News Bild Fünf Jahre nach der großen Welle – Einblicke in die Arbeit mit geflüchteten Menschen im Bistum Regensburg

Fünf Jahre nach der großen Welle – Einblicke in die Arbeit mit geflüchteten Menschen im Bistum Regensburg

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Vor fünf Jahren hatte die „Flüchtlingswelle“ ihren Höhepunkt. Zehntausende Flüchtlinge kamen nach Deutschland und suchten hier eine neue Heimat. Im Bistum Regensburg gab es und gibt es bis heute zahlreiche Initiativen, die sich um Menschen mit Fluchthintergrund kümmern. So auch bei der Katholischen Jugendfürsorge und der Katholischen Hochschulgemeinde:

Frank Baumgartner ist seit 17 Jahren bei der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) tätig. Seit 2018 ist er Gesamtleiter im Kinderzentrum St. Vincent in Regensburg, wo unter anderem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden.

 

Was ist Ihre Erinnerung an die Worte von Angela Merkels: „Wir schaffen das“? Was denken Sie jetzt darüber?

Der Satz ist in meiner Wahrnehmung grundrichtig gewesen. Im Rückblick kann man sagen, dass wir es geschafft haben. Das war natürlich eine enorme Kraftanstrengung und hat unsere Gesellschaft vor eine große Aufgabe gestellt, aber wir dürfen auch stolz sagen, dass wir wirklich sehr vielen Menschen helfen konnten. Ich denke, dass bei allem was man auch kritisieren kann sehr viel richtig gemacht worden ist.

 

Wie lange schon ist die Arbeit mit jungen unbegleiteten Flüchtlingen Teil des Betreuungsangebots in St. Vincent?

In St. Vincent haben wir insgesamt knapp 300 Kinder und Jugendliche in Betreuung. Wir kümmern uns um Kinder und Jugendliche, ab dem Schulalter bis ins junge Erwachsenenleben hinein. Die Angebote dienen der Hilfe zur Erziehung. Mit jungen Flüchtlingen arbeiteten wir schon vor 2015, aber nur in Einzelfällen. Seit 2015 wurde die Arbeit mit Flüchtlingen dann sehr zielgerichtet und organisierter. Über die Zeit haben wir im Kinderzentrum St. Vincent 250 bis 300 junge geflüchtete Leute betreut. In Hochphasen hatten wir teilweise parallel 65 bis 70 junge Flüchtlinge im Kinderzentrum. Im Moment haben wir hier etwa 30 Kinder und Jugendliche mit einem Fluchthintergrund.

Wer entscheidet, ob junge Flüchtlinge zu Ihnen ins Kinderzentrum kommen?

Das ist ganz einfach: Wenn ein Flüchtling nach Deutschland kommt, noch nicht volljährig ist und dazu unbegleitet ohne Eltern ankommt, hat er gesetzlichen Anspruch im Rahmen der Jugendhilfe betreut zu werden. Das Jugendamt übernimmt dann die Federführung, es wird ein Vormund bestellt und eine passende Betreuungsmöglichkeit gesucht.

 

Kennen sich die unbegleitet minderjährigen Flüchtlinge untereinander, wenn sie im Kinderzentrum ankommen?

Es gibt junge Leute, die kommen tatsächlich zusammen an und haben eine gemeinsame Geschichte. Andere sind sich auf der Flucht begegnet. Dann gibt es wiederum junge Leute, die einzeln kommen und sich überhaupt ganz neu einfinden müssen, im Kontakt mit anderen aber auch in einem Land mit einer völlig anderen Kultur.

 

Und dabei helfen Sie den Jugendlichen?

Die jungen Flüchtlinge können hier bei uns leben und lernen sich in ihrer neuen Situation zurechtzufinden. Wir unterstützen die jungen Menschen im Alltag zurecht zu kommen, vermitteln unsere Kultur, schulen lebenspraktisch und vermitteln in tagesstrukturierende Angebote, berufliche Vorbereitungen und natürlich Sprachkurse.

 

Und die Jugendlichen nehmen die Hilfe gerne an?

Es gibt junge Leute, die ganz schnell reinkommen, die zielgerichtet an ihren persönlichen Zielen arbeiten, die schnell Deutsch lernen und dann auch den Sprung in Schule und Ausbildung schaffen. Es gibt auch junge Leute, die sich mit der Anpassung sehr schwertun. Die Gründe, warum das so ist, sind vielfältig. Manche tun sich überhaupt schwer, sich auf den Rahmen der stationären Hilfen zur Erziehung einzulassen. Sie kamen teilweise mit ganz anderen Vorstellungen nach Deutschland. Es gibt junge Leute die bereits ein hohes Maß an Selbstständigkeit mitbringen. Sie waren teilweise über Wochen und Monate hinweg auf der Flucht. Das System der Hilfe limitiert natürlich auch ein Stückweit. Wenn dann später eine Arbeitserlaubnis unter Umständen nicht erteilt wird, ist das hochproblematisch für die jungen Flüchtlinge. Es fehlt dann schlicht die Zielperspektive und das ist auch verbunden mit Frustration, Verzweiflung und Zukunftsangst. Ich denke da müssen wir uns bloß selbst fragen, wie wir damit umgehen würden, wenn wir keine Perspektive hätten.

