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Erfahrungsbericht aus einer der säkularsten Regionen der USA
Katholisches Revival in Seattle?
Seattle/Regensburg, 4. November 2026
Wie fühlt es sich an, als Katholik in einer kaum religiös geprägten Gegend der Vereinigten Staaten Theologie zu studieren? Young-Faith-Autor Noah Walczuch lernt in seinem Auslandssemester in Seattle einiges über die Sehnsucht nach Glauben und Gemeinschaft.
Um 22 Uhr stehen vor einer Kirche mitten im Universitätsviertel von Seattle Menschen und verteilen kostenlos Burger an Studierende. Natürlich funktionieren kostenlose Burger bei Studierenden in den USA gut, gerade hier wo die Lebensunterhaltskosten so hoch sind. Doch hinter dieser Aktion der Katholischen Kirche steckt mehr als ein günstiges Abendessen: Die Kirche wartet hier nicht einfach darauf, dass jemand durch ihre Tür kommt. Sie geht dorthin, wo die Menschen sind. Und das ist hier an diesem Donnerstagabend eben in einem der Partyviertel des Universitätsbezirks.
Seit einigen Wochen bin ich selbst an der University of Washington in Seattle eingeschrieben. Eigentlich studiere ich im neunten Semester Katholische Theologie in Regensburg. Durch ein Fulbright-Stipendium bekam ich jedoch die Möglichkeit, sechs Monate in den USA zu verbringen; eine Chance, die ich nur schwer ablehnen konnte. Konfessionelle katholische Theologie, wie ich sie aus Regensburg kenne, gibt es an der staatlichen University of Washington nicht. Deshalb beschäftige ich mich hier vor allem mit Vergleichender Religionswissenschaft, dem Nahen Osten und interreligiösem Dialog und arbeite an meiner Abschlussarbeit über die beiden Vatikanischen Konzilien. Und wenn ich doch einen klassischen theologischen Vortrag hören möchte, schaue ich bei der Jesuitenuniversität in Seattle vorbei.
Wie lebt man katholisch in den USA?
Mindestens genauso spannend wie mein Studium ist für mich aber eine andere Frage: Wie lebt man eigentlich „katholisch“ in den USA? Immer wieder ist davon die Rede, dass gerade unter jungen Menschen ein neues Interesse an Religion entsteht, ähnlich wie in Frankreich. Von einem „Catholic Revival“ ist die Rede. Gibt es das wirklich? Mein erster Eindruck aus Seattle überrascht mich. Katholiken bilden mit 11% hier nur eine Minderheit, die Region ist eine der am wenigsten religiösesten Gegenden der Vereinigten Staaten. Eigentlich könnte man erwarten, dass Kirche im Alltag kaum sichtbar ist, gerade im Vergleich zu Deutschland. Ich erlebe dennoch das Gegenteil.
Rund um die Universität und mit vielen Ständen am Campus begegnen einem die unterschiedlichsten christlichen Gemeinschaften. Eine davon ist das Newman Center, die katholische Studierendengemeinde. Es gibt Gottesdienste, gemeinsame Abendessen, Vorträge und Gesprächsabende. Manchmal eben auch Burger um zehn Uhr nachts. Noch mehr beeindruckt mich allerdings, wie gezielt Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen angesprochen werden. Für Studierende, die ihren Bachelor machen, gibt es andere Angebote als für Master-Studierende und für junge Berufstätige. Auch jede Pfarrei hier, die ich besucht habe, scheint Gruppen für junge Erwachsene zu kennen: Bibelkreise, gemeinsame Gottesdienste, Lesekreise, Vorträge, Treffen in Bars oder auch der gemeinsame Besuch eines Eishockeyspiels. Gerade die Altersgruppe zwischen 20 und 35 Jahren bekommt hier viel Aufmerksamkeit. Genau in diesen Jahren verändert sich für viele Menschen fast alles. Man zieht aus dem Elternhaus aus, beginnt zu studieren, wechselt die Stadt, startet ins Berufsleben. Freundschaften verändern sich, Gewohnheiten brechen weg und vieles, was bisher selbstverständlich war, muss plötzlich selbst entschieden werden. Auch der Glaube. Wer mit Anfang zwanzig für Studium oder Beruf in eine andere Stadt zieht, verliert vielleicht gar nicht zuerst seinen Glauben. Er verliert womöglich einfach die Menschen und die Strukturen, die diesen Glauben bisher getragen haben.
Gemeinschaft und Orientierung als Schlüssel
In Deutschland habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade diese Altersgruppe aus dem Blick gerät, vor allem in den Pfarreien. Für klassische Jugendarbeit oder die Ministranten ist man irgendwann zu alt. Eine eigene Familie, über die man wieder stärker mit einer Pfarrei verbunden ist, gibt es häufig noch nicht. Hier erlebe ich, welchen Unterschied es machen kann, wenn Kirche einem Menschen ausdrücklich sagt: Dieses Angebot ist für dich. Ich selbst gehe inzwischen regelmäßig in einen Bibelkreis. Dort sprechen wir über die biblischen Texte. Aber vor allem sprechen wir darüber, was diese Texte mit unserem eigenen Leben zu tun haben. Es geht um Entscheidungen, Zweifel, Beziehungen und Glauben. Daraus entstehen intensive Gespräche und ziemlich schnell auch neue Freundschaften. Gemeinschaft ist hier sicher auch ein Schlüssel.
