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Zur Neuigkeit
Papst Leo XIV. in Spanien, dritter Tag
Europas kulturelle Wurzeln
Madrid / Regensburg, 8. Juni 2026
Von der spanischen Hauptstadt aus hat Leo XIV. Europa an seine christlichen Wurzeln erinnert. „Kann man wirklich glauben, dass das Europa, das wir so sehr lieben, ohne die Spuren des Glaubens dasselbe wäre?“, so der Papst vor Persönlichkeiten aus Kultur und Kunst, Wirtschaft und Sport in Madrid.
„Ein objektiver Blick zeigt, dass vom Glauben bewegte Männer und Frauen Krankenhäuser und Schulen errichtet, solidarische Initiativen ins Leben gerufen und eine Sprache benützt haben, die die Würde des Menschen achtet.“ Das sagte Leo XIV., der aus den USA stammt, lange in Peru gewirkt hat, zuletzt als Bischof, und der dann selbst Peruaner wurde, bei seiner Begegnung mit Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst, Kultur, Wirtschaft und Sport. Etwa 15.000 Menschen nahmen an der Begegnung teil. Sie empfingen den Papst mit einem fast zehnminütigen Applaus.
„Habt keine Angst!“
„Deshalb ist es angebracht, sich ehrlich zu fragen, ob die Welt – und insbesondere Europa – ihre Identität ohne den geistigen Einfluss, der ihre Geschichte geprägt hat, hätte entwickeln können.“ Das sei „keine Provokation, sondern eine Einladung“, erläuterte der Papst. Es gelte, darüber nachzudenken, „ob die Ewigkeit, die durch die Menschwerdung Jesu Christi in Raum und Zeit eingedrungen ist, wieder mit dem Alltäglichen versöhnt werden kann“. Der Verweis auf Christus machte klar, dass es Papst Leo in diesem Moment speziell um die christlichen Wurzeln Europas ging.
„Kann man wirklich glauben, dass das Europa, das wir so sehr lieben, ohne die Spuren des Glaubens dasselbe wäre? Warum sollten wir uns davor fürchten, dass die Ewigkeit den Alltag durchdringt? Der Ruf meiner Vorgänger ist noch immer lebendig: Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Christus nimmt nichts und gibt alles.“
Johannes Paul, Benedikt und Franziskus
Das war ein wörtliches Zitat aus der Predigt von Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005) bei seiner Amtseinführung im Oktober 1978 in Rom. Wobei das „Christus nimmt nichts und gibt alles“ auf die Amtseinführung von Benedikt XVI. (2005 bis 2013) zurückgeht. An dieses Doppelzitat schloss Leo etwas unvermittelt einen Passus an, der sich um die soziale Frage dreht und der sich an sein Schreiben „Dilexi te“ anlehnt – ein Schreiben, das zu großen Teilen auf seinen Vorgänger Franziskus (2013-25) zurückgeht. „Ich möchte mit lauter Stimme fragen: Wer wird trotz seiner Talente und Fähigkeiten ausgegrenzt? Wir dürfen nicht übersehen, dass die Lage der Armen ein Schrei ist, der in der Geschichte der Menschheit unser Leben, unsere Gesellschaften, die politischen und wirtschaftlichen Systeme sowie die Kirche ständig herausfordert.“
Über die mögliche Aufnahme eines Gottesbezugs in eine EU-Verfassung ist zu Beginn des Jahrhunderts erbittert gestritten worden. Befürworter, die an die jüdisch-christlichen Wurzeln des Kontinents erinnerten, scheiterten– wie dann auch die EU-Verfassung selbst letztlich nicht zustande kam. Eine Formulierung, die das „kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas“ erwähnt, schaffte es aber 2009 in den EU-Vertrag von Lissabon.
Vor Papst Leo hatte schon der weltbekannte spanische Schauspieler Antonio Banderas, der unter andrem in den Filmen „Zorro“ und „Evita“ zu sehen war, an den Beitrag des Christentums erinnert. „Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass die Kirche die größte Kunstproduzentin in der Geschichte der Menschheit gewesen ist… Bei der Suche nach Antworten auf die großen Fragen unserer Existenz nähern wir uns alle – auch wenn uns das nicht unbedingt bewusst ist – der Transzendenz an… In einer Welt, die hektisch wird und zersplittert, hilft uns die Kunst, die Tiefe und die Seele wiederzufinden, die uns künstliche Intelligenzen zu rauben versuchen.“
„Welches Erbe hinterlassen wir?“
Papst Leo bekannte, es sei bei einem Besuch in Spanien „unmöglich, die Spuren der Kreativität nicht zu bewundern, die seine Geschichte durchziehen und seine Identität prägen“. Doch stelle er sich dabei unwillkürlich auch eine Frage: „Welches Erbe hinterlassen wir der Zukunft und welche Art von Gemeinschaft lassen wir damit entstehen?“ Die Kirche sei sich „sowohl ihrer Erfolge als auch ihrer Fehler im Laufe der Geschichte bewusst“ – und sehne sich danach, im Dialog mit der heutigen Welt zu bleiben. Die entscheidenden Fragen lauten dabei aus der Sicht des Papstes: „Was bedeutet es, wahrhaft menschlich zu sein?“ Was säen wir? Welche Werte bewahren wir, welche lassen wir sterben?
„Das sind tiefgreifende, notwendige Fragen, die nicht ignoriert werden können. Um diese Fragen zu klären, bedarf es eines gesellschaftlichen Dialogs, den wir mit der Kunst des Netzknüpfens vergleichen können und der Begegnung, Zuhören, Dialog und Respekt erfordert.“ Die Kirche beteilige sich an diesem Dialog mit dem Anspruch, eine „Expertin in Menschlichkeit“ zu sein.
„Expertin in Menschlichkeit“
„Dies bedeutet beispielsweise, dass die Universität der Arbeitswelt nicht den Rücken zukehrt und nicht auf die Wahrheit verzichtet; dass die Wirtschaft den Arbeitnehmer nicht nur als einen Faktor in der Gleichung ihrer Interessen betrachtet; dass die Kunst nicht nur für die Eliten bestimmt ist; dass der Sport nicht auf ein Spektakel reduziert oder zu einem reinen Geschäft gemacht wird; dass der technologische Fortschritt die Älteren, die Armen und diejenigen berücksichtigt, die keine Stimme haben.“
Es sei aus christlicher Sicht wichtig, dass man „die Gier der einen mäßigt und die Hoffnung der anderen nährt“. Und dass man – wie Leo XIV. es auch in seiner Enzyklika Magnifica humanitas getan hat – darauf beharrt, „dass wirtschaftliche und institutionelle Strukturen nur in dem Maße gerecht sind, wie sie der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienen und die verantwortungsvolle Teilhabe aller fördern“.
„Liebe Freunde, ich lade euch daher ein, … neue Netze zu knüpfen, die alle Lebensbereiche in Einklang bringen, um eine erneuerte Gesellschaft zu gestalten, in der die Zeit von Ewigkeit durchdrungen ist, die Kultur das Gedächtnis bewahrt und den Dialog fördert, die Bildung die Suche nach der Wahrheit mit kritischem Geist fördert, die Kunst Staunen weckt und edle Gefühle hervorruft, die Wirtschaft die Würde des Menschen anerkennt und die Arbeit weiterhin Motor der Hoffnung bleibt.“
Text: Vatican News / Stefan von Kempis
(sig)




