News Bild Pontifikalrequiem für Agnes Heindl: Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer

Pontifikalrequiem für Agnes Heindl: Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer

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Statio und Würdigung

Liebe Familie Heindl, trauernde Angehörige,
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt: Wilhelm [aus Altötting] und Martin aus Kenia,
liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst,
Ihre Durchlaucht Fürstin Gloria,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

 Am Sonntag, den 10. November 2013, verstarb wenige Wochen nach Vollendung ihres 88. Lebensjahres

 

Ihre Mutter, Großmutter, Schwiegermutter,

Ihre, lieber Herr Domkapellmeister, langjährige Haushälterin,

nicht zuletzt die Wohltäterin vieler Priesterstudenten, von denen einige sogar Bischöfe geworden sind und zu denen auch der Generalobere der Weißen Väter, Pater Richard [Baawobr] aus Ghana, gehört,

 

unsere allseits hochgeschätzte Frau Agnes Heindl.

Bevor wir sie nachher auf dem Oberen Katholischen Friedhof zu Grabe tragen, sind wir hier in der Basilika zu unserer Lieben Frau von der Alten Kapelle zusammengekommen, um für sie die große Danksagung, Eucharistie zu feiern, sie hineinzunehmen in das Kreuzesopfer unseres Herrn Jesus Christus, Tod und Auferstehung Jesu Christi zu feiern als den Grund unserer Hoffnung auf Frau Heindls und unser aller Auferstehung und Leben bei Gott.

Allen, die um Frau Heindl trauern, allen, denen sie fehlen wird, gilt unsere aufrichtige Anteilnahme!

Lassen Sie mich kurz das Leben von Frau Heindl in seinen wichtigsten Stationen skizzieren, dass wir ihr Bild sozusagen lebendig vor Augen haben, wenn wir für sie beten. Ich bitte Sie, dafür kurz Platz zu nehmen.

Frau Heindl war am 17. Oktober 1925 in Zell am Harmersbach im südlichen Schwarzwald als zweites Kind von insgesamt sieben Geschwistern in der Familie Schöner zur Welt gekommen. Ihr Vater war als Porzellanmaler auch politisch engagiert und kam Ende der 1920er Jahre mit der ganzen Familie in die Oberpfalz, um dort die christliche Gewerkschaftsbewegung zu fördern. Immun gegen die nationalsozialistische Ideologie leidet die Familie nicht nur unter den widrigen Lebensverhältnissen, sondern bald auch unter den Folgen des Krieges. Zur Sorge um den zum Kriegsdienst einberufenen Vater und die Brüder kommt der Verlust des Elternhauses in Weiden infolge der Bombardierung mit Napalmbomben.

Frau Heindl wird nach einer Lehre als Bankkauffrau vom Vater in den Haushalt der Großfamilie zurückgerufen, um den aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden Männern den Arbeitsplatz freizumachen – sie erkennt aber zugleich den Wert und die Bedeutung der Haushaltsführung für das Wohl der ganzen Familie. 1954 heiratet Agnes Schöner den Gymnasiallehrer Herrn Johann Heindl. Sie gründen in Regensburg eine Familie, der die drei Kinder Hubert, Juliane und Patrick geschenkt werden. Das Familienleben ist, so haben Sie, liebe Angehörige, es mir lebhaft geschildert, von Anbeginn von großer Offenheit und Gastfreundschaft geprägt. Der geistliche Weg des Bruders Hubert öffnet auch der Schwester und ihrer Familie den Blick und das Herz für Priesterstudenten im In- und Ausland. Schon Anfang der 1960-er Jahre kommen die ersten Priesterstipendiaten aus Afrika nach Regensburg und vermitteln auf lebendige Weise die Eindrücke und Herausforderungen der jungen Kirchen.

