News Bild Lernen, zuzuhören – eine Ausbildung bei der Telefonseelsorge Ostbayern

Lernen, zuzuhören – eine Ausbildung bei der Telefonseelsorge Ostbayern

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Birgit* ist seit Juli 2017 frischgebackene Telefonseelsorgerin. Auf welchem Weg ist sie dazu gekommen? Und was hat sie dazu gebracht, sich freiwillig mit den Problemen anderer Menschen zu befassen? Im Interview erzählt sie.

Zuerst wollte sie was nicht so anstrengendes machen - der Beruf als Krankenschwester ist schon anstrengend genug. "Ich habe mir vorgestellt bei der Tafel oder so was Regale einzuräumen." Nachdem ihre Tochter ausgezogen ist, hätte sie ja wieder mehr Zeit, dachte sich Birgit. Was Ehrenamtliches sollte es sein, aber nichts, was sie zu sehr fordert. Schnell stellte sich aber heraus: Das mit dem Regale einräumen, das ist nicht das Richtige. Drei Tage später flatterte ihr die Tageszeitung ins Haus. Mit einem Artikel über die Telefonseelsorge: "Da habe ich mir gedacht: Genau das ist es."

Auf den Anruf im Büro der Telefonseelsorge folgte gleich die Einladung zum Kennenlern-Gespräch. Sicher war sie sich da noch nicht, ob sie das wirklich machen will, "mich hat das bloß interessiert." Im Gespräch hat sie das Team kennengelernt, das die Ausbildung der neuen Telefonseelsorger übernehmen sollte: Den Leiter der Telefonseelsorge Ostbayern, Josef Stautner, eine Psychologin und einen Mentor. Das Gespräch war so gut, dass sie sich für diesen Weg entschieden hat. Dennoch hat sie während der Ausbildung auch gezweifelt.

 

Aufhören, Ratschläge zu geben

"Was war der Grund für die Zweifel?", frage ich sie. "Das war so ganz anders als in der Arbeit", sagt Birgit. Da werde von ihr erwartet, Ratschläge zu geben. "So machen wir das, so ist es und so wird es sein." Und in der Telefonseelsorge? Gar nicht. Nach 30 Jahren als Krankenschwester muss sie jetzt umdenken und aufhören, Ratschläge zu erteilen. In der Ausbildung zum Telefonseelsorger hat sie gelernt, dass sie nur begleitend tätig sein und die Menschen anregen soll, eigene Ideen zu entwickeln. Schon eine Herausforderung, aber auch das, was den Dienst als Telefonseelsorger spannend macht.

"War das die größte Herausforderung?" Definitiv. Und: "Dass du mit Menschen kommunizierst, mit denen würdest du sonst nie in Kontakt kommen", sagt die Telefonseelsorgerin. Am Telefon ist die Sache einfach. Man ist anonym und sieht die Leute nicht. Trotzdem wollen die Seelsorger ein gutes Gespräch aufbauen. Auf beiden Seiten, sowohl beim Anrufer als auch beim Telefonseelsorger, ist diese Anonymität wichtig.

Der Ausbildungskurs zum Telefonseelsorger dauert ein Dreivierteljahr. Birgit hat im November 2016 angefangen. Seit Juli ist der Kurs vorbei und sie wurde offiziell in die Gemeinschaft der Telefonseelsorger aufgenommen: Rund 100 Ehrenamtliche, die miteinander dafür sorgen, dass unter der Nummer 0800 111 0 111 rund um die Uhr jemand erreichbar ist.

 

Wertschätzung - eine Grundlage bei der Telefonseelsorge

"Was hat denn in diesem Ausbildungskurs den größten Eindruck hinterlassen?", frage ich. Birgit nennt die vielen emotionalen Momente. Der Kurs enthält neben den Grundlagen für eine ressourcenorientierte Gesprächsführung auch viele persönliche Elemente, in denen die Teilnehmer die anderen und vor allem sich selbst kennenlernen. "Die neun Monate waren gut so von der Zeit", sagt Birgit. Sie hat sich während der Ausbildung schon jede Woche auf die anderen Kursteilnehmer gefreut und ist jetzt fast ein bisschen traurig, dass die Gruppe sich nicht mehr so oft sieht. Zum Glück fängt bald nach dem Ende der Ausbildung die dienstbegleitende Supervision an, da wird sie die anderen wieder sehen.

Wie war für sie überhaupt der Schritt von der Ausbildung zum offiziellen Seelsorgedienst? Leicht. Auf den ersten eigenen Dienst allein hat sie sich sogar richtig gefreut. Telefoniert hat sie vorher im Ausbildungskurs zwar schon, aber nur unter Begleitung.

Leicht gemacht haben den Start auch die Menschen bei der Telefonseelsorge. "Da sind lauter so nette Leute, und die sind alle auf einer Welle." Egal ob jung oder alt, untereinander besteht eine Wertschätzung, die sie fasziniert. Sie fühlt sich gut aufgehoben und umsorgt. Im ersten Dienst hatte sie einen Anruf, erzählt sie, der ihr zuerst gar nicht so schlimm vorkam - bis der Anrufer ihr von einer Straftat gestand. Das hat sie auch daheim noch ein bisschen beschäftigt. Allein gelassen wurde sie damit aber nicht: Mit dem Leiter Josef Stautner konnte sie das Thema besprechen. Seelsorge für die Seelsorger, sozusagen.

 

Neue Telefonseelsorger gesucht!

Ein neuer Ausbildungskurs bei der Telefonseelsorge Ostbayern beginnt im November 2017. Jeder, der einen Teil seiner Zeit anderen Menschen schenken möchte, um ihnen bei der Bewältigung Ihrer Probleme zu helfen, ist willkommen.

Interessenten können sich hier melden:

Unter der Büronummer +49 941 5021 168 oder per E-Mail an telefonseelsorge.regensburg@evlka.de.

Weitere Infos: www.telefonseelsorge-ostbayern.de.

 

*Name von der Redaktion geändert