Viele Menschen kommen hierher, um zu studieren oder bei einem der großen Unternehmen wie Amazon oder Microsoft, die hier gegründet wurden, zu arbeiten. Man baut sich sein eigenes Leben auf, sucht seinen eigenen Weg und besitzt enorme Freiheit, dieses Leben zu gestalten. Individualismus ist ein großes Thema. Aber dieser kann auch anstrengend sein. Wenn theoretisch fast alles möglich ist, muss ich irgendwann selbst beantworten, was eigentlich richtig ist, was meinem Leben Richtung gibt, welche Beziehungen verbindlich sein sollen, wofür ich Zeit investiere. Und letztlich auch: Wofür ich leben möchte. Vielleicht liegt darin ein Teil der Anziehungskraft, die ich hier bei katholischen Gemeinschaften wahrnehme. Kirche bietet nicht nur Veranstaltungen. Sie bietet Gemeinschaft und sie bietet Verbindlichkeit. Sie sagt nicht nur: Du bist frei, dein Leben zu gestalten. Sie stellt auch die Frage: Woran möchtest du dein Leben ausrichten? Für Christen hat diese Orientierung ein Gesicht: Jesus Christus. Nicht nur als abstraktes Wertesystem, sondern als jemand, mit dem Beziehung möglich ist und an dessen Vorbild sich das eigene Handeln ausrichten kann.
Herausforderungen und Chancen
Vielleicht liegt darin eine überraschende Attraktivität des Glaubens: Er nimmt einem die Freiheit nicht ab, aber er gibt ihr eine Richtung. Natürlich wäre es falsch, aus meinen ersten Monaten eine amerikanische Erfolgsgeschichte zu machen. Auch die Kirche in Seattle steht vor erheblichen Herausforderungen. Pfarreien werden zusammengelegt, Strukturen verändert und Gemeinden müssen lernen, gemeinsam neu anzufangen. Interessanterweise begegnet mir dabei sogar ein Thema wieder, mit dem ich mich auch in Deutschland beschäftige: das „Gespräch im Heiligen Geist“. Diese durch die Weltsynode bekannt gewordene spirituelle Form des Austauschs wird hier genutzt, um Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden miteinander ins Gespräch zu bringen. Strukturveränderung soll dadurch nicht nur ein Verwaltungsprozess, sondern auch ein geistlicher Prozess sein.
Und trotzdem sehe ich sonntags in der Jesuitenpfarrei, die ich besuche, viele junge Menschen. Ich erlebe Taufen mitten im Sonntagsgottesdienst. Die ganze Gemeinde bekommt vor Augen geführt: Dieser Mensch gehört nun zu unserer Gemeinschaft. Dieses Kind ist nicht nur Sache seiner Eltern. Es gehört zu uns und ist Teil unserer Zukunft.
Erneuerung beginnt im Kleinen
Am Newman Center bereiten sich sogar 52 Studenten darauf vor, an Ostern getauft oder in die katholische Kirche aufgenommen zu werden. Gerade das lässt mich nicht los. In einer Gegend, in der katholischer Glaube keineswegs selbstverständlich ist, entscheiden sich junge Menschen bewusst dafür. Ist das also das vielbeschworene „Catholic Revival“? Nach einigen Wochen in Seattle wäre mir dieses Wort noch zu groß. Ich sehe keine Massenbewegung, keine plötzlich volle Kirche an jeder Straßenecke, keinen spektakulären religiösen Umbruch. Ich sehe etwas Kleineres: Ich sehe junge Menschen, die nach einem langen Tag freiwillig noch zur Anbetung in die Kirche kommen, Gemeinden, die sich Gedanken darüber machen, wie sie Menschen zwischen 20 und 40 erreichen, Studierende, die sich auf die Taufe vorbereiten. Und ich sehe eine Kirche, die versucht, Menschen dort Gemeinschaft und Orientierung anzubieten, wo beides keineswegs selbstverständlich ist.
Vielleicht beginnt kirchliche Erneuerung ohnehin selten mit einem großen Paukenschlag. Als der Prophet Elija Gott begegnet, findet er ihn nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Er begegnet ihm im leisen Säuseln. Vielleicht ist das, was ich in Seattle erlebe, etwas Ähnliches. Kein großes Revival. Vielleicht zunächst nur ein paar Burger um zehn Uhr nachts, ein voller Bibelkreis, neue Freundschaften und ein junger Mensch, der sich entscheidet, sich taufen zu lassen.
Text: Noah Walczuch
(kw)
Weitere Infos
Noah Walczuch studiert in Regensburg Theologie und macht zurzeit ein Auslandsemester in den USA. Im Bistum Regensburg ist er unter anderem im Diözesankomitee tätig.
Mehr Texte von Young Faith, der Glaubensinitiative von jungen Leuten für junge Leute des Bistums Regensburg.