Die frühen Krankheiten ihres Mannes aber werfen Ende der 1970er Jahre eine große Sorge in die Familie, und der frühe Tod von Herrn Heindl im April 1985 bringt große Trauer. Frau Heindl muss ein dunkles Tal der Trauer durchschreiten, in dem sie auch noch eine Krebserkrankung zu besiegen hat. Dass ihr dazu die Kraft gegeben war, erkennt sie als Zeichen Gottes und Hinweis auf neue Aufgaben und Pflichten. Freunde aus Afrika laden sie ein, und so wie sie einst ihre Türen geöffnet hatte, so tun sich ihr jetzt viele Türen auf und die vielfältigen Kontakte mit Afrika intensivieren sich.

Frau Heindl ist 70 Jahre alt, als sie noch einmal einen weiteren Neubeginn wagt, nämlich, über die Vermittlung ihres Bruders, die Haushaltsführung des emeritierten Domkapellmeisters Georg Ratzinger zu übernehmen. Fast 18 Jahre hat sie für Sie, lieber Herr Domkapellmeister, gesorgt und als „Seele des Hauses“ mitgeholfen, dass die Luzengasse 2 eine wahre Heimat, ein offenes und gastfreundliches Zuhause für Sie werden konnte. Als eine ebenso charmante wie resolute, energische wie fromm-demütige Frau habe ich selbst sie schließlich in der Luzengasse kennenlernen dürfen. Höhepunkt ihres Wirkens dort aber war gewiss jener denkwürdige Tag im September 2006, als sie Papst Benedikt in der Luzengasse empfangen und zusammen mit ihren Schwestern das Festmenü zubereiten durfte. Der Tag hatte freilich mit eine Schrecksekunde begonnen: Ihr morgendlicher Gang in die Luzengasse wäre nämlich beinahe an einem Sicherheitsbeamten gescheitert, der in ihrem Suppentopf eine möglicherweise versteckte Bombe befürchtete. Frau Heindl verschaffte sich schließlich doch Zutritt in ihr Reich, indem sie in ihrer resoluten Art deutlich machte: „In dem Topf ist keine Bombe drin, sondern die Suppe für den Heiligen Vater – und wenn Sie mich nicht durchlassen, bekommt er nichts zu essen!“ (nachzulesen bei Karl Birkenseer).

Liebe Schwestern und Brüder, ich darf Ihnen an dieser Stelle sagen, dass ich heute vor acht Tagen auch bei unserem Papa emeritus gewesen bin, zusammen mit Ihnen, lieber Herr Domkapellmeister. Er nimmt lebhaften Anteil und ist jetzt auch im Gebet mit uns verbunden, wenn wir das Requiem für Frau Heindl feiern, für ihr Leben danken und für alles, was noch unvollkommen gewesen sein mag, um Gottes Barmherzigkeit bitten.

Wir erheben uns, treten hin vor den Herrn und bitten ihn um Vergebung und die Bereitung der Herzen für diese heilige Feier: Erbarme Dich, …

 

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Ein Bildwort, das ein Geschehen aus der Natur aufgreift, das wir jedes Jahr im Frühjahr neu bewundern dürfen. Das ins Erdreich ausgesäte Weizenkorn beginnt, unterstützt von Wärme und Feuchtigkeit, zu keimen und zu wachsen und bringt schließlich ein Vielfaches seiner selbst in der reifen Ähre hervor. Mit diesem Bildwort bereitet der Herr die Apostel Andreas und Philippus und mit ihnen die griechischen Jerusalempilger auf seine „Stunde“ vor, auf seine Lebenshingabe am Kreuz. Sie wird nicht ein Scheitern sein und einen Absturz in die Vergeblichkeit bedeuten, sondern Ursprung und Quelle des neuen, wahren und unsterblichen Lebens.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Die Angehörigen haben dieses Wort aus dem 12. Kapitel des Johannesevangeliums mit mir ausgewählt, um uns in dieser Stunde das Geheimnis unseres Glaubens, der auch der Glaube unserer verstorbenen Frau Agnes Heindl war, tiefer zu erschließen.

