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Zur Neuigkeit
Mit Rohrzange und Evangelium
Einblick in die Weltkirche
Regensburg, 17. Juni 2026
Eine Werkstatt wird zum Ort der praktischen Verkündigung in St. Louis in den USA. Der Pfarrer der Pfarrei Incarnate Word nutzt seine Begabung zur Evangelisierung. Schon als Kind hat er gelernt defekte Geräte nicht wegzuwerfen, sondern sie zu reparieren.
Pfarrer Kevin Schroeder von der Pfarrei Incarnate Word in der Erzdiözese St. Louis hat seit einigen Jahren eine besondere Form der Evangelisierung entwickelt. Im Jahr 2017 hat er begonnen die Garage seines Pfarrhauses in eine Werkstatt umzuwandeln. Hier bekommen defekte Kleingeräte sozusagen ein zweites Leben. Ganz gleich ob Rasenmäher, Schneefräsen, Kettensägen und andere Maschinen, sie können dort repariert werden. Pfarrer Schroeder nennt dieses ungewöhnliche Apostolat „Lazarus Small Engine Repair“ (Lazarus Kleingerätereparatur). Der Name Lazarus ist bewusst gewählt. Im Johannesevangelium hat Jesus den Freund aus dem Grab gerufen. In Pfarrer Schroeders Garage wird den scheinbar toten Geräte neues Leben eingehaucht. Der junge Priester ist sehr aktiv. Er liebt Wanderungen durch Nationalparks. Besonders mag er die Arbeit in seiner kleinen Holzwerkstatt.
Wie ein Programm zur Evangelisierung hört sich das auf Anhieb nicht an. Kein Altar, keine Kanzel, keine große Bühne, stattdessen eine Garage in Chesterfield im US-Bundesstaat Missouri. Ein Rasenmäher, der nicht anspringt, Werkzeug an der Wand und ein Priester mit ölverschmierten Händen. Das ist das Bild, das sich dem unbedarften Besucher bietet. Das Evangelium zu verkünden, braucht nicht immer eine Kanzel. Manchmal reicht die einfache Frage, ob und wie man helfen kann. Es ist ein Apostolat, das man sonst eher von den Kleinen Brüdern oder französischen Arbeiterpriestern kennt. Auch hier wird zumindest temporär der Priesterkragen gegen den Blaumann getauscht.
Vieles kann man reparieren
Pfarrer Schroeder repariert mit Geduld und Sachkenntnis. Die Liebe zum Reparieren stammt aus seiner Kindheit. Als ältester von vierzehn Geschwistern wuchs er in einer Familie auf, in der man Dinge nicht vorschnell wegwarf. Was kaputt war, wurde untersucht. Was nicht funktionierte, bekam eine zweite Chance. Aus dieser Haltung ist später eine priesterliche Perspektive geworden. Der Blick auf das Defekte ist bei Schroeder kein Blick der Verachtung, sondern der Möglichkeit. In dieser Sicht liegt auch eine geistliche Perspektive. Die Postmoderne lebt von Tempo und Austausch. Was nicht funktioniert, wird weggeworfen und ersetzt. Das gilt für Geräte, manchmal aber eben auch für Menschen.
Pfarrer Schroeders Werkstatt widerspricht genau dieser Logik. Sie sagt leise, dass nicht alles verloren ist, was beschädigt erscheint. Manches braucht nur Zeit, Aufmerksamkeit und jemanden, der bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen. Auch Papst Franzikus setzte sich stark gegen eine Wegwerfkultur ein, die nicht nur Dinge, sondern auch Menschen betreffen kann. Der Anfang dieses Dienstes war recht unscheinbar. Nach seiner Ankunft in Pfarrei Incarnate Word bot Schroeder an der Pfarrschule einen Wahlkurs über Handwerk und Reparatur an. Gemeindemitglieder brachten defekte Geräte vorbei, damit die Schüler daran üben konnten.
Aus dem Unterricht wurde allmählich ein Dienst. Menschen fragten, ob der Pfarrer nicht auch ihre Maschine ansehen könne. Heute nimmt sich Schroeder regelmäßig Zeit für Reparaturen und hat bereits Hunderte Geräte wieder instand gesetzt. Dabei geht es dem Pfarrer oft genug nur in zweiter Linie um reparierte Motoren. Eine Reparaturwerkstatt hat immer auch eine ökologische Dimension. Wer repariert, widerspricht der Wegwerfkultur. Er verlängert die Lebensdauer von Dingen, spart Ressourcen und vermeidet Verschwendung. Ein Gerät bleibt im Gebrauch, statt entsorgt zu werden. Nachhaltigkeit bekommt hier eine sehr praktische Form. In Europa reden wir inzwischen sogar davon, ein Recht auf Reparatur einzuführen. Doch damit erschöpft sich das Apostolat nicht.
