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„Nicht an sich selbst verzweifeln“

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Die Corona-Krise stellt vieles auf den Kopf. Menschen, von denen sonst niemand spricht, werden zu Helden des Alltags, während andere der Lagerkoller packt. Wie besteht man das Leben in den eigenen vier Wänden? Die klausuriert lebende Regensburger Dominikanerin Schwester Benedikta Rickmann beschreibt, wie Corona zur geistlichen Chance werden kann.

Die Regensburger Dominikanerin Maria Benedikta Rickmann empfiehlt Ordnung und einen sinnvollen Tagesablauf, um mit dem krisenbedingten Ausgehverbot zurechtzukommen. Die seit Jahren in klösterlicher Klausur lebende Ordensfrau hat die Erfahrung gemacht, dass es sich auszahlt, etwas mehr Ordnung zu halten als sonst und bei den kleinen Arbeiten im Haus sorgfältig zu sein. „Sobald Raum und Zeit geordnet sind, findet man innerlich mehr Ruhe. Es entsteht innerer Freiraum für den Weg zu Gott, zum Mitmenschen und zum eigenen Selbst“, äußert sie im Gespräch mit „Die Tagespost“.

 

Die Krise fordert uns heraus

Wer die Zeit zuhause geistlich nutzen wolle, dürfe sich nicht entmutigen lassen, nicht andere für schuldig befinden und nicht an sich selbst verzweifeln. Derzeit fühle man manche Schwierigkeiten mehr, weil Ablenkung fehle. Wörtlich sagte Schwester Benedikta: „Die Corona-Krise fordert uns heraus, dass jeder sich mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, die in ihm selber stecken, die eigenen Sünden zu sehen und Vergebung zu suchen. Ein zweiter Schritt ist, den Blick auf Gott und höhere Werte zu lenken. Man sollte also gerade jetzt nicht versuchen, sich nur mit oberflächlichem Genuss von der Krise abzulenken. Der dritte Schritt ist Gehorsam.“ Im häuslichen Zusammenleben heiße das, Aufmerksamkeit und Bereitschaft, die eigene Meinung nochmals zu revidieren, um gemeinsam mit den Hausgenossen nach der Wahrheit zu suchen.

Schwester Benedikta, die Corona-Krise stellt derzeit viele innerkirchliche Perspektiven auf den Kopf. Inwiefern ist das eine Chance zum Perspektivenwechsel auf die Berufung der Frauen?

Es wurden jahrzehntelang dieselben Fragen wiedergekäut. Die Corona-Krise zwingt uns, neue Fragen zu stellen, die uns neue Horizonte eröffnen könnten. In den Medien werden jetzt die Helden des Alltags gefeiert. Es sind Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen, die aber alle das Eine gemeinsam haben: Sie stellen sich selber zur Verfügung, um die Not anderer Menschen zu lindern, um auf die Bedürfnisse anderer zu hören und tatkräftig zu antworten, oft auch unter Inkaufnahme erheblicher Risiken für die eigene Gesundheit. Ämter, Weihen, Ehrentitel und Macht besitzen die wenigsten von ihnen. Sie leben auch nicht unbedingt das, was man sich heute unter Selbstverwirklichung vorstellt. Empfindet der Lieferant, der uns mit Lebensmitteln versorgt, seine Tätigkeit als erfüllend? Ich habe ihn nie gefragt. Aber ich bin ihm unendlich dankbar, dass er auch jetzt, während der Corona-Krise, jede Woche kommt und uns lebensnotwendige Waren bringt. Verfügbarkeit und Hilfsbereitschaft ist eine echte Form von Heldentum, und es ist gut, dass die Medien diese Vorbilder jetzt ins Rampenlicht rücken. Damit schenkt die „Welt“ der Kirche einen wertvollen, neuen Horizont.

 

Als Papst Franziskus in seinem nachsynodalen Schreiben die Muttergottes als Vorbild empfahl, gab es teilweise schroffe Reaktionen von Frauen. Warum ist Maria dennoch ein zeitloses Vorbild für Frauen?

Ein Vorbild ist zunächst einmal ein Bild, das man vor sich sieht. Weil ich Maria äußerlich nicht sehen kann, bin ich auf mein inneres Marienbild angewiesen. Deswegen ist es wichtig, dass ich mich um ein gutes, wahres Marienbild bemühe. Solange ich bei den Anmutungen und Ängsten stehenbleibe, die irgendeine isolierte Bibelstelle, irgendeine Aussage über Maria oder eine kitschige Statue in mir wecken, bin ich noch nicht bei Maria angekommen. Nur das Nachdenken über die wirkliche, geschichtliche Maria gibt Kontakt zu ihr. Alle biblischen Aussagen zusammen ergeben als Gesamtbild ein Gesicht, das niemanden beleidigen kann. Das, was wir an unseren aktuellen Helden des Alltags bewundern, finden wir in Maria besonders stark verwirklicht. Über ihr Gesicht sagt Papst Franziskus im nachsynodalen Schreiben, dass es die Macht und Liebe Christi zum Ausdruck bringt. Das wollen wir alle mit unseren Gesichtern doch auch tun! Also ist Maria tatsächlich das zeitlose Vorbild für alle Frauen, und auch Männer, die ihr Gesicht zur Verfügung stellen wollen, um der Welt zu zeigen, wer Christus ist.

