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Zur Neuigkeit
Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk, Bayerisch Eisenstein
Bauliches Kleinod an der Grenze
Bayerisch Eisenstein / Regensburg, 8. Januar 2026.
Die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk in Bayerisch Eisenstein lässt sich nicht aus ihrem Baujahr heraus erklären. Wer sie allein als neubarocken Sakralbau der Jahre 1908 bis 1909 liest, verkennt ihre eigentliche Herkunft. Denn dieser Bau ist weniger Ursprung als Ergebnis. Hier geht es um die Verdichtung eines Raumes, in dem kirchliche Ordnung, politische Grenzziehung und demographische Bewegung über lange Zeit nicht deckungsgleich waren.
Was heute als Zentrum erscheint, war über Jahrhunderte hinweg Peripherie. Die geistliche Ordnung des Eisensteiner Raumes orientierte sich zunächst nicht am Ort selbst, sondern am benachbarten Böhmisch Eisenstein, dem heutigen Železná Ruda. Dort entstand 1694 eine hölzerne Kirche, 1732 durch einen steinernen Bau ersetzt, der über Jahrzehnte Mutterkirche für das gesamte Gebiet blieb und kirchlich dem Bistum Regensburg zugeordnet war. Die Teilung der Hofmark Eisenstein im Jahr 1764 veränderte diese Ordnung nicht sofort. Geistlich blieb der Raum zusammen, auch als die weltliche Grenze neu gezogen wurde.
Erst der Erwerb der Hofmark durch Franz Ignaz von Hafenbrädl ab 1771 markierte einen Wendepunkt. Mit dem Hofmarkssitz am sogenannten Bayerisch Häusl entstand auf bayerischer Seite erstmals ein eigener kirchlicher Bezugspunkt in Form einer Schlosskapelle. Dass von diesem Bau heute nur noch die gemauerte Apsis erhalten ist, verweist auf den provisorischen Charakter dieser frühen Lösung.
Auch der zwischen 1842 und 1844 errichtete Kirchenbau am selben Ort blieb Übergang. Er diente als Expositurkirche, war funktional ausreichend, aber räumlich falsch positioniert. Mit der Eröffnung des Grenzbahnhofs im Jahr 1877 verlagerte sich das Gewicht des Ortes ins Tal; die bestehende Kirche wurde zu klein, zu abgelegen, zu sehr Erinnerung an eine Phase, die bereits überschritten war.
Der Entschluss zum Neubau
Der Neubau der heutigen Pfarrkirche ist daher nicht als Ausdruck gestalterischer Ambition zu lesen, sondern als bewusste Entscheidung für einen neuen Mittelpunkt. Maßgeblich initiiert durch Expositus Josef Siebler, der 1901 nach Eisenstein kam, verband sich der Wunsch nach einem zeitgemäßen Sakralraum mit dem Streben nach pfarrlicher Eigenständigkeit. Die Finanzierung – getragen von Landeskollekte, Kirchenbaulotterie und den Zuwendungen des Hauses Hohenzollern, seit 1872 im Besitz der Hofmark – spiegelt diesen gemeinschaftlichen Anspruch.
Nach langen Standortdiskussionen begann am 28. April 1908 der Bau. Der Entwurf des Münchner Architekten Hans Schurr sieht einen neubarocken Kirchenbau vor, der nicht monumental im emphatischen Sinn sein will, sondern ordnend. 1909 wurde der Bau fertiggestellt, am 14. November desselben Jahres benediziert; die feierliche Weihe durch den Bischof von Regensburg erfolgte erst am 19. Oktober 1919 – ein zeitlicher Abstand, der die historischen Zäsuren der Epoche bereits einschreibt.
Architektur als Disziplin
Mit einer Länge von etwa 43 Metern, einer Breite von 19,5 Metern und einer Höhe von 23 Metern – der Turm erreicht rund 45 Meter – ordnet sich der Bau klar ins Ortsbild ein. Langhaus, Querhaus und eingezogener Chor folgen einer klassischen Disposition, die sich an barocken Vorbildern orientiert, ohne diese historistisch zu reproduzieren. Die Architektur sucht nicht den Effekt, sondern die Übersicht. Sie schafft einen Raum, der liturgisch lesbar bleibt und die Ausstattung nicht dominiert, sondern trägt.
