News Bild "Öffnung der Herzen, Öffnung der Kirche hin zum Menschen, hin zur Welt"

"Öffnung der Herzen, Öffnung der Kirche hin zum Menschen, hin zur Welt"

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(pdr) Anlässlich der festlichen Eröffnung der Wanderausstellung „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil – Hoffnung für Kirche und Welt heute“ hat Diözesanadministrator Prälat Dr. Wilhelm Gegenfurtner am Freitagabend im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg ein Grußwort gesprochen. Im folgenden wird der Wortlaut des Grußwortes dokumentiert:

Bezug zum „Jahr des Glaubens“
Am gestrigen Donnerstag wurde auf dem Petersplatz in Rom das von Papst Benedikt ausgerufene „Jahr des Glaubens“ feierlich eröffnet. Mit dieser weltweiten Initiative soll auf allen Ebenen der Kirche deutlich werden, dass die „Tür des Glaubens“ (Porta Fidei), die zum Leben in Gemeinschaft mit Gott führt, immer offen steht. Die Freude und die Begeisterung an der Begegnung mit Jesus Christus soll neu erlebbar werden.

Das Datum für den Beginn dieses Glaubensjahres, der 11. Oktober, ist bewusst gewählt worden. Genau 50 Jahre vorher, am 11. Oktober 1962, feierte die Kirche die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Papst Benedikt XVI. schreibt dazu in seinem Motu Proprio „Porta Fidei“:

„Ich war der Meinung, den Beginn des Jahres des Glaubens auf das Datum des fünfzigsten Jahrestags der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu legen, könne eine günstige Gelegenheit bieten, um zu begreifen, dass die von den Konzilsvätern als Erbe hinterlassenen Texte gemäß den Worten des seligen Johannes Paul II. „weder ihren Wert noch ihren Glanz verlieren. Sie müssen auf sachgemäße Weise gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können als qualifizierte und normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition der Kirche […] Ich fühle mich mehr denn je dazu verpflichtet, auf das Konzil als die große Gnade hinzuweisen, in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.“

Grundverständnis der Konzils-Erinnerung
Dieses Grundverständnis einer engen Verbindung vom damaligen Großereignis der Weltkirche zum Heute des Jahres 2012 lässt die Gefahr einer nostalgischen Verklärung gar nicht erst aufkommen. Ein reines Gedenken, ein Rückgriff auf das historische Ereignis ohne Bezug zum Heute würde dem Konzil einen Platz in der Vergangenheits-Geschichte zuweisen, der nur noch wenig mit der Gegenwart zu tun hätte.

Ist diese Gefahr im Blick auf „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil“ gegeben? Zwei Generationen sind seither vergangen und viele der heute in der Kirche Agierenden sind erst nach dem Konzil geboren. Viele kennen das unmittelbare Ereignis selbst v.a. aus den damals beschlossenen und veröffentlichten Konzilstexten, aus Filmdokumenten und Erzählungen von ZeitzeugInnen. Ich möchte behaupten, dass sich trotzdem die allermeisten auch der jüngeren Glaubenden gerade über die theologische Orientierung des Konzils definieren und diese im eigenen Glaubensverständnis mit Leben erfüllen und damit ständig verheutigen – sei es bewusst oder unbewusst. Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, bestätigt mich in dieser Einschätzung. Alle fünf beteiligten AutorInnen sind ausnahmslos nach dem Konzilsende geboren und in eine Kirche hinein gewachsen, die damit befasst war (und immer noch ist bzw. sein sollte), die Ideale des Zweiten Vatikanischen Konzils auch in die alltägliche Glaubenspraxis vor Ort umzusetzen.
Die andauernde, immer neu sich aktualisierende Interpretation der Tradition ist ein Wesensmerkmal von Kirche. Die Konzilstexte rufen alle Gläubigen auf, sich dieser Verantwortung zur steten Aktualisierung und Aktivierung des Glaubens zu erinnern. Christlich leben heißt, das biblische Bild von Kirche als „Volk Gottes unterwegs“ zu verinnerlichen, sich in einer frohen Erwartungshaltung für Veränderungen auf dem Weg zu öffnen.

Öffnung nach innen und außen
In den Konzilstexten zeigt sich diese Öffnung hin zur jeweiligen Lebenssituation der Menschen und der Gesellschaft in der Wertschätzung von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Errungenschaften, im Wahrnehmen von „Wahrem und Heiligem“ in anderen Konfessionen und Religionen, im Zutrauen der eigenen Gewissensentscheidung jedes und jeder Einzelnen u.v.m. Getragen ist diese Bewegung von einer tiefen Glaubenszuversicht, die auf den guten Plan Gottes für den Menschen und die Welt vertraut und somit vorbehaltlos auf Neues, Anderes, Fremdes zugeht und prüft, ob diese Erfahrungen die eigene Glaubensentwicklung befördern mag.