 

Sie leben in Klausur. Dass Frauen sich freiwillig zurückziehen und darauf verzichten, in der Kirche eine sichtbare Rolle zu spielen, steht im Gegensatz zu den Forderungen der Verbände nach mehr Macht für Frauen. Was bestärkt Sie auf Ihrem Weg?

Ich persönlich wurde durch eine Aussage geführt, die von Johannes dem Täufer stammt. Aber das, was er damit gelebt und verwirklicht hat, findet man in noch stärkerer Form bei Maria. Johannes der Täufer sagte nämlich über Jesus: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“. Solange mein Wirkungsfeld ganz mit mir, meiner Sicht der Dinge und meinen Projekten ausgefüllt ist, gibt es dort keinen Platz für die Macht und Liebe Christi. Im Berufsleben muss man sich täglich neu entscheiden, Christus Raum zu geben. In der Klausur gibt es keine Alternative dazu. Es ist das einzige, was hinter diesen Klostermauern Sinn macht. Auf den Sinn meiner beruflichen Tätigkeit habe ich bewusst verzichtet, um mich ganz dafür zu öffnen, Christus wachsen zu lassen.

 

Was raten Sie den Menschen, die derzeit am Quarantäne-Koller leiden? Wie besteht man das Leben im Haus geistlich?

Das geistliche Leben steht auf dem Boden der Realität. Der Raum um uns ist eng, und je mehr wir uns gehenlassen, umso erdrückender wird das. Man sollte daher zunächst die äußeren Dinge gestalten: einen sinnvollen Tagesablauf finden, etwas mehr Ordnung halten als sonst, und bei den kleinen Arbeiten im Haus sorgfältig sein. Diese Anstrengung zahlt sich aus. Sobald Raum und Zeit geordnet sind, findet man innerlich mehr Ruhe. Es entsteht innerer Freiraum für den Weg zu Gott, zum Mitmenschen und zum eigenen Selbst.


Doch gerade jetzt fällt dieser Weg besonders schwer. Bezüglich Gott drängt sich die schmerzhafte Frage auf: Warum lässt er das alles zu? In der Beziehung zum Mitmenschen sieht es nicht besser aus. Die Zahl der häuslichen Konflikte steigt. Und auch die persönliche Lebensfreude ist bedroht.
Wichtig ist, dass man sich von all dem nicht entmutigen lässt, dass man nicht andere für schuldig befindet und nicht an sich selbst verzweifelt. Die genannten Schwierigkeiten sind immer da, nur fühlen wir sie jetzt mehr, weil Ablenkung fehlt. Die Corona-Krise fordert uns heraus, dass jeder sich mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, die in ihm selber stecken, die eigenen Sünden zu sehen und Vergebung zu suchen. Ein zweiter Schritt ist, den Blick auf Gott und höhere Werte zu lenken. Man sollte also gerade jetzt nicht versuchen, sich nur mit oberflächlichem Genuss von der Krise abzulenken. Der dritte Schritt ist Gehorsam. Im häuslichen Zusammenleben heißt das: Aufmerksamkeit und Bereitschaft, die eigene Meinung nochmals zu revidieren, um gemeinsam mit den Hausgenossen nach der Wahrheit zu suchen.


Maria hilft uns dabei. Durch die Gnadengaben, die nur sie empfangen hat, ist sie besonders mit Gott verbunden, und dadurch auch jedem von uns besonders nahe. In Maria rückt Gott näher zu uns und wir alle näher zu ihm.

 

Unter dem Stichwort „Reformen“ und „Evangelisierung“ wird derzeit vieles, auch einander Widersprechendes diskutiert. Woran erkennt man Ansätze zu einer echten Erneuerung der Kirche?

Es könnte meiner Ansicht nach hilfreich sein, das allgemeine Priestertum der Gläubigen zu entdecken. Die lehramtlichen Aussagen dazu sind kurz. Sie müssen noch mit der lebendigen Erfahrung all jener Gläubigen gefüllt werden, die diesem Wegweiser vertrauensvoll folgen. Das allgemeine Priestertum ist nämlich keineswegs eine leere Floskel, mit der man enttäuschte Frauen abwimmeln will. Es ist ein Wegweiser zu einer marianischen Existenz, in der man durch Hingabe direkt aus dem Priestertum Christi schöpft. Christus ist als Priester gleichzeitig auch Opfergabe. Das allgemeine Priestertum schöpft direkt aus dieser Quelle, durch Ähnlichkeit. Immer dann, wenn wir wegen Gott auf irgendeinen Drang des Ego verzichten, handeln wir priesterlich und bringen uns selber Gott dar. Damit sind wir wieder beim Thema der ersten Frage: die Helden des Alltags. Auch wer nicht Krankenschwester oder Lebensmittellieferant ist, kann in der Corona-Krise das allgemeine Priestertum ausüben. Etwa, indem man beim Einkauf die letzte Packung Zwieback im Regal lässt, weil jemand anders sie vielleicht dringender braucht, oder indem man für das alte Ehepaar von nebenan einkauft, obwohl es mit denen kürzlich erst Ärger gegeben hatte.


Das Interview entstammt der „Tagespost“ und wurde von Regina Einig geführt.