., S. 53). Demokratie kann „im Aggressionsmodus“ nicht gelingen. Demokratie ist „das zentrale Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft, aber sie erfordert eben Stimmen, Ohren und hörende Herzen“ (ebd., S. 54). Intellektuelle Redlichkeit – so der Soziologe Max Weber (1864-1920) – setzt die Annahme voraus, dass auch andere Menschen ernstzunehmende Argumente haben. D. h., „ich will mich von dir erreichen lassen“. Durch dieses „wechselseitige Erreichen“ findet „wechselseitige Transformation“ statt, die uns befähigt, Neues hervorzubringen. Die Menschen in der Demokratie bedürfen eines hörenden Herzens, das freilich nicht vom Himmel fällt. Diese Haltung ist in einer „Aggressionsgesellschaft“ schwer einzunehmen. Hartmut Rosa vertritt die These, dass es in unserer Gesellschaft massiv an einem „hörenden Herzen“ fehlt – in politischer Hinsicht und in anderen Hinsichten. Wir haben eine „Krise der Anrufbarkeit“. Diese zeigt sich in der Glaubenskrise und in der Demokratiekrise gleichermaßen. Die Bitte von König Salomo an Gott „Gib mir ein hörendes Herz“ (1 Könige 3,9) enthält auch eine politische Dimension.
Das kognitive Reservoir der Kirchen
Die Frage, ob die heutige Gesellschaft der Religion und der Kirche bedarf, bejaht Rosa ohne Wenn und Aber. Kirche hat „eine sehr wichtige Rolle in dieser Gesellschaft zu spielen“ (ebd., S. 26). Insbesondere die Kirchen verfügen – so Rosa – über ein kognitives Reservoir, über Riten und Praktiken, in denen ein hörendes Herz eingeübt und erfahren werden kann. Die Menschen bedürfen der Fähigkeit, sich anrufen zu lassen. Diese Fähigkeit benennt Hartmut Rosa mit dem Begriff der „Resonanz“. Damit ist ein bestimmtes „Weltverhältnis“ im umfassenden Sinn gemeint. Die Grundform von Resonanz bedeutet „das Hören eines dezidiert Anderen“ (ebd., S. 59) und das Antworten darauf. Resonanz ist der Ort des Entstehens von unverfügbar Neuem.
Die Grundidee des Christentums: eine „Antwortbeziehung“
Die Religion verfügt über Elemente, die uns daran erinnern können, dass „eine andere Weltbeziehung als die steigerungsorientierte, auf Verfügbarmachung zielende“ (ebd., S. 67) möglich ist. Der entscheidende Punkt ist, dass die besten religiösen Deutungen „auf die Idee und Vergegenwärtigung von Resonanzverhältnissen hin“ angelegt sind. Religion hat die Kraft, einen Sinn dafür zu öffnen, was es heißt, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen. Die Grundidee des Christentums besteht darin, dass „am Grund meiner Existenz nicht das schweigende Universum, ein kalter Mechanismus, der nackte Zufall oder gar das feindliche Gegenüber liegen, sondern dass dort eine Antwortbeziehung steht“ (ebd., S. 72). „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jesaja 43,1). Wenn die Gesellschaft diese Form der Beziehungsmöglichkeit vergessen sollte, dann wäre sie „endgültig erledigt“ (ebd., S. 74). – In seinem Würzburger Vortrag präsentiert Hartmut Rosa aus soziologischer Sicht erstaunliche Einsichten, die nachdenklich stimmen und für Theologen und Kirchenleute höchst bedenkenswert sind.
Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung „Orden und Geistliche Gemeinschaften“ im Bistum Regensburg
(kw)