Apostolat mit öligen Händen
Es sind die Begegnungen rund um die Werkbank, die den Reparaturdienst zum Apostolat machen. Wer einen kaputten Rasenmäher bringt, hat oft genug mehr als ein technisches Problem. Da ist die Witwe, die plötzlich Aufgaben übernehmen muss, die früher ihr Mann erledigte. Da ist der Nachbar, der die Kirche sonst nie betreten würde, aber über einen defekten Toaster mit dem Evangelium in Berührung kommt. Da sind Menschen, die über ihr Leben, ihre Sorgen oder ihre Erfahrungen mit der Kirche sprechen. Die Garage wird im allerbesten Sinne zu einem pastoralen Raum, weil dort Menschen mit ihrer Geschichte vorkommen dürfen. Auch wenn Menschen kommen, die nur möchten, dass ein Gerät wieder läuft. Pfarrer Schroeder drängt sich und seine Botschaft nicht auf. Er repariert, was vor ihm liegt.
Diese Form der Evangelisierung gewinnt ihren Reiz daraus, dass sie kein Programm ist und keines hat. Es eine Gabe, eine Begabung, die ein Priester in den Dienst anderer stellt. Schroeder kann reparieren, also repariert er, was die Menschen ihm bringen. Da ist die Gelegenheit zuzuhören, so hört er zu. Die Kirche in Gestalt dieses Priesters begegnet den Menschen hier nicht als Institution, sondern als konkrete Person, die hilfreich und verlässlich ist.
Gerade in einer Zeit, in der sich die Kirche schwer tut, Menschen zu erreichen, öffnet ein Pfarrer mit dem Schraubenschlüssel mehr Herzen für Christus als er es Worten könnte. Viele Fragestellungen in der Pastoral unserer Zeit kreisen um Medien, Veranstaltungen oder neue Formate. Das Beispiel des Pfarrers im Blaumann erinnert daran, dass Nähe zunächst einmal keine Methode ist, die man auf dem Papier oder im Stuhlkreis erfinden kann. In der katholischen Tradition hat Nächstenliebe, die Caritas, immer eine konkrete Gestalt. Der barmherzige Samariter fragt nicht nur nach dem Befinden des Verwundeten, sondern hilft ihm. Nähe entsteht immer dann, wenn jemand sich verfügbar macht. So wird in der Pfarrei Incarnate Word ein defekter Rasenmäher zum Anlass, durch den ein Gespräch über das Leben beginnt.
Wie Lazarus wieder ins Leben gerufen
Darum ist der Name Lazarus so wunderbar und so treffend. Im Evangelium wird Lazarus nicht nur vom Tod erweckt, sondern in die Gemeinschaft zurückgeführt. Auch Menschen können sich abgeschrieben fühlen wie ein kaputtes Küchengerät. Eine Kirche, die zuhört, begleitet und hilft, sagt ihnen etwas anderes: Du bist nicht erledigt. Du wirst gebraucht. Der Priester ist nicht ein entfernter Funktionsträger, sondern als Mensch mitten im Alltag der Gemeinde. Er feiert die Heilige Messe und hört die Beichte, aber dieser Pfarrer reinigt auch Vergaser und schärft Messerklingen.
Das Beispiel soll nicht romantisieren oder Menschen überfordern. Entscheidend ist die Frage, welche Gaben in einer Pfarrei existieren und wie Priester und Laien damit den anderen dienen kann. Hier ist es eine Werkstatt. Es kann genauso gut Nachhilfe, ein Mittagstisch oder ein Besuchsdienst sein. Evangelisierung findet dort statt, wo die Kirche Wege findet, den Menschen authentisch zu begegnen.
Auch Pfarrer Schroeder weiß, dass nicht jeder Besucher seiner Garage am kommenden Sonntag zur Messe gehen wird. Es viel erreicht, wenn ein Mensch mit dem Gefühl nach Hause geht, einem Seelsorger begegnet zu sein, der freundlich, ehrlich und menschlich ist. Damit ist die Tür geöffnet. Die Pastoral des Priesters mit der Rohrzange gibt nicht nur Dingen eine zweite Chance, sie zeigt Menschen, dass sie nicht allein sind. Um es im Geiste der Heiligen Theresa zusagen, Gott wohnt auch zwischen stotternden Motoren und durchgebrannten Toastern.
Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock




