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Prof. Josef Kreiml über das neue Buch von Tobias Haberl

Kirche – zeitgemäß und unzeitgemäß

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Regensburg, 26. Februar 2025.

Jüngst hat der im Bayerischen Wald geborene und in München lebende Journalist und Autor Tobias Haberl das Buch „Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe“ veröffentlicht. Dieses Buch hat beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Eine Rezension von Josef Kreiml.

In einem Kapitel seines Buches, das die Überschrift „Unzeitgemäß“ trägt, verweist der Autor auf interessante Beobachtungen: Vielfach wird – so Tobias Haberl – einem erklärt, dies oder jenes sei „heute unbedingt oder auf keinen Fall mehr zeitgemäß“ – ohne dass ein einziges Argument mitgeliefert wird. Journalisten verwenden den Begriff „zeitgemäß“, um die eigene Meinung aufzuwerten und die Meinung anderer abzuwerten. In Talkshows und Leitartikeln fällt er ständig, fast immer bleibt er unwidersprochen. Der Begriff „zeitgemäß“, dessen Gebrauch in den letzten Jahren „regelrecht explodiert“ ist, ist trügerisch und erstickt jegliche Debatte. Ob etwas zeit- oder unzeitgemäß ist, lässt sich nicht objektivieren. Für manchen Fernsehjournalisten ist die katholische Kirche „das Letzte, für viele Einsame, Kranke und Sterbende ist sie die letzte Hoffnung“ (S. 228). Etwas zeit- oder unzeitgemäß zu finden: Das ist nie ein Argument, sondern immer eine private Einschätzung, ein ideologiegetränkter Wunsch, eine interessengeleitete Sicht der Dinge, die keineswegs von allen geteilt, dafür von einigen umso rücksichtsloser behauptet wird.

Die Fixierung auf vermeintlich Zeitgemäßes basiert – so Tobias Haberl – auf der Annahme, dass sich unsere Welt – von Schwankungen abgesehen – ständig zum Besseren hin entwickelt, dass das Neue grundsätzlich eine Weiterentwicklung des Alten ist. Haberl betrachtet diese Sichtweise mit Skepsis. Er hat die Erfahrung gemacht, dass „für jeden Fortschritt ein Preis zu zahlen ist, der oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten zutage tritt“ (S. 229). Realistischerweise muss man sehen, dass Menschen nicht nur Lernfortschritte machen, sondern auch Wichtiges „verlernen“. Immer wenn jemand von „nicht mehr zeitgemäß“ spricht, muss man sich fragen, ob es nicht auch umgekehrt sein könnte: dass „die Sache richtig ist, aber die Zeit verkehrt ist“. Gott ist nicht darauf angewiesen, als zeitgemäß empfunden zu werden, „weil eine Wahrheit unter allen Umständen wahr ist, selbst dann, wenn sie niemand wahrhaben will“ (ebd.). Jesus von Nazareth war nicht zeitgemäß. Er war ein Rebell, der in seiner Liebe zu weit gegangen ist. Das ist der Grund, warum sich 2000 Jahre später mehr als zwei Milliarden Menschen auf ihn berufen, während die Zeitgemäßen von damals vergessen sind.

Die Gefahr der Eindimensionalität

Etwas zeitgemäß zu finden heißt oft, wichtige Aspekte einer Sache auszublenden oder mutwillig zu verschweigen, weil sie unbequem sind oder nicht in die Argumentation passen. Menschen haben einen ausgeprägten Hang zur Selbsttäuschung. Sie schauen gern weg, wenn sie irgendwo hinschauen sollten. Vermeintlich Unzeitgemäßes kann „wertvoll und aufregend Neues ausgesprochen schädlich sein“ (S. 230). Mit der Zeit zu gehen, ist nicht immer klug. Nicht alles, was abgeschafft wird, sollte auch verschwinden. Was heute vernünftig klingt, kann morgen verantwortungslos sein – und umgekehrt. Eine Gesellschaft, der es nicht gelingt, unzeitgemäße Aspekte zu integrieren oder bewusst zu fördern, droht eindimensional zu werden. Es müssen Perspektiven entwickelt werden, die „den Zeitgeist, in dem es sich Menschen notwendigerweise bequem machen, infrage stellen“ (ebd.).

Buchcover

So sieht es aus, das neue Buch von Tobias Haberl

Das Wort Gottes gegen die Moden der Zeit verteidigen

Es ist – so Haberl – nicht Aufgabe der Kirche, so zu sein, wie die Menschen sie gerne hätten, sondern die Menschen daran zu erinnern, wie sie sein sollten, um Gott finden zu können. Dass sie dieser Aufgabe nicht gut genug nachkommt, dass sie – im Gegenteil – immer wieder versagt, den Menschen Vorbild und Wegweiser zu sein, ändert nichts daran, dass eine zeitgeistige Kirche ein Widerspruch in sich ist, weil sie in einer Gesellschaft, die außer sich nichts Größeres mehr sieht, unzeitgemäß sein muss, um davon erzählen zu können, woran sie nun mal glaubt: dass „Gott den Menschen Gebote gegeben hat, nach denen sie leben sollen, um die Schöpfung zu bewahren und im Tod erlöst zu werden“ (S. 231). In gewisser Weise ist die Kirche „in der Zwickmühle“: Einerseits muss sie sich der Gegenwart anpassen, um die Menschen überhaupt zu erreichen, andererseits darf sie sich nicht anbiedern, weil es ihre Pflicht ist, das Wort Gottes gegen die Moden der Zeit zu verteidigen. „Vernachlässigt sie diese Aufgabe aus Angst vor Gegenwind oder Mitgliederschwund, gleicht sie einem Arzt, der sich von seinen Patienten dafür bezahlen lässt, dass er ihren Cholesterinwert lobt, aber den Darmtumor verschweigt“ (S. 232).