Das Konzil zeichnet sich nicht nur durch die in den Dokumenten festgehaltenen theologischen Errungenschaften aus, sondern auch in der Art und Weise, wie es zu diesen Ergebnissen kam. Der ernsthafte Dialog miteinander, das gegenseitige Zuhören und die Transparenz gegenüber den nicht-katholischen Konzilsbeobachtern und gegenüber den Medien stellten einen neuen Stil dar. Diese engagierte Kommunikation nach innen und nach außen zeigte eine neue Qualität des Theologie-Treibens und setzte zugleich unmittelbar die Grundmotivation des Konzils in die Tat um: Öffnung der Herzen, Öffnung der Kirche hin zum Menschen, hin zur Welt.

Glaubenszuversicht wirkt weiter
Das Zweite Vatikanische Konzil war getragen von der Hoffnung auf eine Kirche, die Antworten finden auf die Fragen der Menschen im Jetzt und Heute. Wie dieser Auftrag am wirkungsvollsten, am glaubwürdigsten, am ehrlichsten umgesetzt werden kann, diese Frage trieb die Konzilsväter um und brachte sie dazu, sich in vielfältiger Weise zu öffnen. Mit wenigen Schlagworten können als wesentliche Schwerpunkte dieser umfassenden Reform benannt werden:

• Ökumenische Öffnung
• Stärkung der Laien
• Anerkennung der Religionsfreiheit
• Liturgiereform

Neue Strukturen wurden geschaffen, die als hilfreich erkannt wurden zur besseren Erfüllung des Sendungsauftrags, z.B. die Stärkung der Laienmitarbeit in den PGRs und den übergeordneten Strukturen, die Einrichtung von diözesanen Fachstellen für die Unterstützung von Bibelarbeit, entwicklungspolitischer Friedensarbeit u.v.m. Neue Berufsstände wurden entwickelt wie PastoralreferentInnen, GemeindereferentInnen u.a. Für die Organisation der Bildungsarbeit wurde die Gründung der KEBs angeregt, deshalb ist es jetzt ein schönes Zusammentreffen, dass unter der Leitung von Beate Eichinger, der Theologischen Referentin für die KEB im Bistum Regensburg, ein überdiözesanes Autorenteam die Texte Ausstellungstafeln gestaltete, in die anschließend gesondert eingeführt wird.
Erlauben Sie mir zum Schluss einige persönliche Bemerkungen, nachdem ich von meiner Biographie her als Jugendlicher das Konzil miterlebt habe und in der Nachkonzilszeit mein Theologiestudium absolvierte und meine Seelsorgstätigkeit immer vom Anspruch des Konzils verstand.

Zwei Ereignisse bleiben mir dabei in besonderer Erinnerung:

- der 82. Deutsche Katholikentag 1968 in Essen
- die Begegnung in der Hochschulgemeinde mit Pater Mario von Galli.

Als frischgebackener Abiturient war ich in Essen beim Katholikentag, dessen Eröffnungsrede Klaus Hemmerle, der spätere Bischof von Aachen hielt, bei der er die Kirche aufrief, sich in die Welt einzubringen.

Legendär geworden ist die spontane Antwort, die der Essener Bischof Hengsbach auf der Eröffnungsfeier den Zwischenrufen der kritischen Katholiken gab:

Auf dem Sprechchor: „Hengsbach wird kommen, wir sind die linken Frommen – antwortete der Ruhrbischof: „Wenn sie nicht nur links sind, sondern wirklich fromm, dann sind sie herzlich willkommen.“

Diese Weite, die darin zum Ausdruck kommt, vermittelte der Jesuit Mario von Galli, der mit seinen treffenden Analysen des II. Vatikanischen Konzils ein Millionenpublikum erreichte. Sein scharfer Verstand, seine Glaubensstärke und sein Humor machten ihn zum prophetischen Botschafter dieses Konzils, eine Haltung die er bei zwei wundervollen Gesprächsabenden zu meiner Zeit als Studentenpfarrer in der Hochschulgemeinde deutlich machte.

Eingangs hatte ich Papst Benedikt zitiert zur Eröffnung des Jahr des Glaubens anlässlich des Konzilsjubiläums, ein anderer Konzilstheologe hatte in diesen Tagen auf die Frage: Was macht die Institution Kirche stark? geantwortet: „Die letzte Stärke ist die christliche Botschaft selber, das Evangelium … wir haben eine Botschaft zu verkünden, die – wenn sie das Judentum mitdenken – rund 4000 Jahre Geschichte hinter sich hat. Diese Botschaft hat einen Wärmestrom der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Sinnhaftigkeit hinterlassen … man kann sich gar nicht vorstellen, wie die Welt heute ohne das Christentum wäre.“ Soweit Hans Küng.

Diesen Wärmestrom der Barmherzigkeit der christlichen Botschaft durfte ich in den vergangenen Tagen bei den Mallersdorfer Schwestern in Rumänien erfahren.
In Oradea wurde ein Tagesheim für Kinder mit Behinderung eingeweiht.

Menschen mit Behinderung wurden in kommunistischer Zeit ausgeblendet, sie waren nichts wert und wurden buchstäblich versteckt, Menschen aus christlichem Geist geben ihnen ihre Würde zurück und fördern sie – das ist Konzilsaufbruch, Kirche in der Welt von heute.

[Bericht folgt]