Eine Inschrift an der Nordwand weist die Kirche als Gedächtniskirche für Fürst Leopold von Hohenzollern aus. Sie fungiert weniger als Widmung denn als historischer Marker: Erinnerung an jene Konstellation von Patronat, Finanzierung und politischer Ordnung, aus der der Bau hervorging.
Ausstattung als Schichtung
Die Ausstattung der Kirche ist kein homogener Bestand, sondern Ergebnis einer gezielten Zusammenführung. Hochaltar, Kanzel und der Altar im rechten Querhaus stammen von Bruno Diamant aus München und gehören zur Erstausstattung des Neubaus. Ihnen wurden jedoch bewusst ältere Werke integriert: die Figuren der Heiligen Wilhelm und Leopold sowie der Kirchenlehrer Augustinus und Papst Gregor der Große, um 1750 im Rokoko entstanden. Sie fungieren als Träger eines älteren Bildgedächtnisses innerhalb eines neuen Raumes.
Der linke Seitenaltar, eine schlichte barocke Arbeit aus der Zeit um 1680, war ursprünglich Hauptaltar der früheren Expositurkirche. Auf ihm befindet sich eine Marienfigur unbekannter Herkunft, stilistisch dem böhmischen Raum zuzuordnen – ein leiser, aber präziser Hinweis auf die transnationale Geschichte dieses Ortes. Die Kreuzigungsgruppe, um 1911 entstanden und dem Regensburger Bildhauer Grau zugeschrieben, verbindet barocke Ikonographie mit neuzeitlicher Formensprache.
Bilder, Fenster, Zeit
Über dem Hochaltar befindet sich das Gemälde der Vierzehn Nothelfer, 1690 von Johann Rotter geschaffen und 1968 in den Altar eingefügt. Der ornamentale Rahmen stammt von Jakob Helmer aus Regensburg. Hinzu treten ein Kreuzweg unbekannter Provenienz, mehrere Heiligenfiguren des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sowie ein Taufbecken mit Darstellung der Taufe Christi aus der Zeit um 1750.
Die Glasfenster markieren unterschiedliche Zeitschichten: 1926 entstand das Fenster mit der Schmerzensmutter in der Münchner Werkstatt Zettler; 1961 folgte das Johannes-Nepomuk-Fenster nach einem Entwurf des Architekten Rothemund, ausgeführt von E. Schwankl. Beide sind Stiftungen und Teil einer fortgesetzten Memorialpraxis. Zu den jüngeren Ergänzungen zählen auch der Kristallleuchter von 1972 sowie der Voraltar und der Ambo aus dem Jahr 1996.
Grenzerfahrung und Erinnerung
Der Bau trägt auch die Brüche des 20. Jahrhunderts. Eine Glocke wurde im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken eingezogen und 1947 aus Hamburg zurückgeführt. Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ Repressionen im Gemeindeleben; nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Flüchtlingsbewegungen die Pfarrei.
Am 3. Februar 1990 schließlich verband eine deutsch-tschechische Menschenkette die Kirchen von Bayerisch Eisenstein und Železná Ruda, begleitet von einem gemeinsamen Gottesdienst. In diesem Moment wurde sichtbar, was dieser Bau immer schon war: Teil eines Raumes, der sich politischen Grenzziehungen entzieht.
Schluss
Die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk ist kein innovativer Bau im architekturhistorischen Sinn. Ihre Bedeutung liegt woanders: in der Fähigkeit, einen historistischen Neubau mit einer über Jahrhunderte gewachsenen Ausstattung so zu verbinden, dass der Raum lesbar bleibt. Als Sakralbau im bayerisch-böhmischen Grenzraum verdichtet sie kirchliche Kontinuität, regionale Frömmigkeit und die Erfahrung historischer Brüche – nicht spektakulär, sondern dauerhaft.
Text: Stefan Groß
(sig)