Von Gott erzählen

Je weniger Menschen etwas von Gott wissen wollen, desto beharrlicher muss die Kirche von ihm erzählen. Die Kirche „muss zugewandt, aber auch unbequem, liebevoll, aber auch kritisch, barmherzig, aber auch streng sein, um Menschen, die das authentische Leben in der größtmöglichen Entfremdung zu finden scheinen, auf den Weg zu führen, den sie nun mal für den richtigen hält“ (S. 234). Die einen erwarten von der Kirche Güte, Flexibilität und Barmherzigkeit, die anderen Strenge, Konsequenz und Standfestigkeit, wieder andere alles auf einmal. Für Haberl ist die Frage entscheidend, wie die Kirche leidenden Menschen Halt und Hoffnung geben kann. Die Kirche darf nicht aufhören, zu einem gottesfürchtigen Leben aufzufordern, weil sie eine Glaubenswahrheit zu verkünden hat. In einer Gesellschaft, in der „immer mehr Menschen seelenlos aneinander vorbeileben, weil sämtliche Bindungen verschwinden“, darf die Kirche nicht aufhören, zur Umkehr zu mahnen. Das „Eigentliche“ in der Kirche sind der Lobpreis Gottes und das Fragen nach eigener Schuld. „Unzeitgemäß“ sein kann bedeuten: eine „Lebensweise zu kritisieren, die für die Seele falsch ist, auch und gerade dann, wenn es keiner hören will“ (S. 237).

Zeit- und unzeitgemäß zugleich

Die Kirche muss das Kunststück vollbringen, zeit- und unzeitgemäß zugleich, also eigentlich zeitlos zu sein. Indem sie alte Wahrheiten in neuer Form verkündet, also zwischen „zeitgenössisch werden“ und „sich anpassen“ unterscheidet, muss sie auf zeitgenössische Weise den Widerspruch darstellen, den sie in einer modernen Welt notwendigerweise bedeutet. Ein bisschen Jesus, ein bisschen Buddha und ein bisschen Achtsamkeit ist zu wenig. Haberl „möchte nicht, dass sämtliche Traditionen über Bord geworfen werden, nur weil vermeintlich fortschrittliche Menschen sie altmodisch finden. Ich möchte keine Kirche, die sich, um niemanden zu verprellen, nur noch als unanstößige Light-Version präsentiert“ (S. 238).

Die Kirche darf nicht so tun, als wäre ein gottesfürchtiges Leben „ein Sonntagsspaziergang mit Einkehrschwung“. Der christliche Glaube kann – so Haberl mit Berufung auf Joseph Ratzinger – seine Kraft nur entfalten, wenn er in seiner ganzen Strenge und Nachsicht erfahren wird. Ein gottesfürchtiges Leben ohne Opfer, ohne Anstrengung ist nicht möglich. Es gibt „kein großes Glück im Vorbeigehen“. Tobias Haberl träumt von einer Kirche, die alle Menschen „wirklich liebt, ohne das Göttliche zu entzaubern“. Der gläubige Mensch erkennt im Glauben eine Wahrheit, vielleicht sogar die einzige Wahrheit, die es gibt. Im Laufe der Weltgeschichte ist vieles untergegangen, was auf Ewigkeit angelegt war. Es ist ein Wunder, dass es die Kirche immer noch gibt.

Mit Gottes Hilfe

Der Versuch, anständig durchs Leben zu gehen, reicht Haberl nicht. Er möchte dies „an der Seite und mit der Hilfe Gottes tun“ (S. 242). Deswegen betet er und feiert er die Heilige Messe mit. Haberl fragt seine Leserinnen und Leser: Haben Sie das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind? Dass die Liebe zu- und der Hass abnimmt? Dass wir auf Frieden und Freiheit oder wenigstens eine ausbalancierte Gesellschaft zusteuern? Dem Verfasser des Buches „Unter Heiden“ hilft die Vorstellung, dass göttliche Gebote „mich nicht schikanieren, sondern dabei unterstützen wollen, in einem tieferen Sinne frei, auch angstfrei, zu werden“ (S. 243). Tobias Haberl ist sich sicher, dass Gott seinen Geschöpfen niemals etwas Unmögliches abverlangt. „Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben“ (Edith Stein). Haberl versucht, ein zeitgemäßes Leben mit einem „vermeintlich unzeitgemäßen Glauben“ zu verbinden. Es ist die Pflicht der Kirche, in größeren Zeiträumen zu denken.

Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung Orden und Geistliche Gemeinschaften im Bistum Regensburg

(sig)

Weitere Infos

Unser Bild zeigt links einen Ausschnitt der Titelseite des besprochenen Buches, rechts im Bild der Autor bei einer Signierstunde nach einer sehr erfolgreichen Lesung im Pfarrsaal Hl. Dreifaltigkeit, Regensburg.

Mediadaten: Tobias Haberl, Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe, München 2024, 288 S., geb., ISBN 978-3-442-76287-3, 22 €.



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