 

Waren Sie auf die Flüchtlingswelle vorbereitet?

Man kann sagen, dass wir auf das Thema grundsätzlich eingestellt waren – keine Profis darin und mit kaum Vorlauf – aber wir wussten, dass das Thema auf uns zukommt. Auf die tatsächliche Masse konnte man, glaube ich, gar nicht vorbereitet sein. Das kann man auch niemandem vorwerfen und war natürlich eine enorme Herausforderung. Für die Politik zum einen und in unserem Fall für alle Akteure der Hilfen zur Erziehung, die die Hilfen leisten mussten. Es war letztlich eine Aufgabe, die die ganze Gesellschaft zu leisten hatte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren hoch engagiert und hoch gewillt diese gemeinsame Aufgabe zu meistern. Das war eine ganz große Kraftanstrengung, aber sie war grundrichtig.

 

Woher nehmen sie Ihre persönliche Motivation den geflüchteten Menschen zu helfen und vorurteilslos zu begegnen?

Das ist mein Beruf. Aber ich könnte die Aufgabe natürlich nicht machen, wenn ich mich nicht auch inhaltlich damit identifizieren würde. Wenn ich mir vorstelle, dass unser Land in einer Situation des Bürgerkriegs wäre, des Hungers und der Not und ich mir vorstellen müsste meine Kinder woanders hinschicken zu müssen, dann hätte ich das tiefste innere Bedürfnis, dass meine Kinder auch zu Menschen kommen, die sich um sie kümmern. Ich glaube, mehr Antreiber braucht man nicht.

 

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückschauen, würden Sie sagen, dass die Arbeit mit jungen Flüchtlingen auch eine persönliche Bereicherung war?

Wir haben unglaublich viel gelernt als Einrichtung und als Personen. Ich glaube auch als Gesellschaft. Man muss eine hohe Kultursensibilität entwickeln. Deutsche und geflüchtete Kinder und Jugendliche, die in Kontakt miteinander gekommen sind, haben sehr voneinander profitiert.

 

 

 

CampusAsyl

 

2019 erhielt die Initiative CampusAsyl den bayerischen Integrationspreis. Der Pfarrer der Regensburger Hochschulgemeinde, Hermann Josef Eckl, ist Mitinitiator von CampusAsyl.

 

Lieber Pfarrer Eckl, was genau ist CampusAsyl?

CampusAsyl gibt es seit Herbst 2014. Die Initiative kam von der katholischen Hochschulgemeinde und einer Professur aus der Germanistik. Gründungsidee war, die Ressourcen und Kompetenzen der Studierenden, der Universität, der vielen Ehrenamtlichen und Freiwilligen zu nutzen für die Arbeit mit geflüchteten Menschen. Mittlerweile ist CampusAsyl ein eingetragener Verein.

 

Das heißt, CampusAsyl wurde schon vor der großen Migrationswelle im Jahr 2015 gegründet…

Ja, tatsächlich lag der Anfang vor der sogenannten Flüchtlingskrise im Sommer 2015. Das Projekt hat dann natürlich mit den Ereignissen im Jahr 2015 sehr stark Fahrt aufgenommen und ist so gewachsen, dass es aus einer spontan gegründeten Organisation von Ehrenamtlichen tatsächlich in die Form eines eingetragenen Vereins übergegangen ist.

 

Uni-Leben scheint ja auf den ersten Blick nicht viel mit der Thematik Flucht und Migration zu tun zu haben?

Doch, das passt eigentlich sehr gut zusammen, weil es ja an der Universität viele Menschen gibt – Studierende wie Lehrende – die Kompetenzen mitbringen: Etwa in den Fächern Deutsch als Fremdsprache, Psychologie oder Kulturwissenschaft. Wir sind eigentlich von dem Gedanken ausgegangen, dass eine Universität ein Gebilde ist, das auch gesellschaftliche Verantwortung hat, das nicht nur im Elfenbeinturm lehrt und forscht. Letztlich ist CampusAsyl jetzt über die Universität hinaus gewachsen. Es sind nach wie vor sehr viele Studierende mit dabei, aber es gibt mittlerweile auch ganz viele Bürgerinnen und Bürger aus Regensburg, die sich engagieren.

Wie sieht die Arbeit von CampusAsyl konkret aus?