Ein Wort, das uns das Geheimnis der Fruchtbarkeit des Lebens von Frau Heindl beleuchtet und zugleich uns allen Trost und Zuversicht vermittelt.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Die Beobachtung aus der Natur kann anknüpfen an der allgemeinmenschlichen Erfahrung, dass sich Glück und Lebensfreude, Erfüllung und Zufriedenheit im Leben in der Regel nicht dann einstellen, wenn sie direkt und absichtlich angezielt und erstrebt werden, sondern wenn jemand absichtslos und entschieden das tut, was der Augenblick erfordert, wo jemand sich selbstlos an eine Aufgabe, eine Idee, an einen Menschen verschenkt und sein Leben, ja sagen wir es, verschwendet, um dann im Rückblick dankbar beglückt festzustellen, dass dies der Königsweg zu Glück und Erfüllung war. Umso mehr gilt dies für den Jünger und die Jüngerin Jesu Christi des Herrn: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 16,25),so lädt der Herr die Seinen ein, in der Gleichgestaltung mit ihm das Leben zu gestalten und zu gewinnen.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Frau Heindl hat die Aufgaben, die sich ihr in ihrem bewegten Leben gestellt haben, in dieser Haltung gelebt und gerade darin ihr Glück und ihre Herzensfreude gefunden. Sie hat damit zugleich uns allen ein überzeugendes Beispiel gegeben, dass Selbstverwirklichung am ehesten dort gelingt, wo sie nicht geplant oder ideologisch erzwungen wird, sondern sich im Verschenken von Liebe, von Zeit, von Zuwendung an andere Menschen gleichsam als Nebenwirkung von selbst einstellt. Sie hat in der Familie, in der Sorge um die Priesterstudenten, im Engagement für die Mission und zuletzt im Haushalt des Herrn Domkapellmeisters sich drangegeben und erfahren dürfen, dass ihr vielfach vergolten wurde, was sie absichtslos verschenkte. Vor allem in der Sorge für Afrika, wir erleben es heute, durfte sie erfahren, wie sich ihr Geben in ein umso größeres Empfangen verwandelte.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Das Wort aus dem Johannesevangelium beleuchtet nicht nur das Geheimnis der Fruchtbarkeit des Lebens von Frau Heindl, sondern es ist uns auch Quelle des Trostes angesichts ihres Todes und unseres uns allen einmal bevorstehenden Todes.

Denn es verweist uns auf das Wirken des wahren Weizenkorns, das Jesus Christus selbst ist. Eingesenkt in das Grab und das Reich des Todes, worin er unser aller Schicksal auf sich genommen hat, ist er vom Tode erstanden und hat er uns den Weg zum himmlischen Vater erschlossen. Die Frucht seiner Lebenshingabe sind die vielen Wohnungen, die er uns beim himmlischen Vater bereitet hat (vgl. Joh 14,2). In Christus, dem wahren Weizenkorn, ist das Geheimnis der Fruchtbarkeit hingegebenen Lebens in einer Weise erfüllt, dass kein Tod und keine Vergänglichkeit es mehr bedrohen können. Und im Geheimnis der Eucharistie, da wir das Brot aus den vielen Weizen-Körnern essen dürfen, in dem der Herr selbst sich an uns verschenkt, werden wir jetzt schon hineingenommen in sein neues und unzerstörbares Leben.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24).

Christus selbst ist das Weizenkorn, das sich in die Erde hat senken lassen, um uns teilhaben zu lassen an seiner Fruchtbarkeit. Er ist das Lamm Gottes, das Agnus Dei, das sich für uns verschenkt hat.

Unsere Frau Agnes Heindl war nicht nur in ihrem Vornamen Agnes, der abgeleitet ist von Agnus, Lamm, Christus dem Herrn ähnlich; sie hat die Verähnlichung mit Christus auch in einem Leben der Hingabe an ihre vielen Aufgaben verwirklicht. Die Feier der Eucharistie und die Liebe zum Sonntag als Tag des Herrn waren ihr dabei wesentliche Kraftquellen.

So dürfen wir voll Zuversicht hoffen, dass der Herr ihr Leben annehme und vollende in seiner Herrlichkeit.

O Herr, gib ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, o Herr, lass sie ruhen und leben in Frieden, Amen.