Kirchenaustrittswelle, die Zahlen und die Propheten

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Gedanken nach der morgendlichen Zeitungslektüre

von Clemens Neck

Aus Köln erreichten die Republik Nachrichten von Kirchenaustrittswellen in den letzten zwei Monaten. So viele Menschen hätten die Kirche aus Empörung über die Aufarbeitung der Missbrauchsbeschuldigungen im Erzbistum verlassen, dass die Server der entsprechenden Ämter zusammengebrochen seien.

Nun brechen Server aus vielen Gründen zusammen. Die Würzburger Tagespost wollte deshalb die genauen Zahlen wissen. Die Redakteurin rief bei den Einwohnermeldeämtern an, fragt und hört was? Die Austrittszahlen sind um 10 bis 20 Prozent gesunken im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres. In der Ausgabe von heute Morgen kann man das nachlesen.

Die Wirklichkeit hielt aber nicht davon ab, die herbeigeschriebene Austrittswelle wort- und facettenreich zu deuten und zu interpretieren. In der Augsburger Allgemeinen kam der Geschichtswissenschaftler Professor Dr. Martin Kaufhold zu Wort. Ergebnis seiner Reflexionen: 20 Jahre gebe er der katholischen Kirche noch.

Mit einigen Sätzen streifte Bischof Rudolf am vergangenen Sonntag den Augsburger Propheten. Zum hundertjährigen Jubiläum predigte er am ersten Fastensonntag in der Regensburger Stadtpfarrei Sankt Wolfgang. Der Auszug aus seiner Predigt sei hier zitiert, sozusagen anstelle eines Kommentars:

„Vor wenigen Tagen hat ein Augsburger Historiker, von dem man bisher noch nicht allzu viel gelesen hat, sich als Prophet betätigt und der Kirche in Deutschland noch 20 Jahre gegeben.

Nun, es hat in der Kirchengeschichte immer wieder solche Unheilsprophetien gegeben und sie haben sich alle nicht bewahrheitet. Wirkmächtiger und stärker war das Wort des Herrn, dass die Pforten der Hölle die Kirche als Gründung Jesu Christi nicht überwältigen werden. Und so bin ich überzeugt, dass dies auch für die Kirche in Deutschland gelten wird.“

Um nicht missverstanden zu werden: Viel zu viele Menschen treten aus der Kirche aus. Um noch einmal aus der Bischofspredigt zu zitieren: „Jeder Austritt schmerzt.“

Wenn ich die Anrufe, Mails und Gespräche zu diesem Thema überdenke, die ich allein in den vergangenen Tagen führte, habe ich sehr persönliche Motivlagen vor Augen, die solche Entscheidungen tragen.

Austritte sehe ich auch als kritische Anfrage: Habe ich die Frohe Botschaft mit genügender Begeisterung, Liebe zu den Menschen und Glauben an Gott verkündet? Gebe ich mit meinem Leben Zeugnis für Christus?

Wozu diese bittere Entwicklung allerdings in gar keiner Weise taugt, das ist ihre Verzweckung für persönliche Agenden oder Kampagnen welcher Art auch immer.

Was heißt das nun für die Zukunft der Kirche? Was braucht die Gemeinschaft der Gläubigen in Zukunft? Auch dazu lassen Sie mich noch einmal aus der Bischofspredigt zitieren: „Voraussetzung ist, dass es Pfarreien gibt, Ortskirchen gibt, wo das Wort Gottes verkündet wird, wo der Glaube in einer frohen Weise gelebt wird, wo auch ein Klima herrscht, in dem Berufungen für Männer und für Frauen erkannt und dankbar angenommen werden können.“

Regensburg, den 25. Februar 2021