Es laufen im Augenblick um die 20 Projekte. Da sind zum Beispiel Projekte dabei, die unmittelbare Hilfeleistung betreffen und die vor allem aus der Gründungszeit heraus gewachsen sind, beispielsweise Organisation und Betreuung von Kleiderspenden und Kleiderkammern. Dann gibt es natürlich Projekte, die auf die Unterstützung beim Spracherwerb abzielen: Deutschkurse, Sprachtandems. Gerade beim Tandemprojekt merkt man, wie stark CampusAsyl auf Gegenseitigkeit aufgebaut ist. Bei einer Tandempartnerschaft ist es ja so, dass nicht nur der eine Partner deutsch lernt, sondern der andere Partner beispielsweise auch arabisch lernen kann. Wir haben eine große Zahl an Freiwilligen, die Spaß daran haben, sich zumindest grundlegende Arabischkenntnisse zu erwerben und die dann auch selber von dieser Tandempartnerschaft profitieren.

 

Gibt es noch weitere Bereiche, die die Projekte von CampusAsyl abdecken?

Ja, es gibt etwa Projekte, die speziell auf die Situation auf dem Campus abgestimmt sind, weil es mittlerweile eine ganze Reihe von Geflüchteten gibt, die ein Studium aufgenommen haben. Dann gibt es Kreise, ursprünglich Helferkreise genannt, die gemeinsame Projekte in den Gemeinschaftsunterkünften organisieren. Mittlerweile haben diese Kreise den Namen Helferkreise abgelegt, um zu unterstreichen, dass es nicht einseitig um Hilfe geht, sondern dass es um gemeinschaftliche Unternehmungen geht. Es gibt auch ein Kochprojekt, eine Fahrradwerkstatt, eine Nähgruppe, eine Frauenteestunde. Auf der Website unter www.campus-asyl.de sind die Projekte alle dargestellt.

 

Sie sind Hochschulpfarrer: Haben dadurch religiöse Themen bei CampusAsyl ein größeres Gewicht?

Nicht direkt. Der dominierende Charakter ist der karitative Charakter. Es ist ein Stück Diakonie, das wir leisten, dass wir uns gesellschaftlich, politisch engagieren und zum guten Zusammenhalt in dieser Gesellschaft beitragen. Religiöse Fragen gibt es immer wieder im Hintergrund, etwa, wenn es darum geht, religiöse, kulturelle Barrieren abzubauen. Wir haben zum Beispiel einmal mit deutschen Studierenden und mit Geflüchteten die Außenstelle Flossenbürg (Anmerkung: das Konzentrationslager) besucht, weil es wichtig ist, dass geflüchtete Menschen, die Deutschland kennenlernen wollen, auch diesen Aspekt deutscher Geschichte kennenlernen.

 

Sie haben selbst mehr eine Art Koordinierungsrolle bei CampusAsyl – gibt es trotzdem Momente, an denen Sie spüren, dass die Arbeit sinnvoll ist, dass sie bei den Menschen ankommt?

Es ist ein sinnvolles Projekt. Zum einen funktioniert es hervorragend, das ist nicht selbstverständlich. CampusAsyl hat sich die Jahre in einer sehr eindrucksvollen Größe gehalten. Wir haben immer noch zwischen 300 bis 400 Freiwillige, die sich in den unterschiedlichen Projekten einbringen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass es zwar 2015 bis 2016 eine große Welle der Hilfsbereitschaft bei uns gab, die aber – und das ist ein normaler Prozess ­– auch wieder abebbte, als andere Themen sich einstellten. Rein äußerlich merkt man bei CampusAsyl, dass es eine sehr erfolgreiche und erfreuliche Geschichte ist. Auch unser neuer Weg, den wir eingeschlagen haben, dass wir von reiner Hilfeleistung und Unterstützung in den partnerschaftlichen Gedanken hineinkommen, wo wir uns gegenseitig bereichern und austauschen können – dass auch dieser Weg funktioniert, ist ein sehr schönes Zeichen.

 

Mittlerweile sind im Vorstand des Vereins ja sogar zwei Männer mit Fluchthintergrund tätig …

Ja, ein junger Mann ist dabei, er kommt aus Syrien, spricht perfekt Deutsch und studiert an der Uni Lehramt Mittelschule. Und einen jungen Mann aus dem Tschad haben wir dabei, der erfolgreich seine Ausbildung als Hotelfachkraft abgeschlossen hat und hoffentlich nach der Corona-Krise bald Arbeit finden wird. Die Arbeit bei CampusAsyl macht wirklich sehr viel Freude und ich finde es auch schön, dass durch die Verbindung zur Hochschulgemeinde ein Stück kirchliche Unterstützung da ist. Die Diözese fördert das Projekt auch finanziell. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir als Kirche ein gesellschaftliches Zeichen setzen und darin nicht nachlassen.


Das Interview führten Isabel Kirchner und Jacinta Fink von der Bischöflichen Pressestelle.