Gemeinsames Gespräch über den Glauben

Der Glaube muss neu weitergegeben werden

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 4. November

Das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre hat am 22. Oktober mit „Venite ad me“ ein neues Dokument zur Weitergabe des Glaubens veröffentlicht, das ausdrücklich auch Kanada als Beispiel für den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel nennt. Die kanadische Bischofskonferenz hat den Text unmittelbar aufgegriffen, nachdem sie selbst erst im September ein Grundsatzpapier zur Evangelisierung veröffentlicht hatte.

Ein neues Dokument zur Weitergabe des Glaubens hat trägt den Titel „Venite ad me“ Es enhält, so der Untertitel Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit. Veröffentlicht wurde es am Gedenktag des heiligen Johannes Paul II. Es ist keine lehrmäßige Note, sondern eine kirchliche Reflexion mit dem Ziel die pastorale Arbeit anzuregen. Papst Leo XIV. hatte den Text am 21. August approbiert.

Der Ausgangspunkt liegt in einer Beobachtung, die in vielen westlichen Ländern längst sichtbar wird. Der christliche Glaube wird nicht mehr selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das Dokument spricht sogar von einer Krise der Glaubensweitergabe und nennt Europa, die Vereinigten Staaten und Kanada ausdrücklich. Hinzu kommen ebenfalls Australien und Neuseeland. In diesen Ländern habe die fortgeschrittene Säkularisierung das in der Familie gelebte Christentum erheblich geschwächt.

Was früher oft durch Familie, Milieu und gesellschaftliche Gewohnheit getragen wurde, funktioniert immer weniger automatisch. Immer weniger Eltern lassen ihre Kinder selbstverständlich taufen oder bringen ihnen das Beten bei. Der Bezug zur kirchlichen Gemeinschaft lockert sich. Für das Glaubensdikasterium ist das kein Randphänomen, sondern Kennzeichen eines Epochenwandels.

Kanada im Fokus

Für Kanada kommt das Dokument zu einem auffälligen Zeitpunkt. Nur fünf Wochen zuvor hatte die kanadische Bischofskonferenz ein eigenes Grundsatzpapier unter dem Titel „The Evangelizing Mission of the Church in Canada“ veröffentlicht. Darin beschreiben die Bischöfe eine Gesellschaft, in der christlicher Glaube nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. 2001 bezeichneten sich noch 77 Prozent der Kanadier als Christen. 2021 waren es 53 Prozent.

Die kanadischen Bischöfe ziehen daraus keine Forderung nach einer Rückkehr zu früheren gesellschaftlichen Verhältnissen. Christlicher Glaube, so die Hirten, bestehe nicht zuerst aus einer Idee oder einem Wertekanon. Evangelisierung bedeute, Menschen mit Jesus Christus bekanntzumachen.

Genau hier berühren sich der kanadische Text und „Venite ad me“. Das Glaubensdikasterium stellt das Kerygma in die Mitte, also die grundlegende christliche Botschaft von Jesus Christus, seinem Tod und seiner Auferstehung. Papst Leo XIV. hatte die italienischen Bischöfe bereits 2025 aufgefordert, Christus selbst wieder ins Zentrum der Verkündigung zu stellen und Menschen zu einer persönlichen Beziehung mit ihm zu führen. Das neue Dokument greift diese Forderung ausdrücklich auf.

Katechese bleibt dabei notwendig. Sie kann nach der Logik des Dokuments aber die persönliche Glaubensannahme und die Erstverkündigung nicht ersetzen. Glaubenswissen und gelebter Glaube gehören zusammen. Die geordnete Einführung in die Lehre der Kirche baut auf einer persönlichen Begegnung mit Christus auf und vertieft sie.

Die Familie verliert ihre Selbstverständlichkeit

Besondere Aufmerksamkeit widmet „Venite ad me“ der Familie. Über lange Zeit war sie der erste Ort der Glaubensweitergabe. Kinder lernten dort Gebete, hörten biblische Geschichten, besuchten mit ihren Eltern die Sonntagsmesse und erlebten religiöse Feste. Das Dokument nennt auch einfache Formen wie Tischgebet, Rosenkranz, Evangelienlesung, Heiligenverehrung und gemeinsame Wallfahrten.

Diese Form der Weitergabe sei in vielen Regionen Afrikas und Asiens weiterhin lebendig. In weiten Teilen des Westens sei sie dagegen unterbrochen. Das bedeutet für die Kirche, dass sie nicht mehr davon ausgehen kann, Kinder kämen mit einem grundlegenden Glaubenswissen und einer gelebten religiösen Praxis in die Katechese.

Daraus folgt eine Verschiebung. Die Evangelisierung Erwachsener wird wichtiger. Wer Eltern erreichen will, muss Erwachsene neu mit dem Glauben in Berührung bringen. Das Dokument stellt deshalb die Frage, wie Erwachsene den Glauben an die nächste Generation weitergeben sollen, wenn sie ihn selbst nicht persönlich leben.

In Kanada fällt die Idee auf fruchtbaren Boden. Die Bischofskonferenz hatte bereits 2024 einen Pastoralbrief über Evangelisierung und Katechese in der Familie veröffentlicht. Das Grundsatzpapier vom September 2026 setzte diesen Weg fort. Die kanadischen Bischöfe sprechen dort ausdrücklich davon, dass jeder Christ an der Mission beteiligt sei und Familie, Arbeitsplatz, öffentlicher Raum und digitale Welt zu Orten des Zeugnisses werden könnten.

Neue Sprache für einen alten Glauben

„Venite ad me“ bleibt nicht bei der Diagnose. Es warnt vor einer rein schulischen, abstrakten oder moralistischen Vermittlung des Glaubens. Begriffe und Lehre dürften nicht verschwinden, müssten aber so vermittelt werden, dass Menschen die Botschaft als etwas wahrnehmen können, das ihr eigenes Leben betrifft.

Das Dokument bevorzugt deshalb eine Verkündigung, die stärker von Erfahrung, Erzählung und Zeugnis ausgeht. Die zentrale Botschaft müsse immer wieder neu gesagt werden. Christus lebt, liebt den Menschen und hat sein Leben für ihn hingegeben. Diese erste Verkündigung sei nicht nur ein Anfang, der später überwunden werde. Sie bleibe die Mitte des Glaubens.

Christsein, so die kanadischen Bischöfe, bedeute nicht in erster Linie, etwas über Jesus zu wissen, sondern ihn zu kennen. Die Hirten greifen damit einen Gedanken Papst Benedikts XVI. auf. Christsein beginne nicht mit einer ethischen Entscheidung oder einer großen Idee, sondern mit der Begegnung mit einer Person.

Damit verändert sich auch die Aufgabe der Pfarrei. Sie kann nicht nur Sakramente anbieten und bestehende Strukturen verwalten. „Venite ad me“ spricht ausdrücklich von Ländern, in denen sich der Dienst von Priestern auf die Erhaltung bestehender Strukturen zu beschränken droht, obwohl sich die Gesellschaft ringsum grundlegend verändert hat.

Digitale Kultur als neuer Missionsraum

Einen eigenen Abschnitt widmet das Dokument den digitalen Technologien. Sie gehören für das Glaubensdikasterium zum Epochenwandel. Besonders junge Menschen wachsen in einer Kultur auf, deren Sprache, Bilder und Beziehungen stark digital geprägt sind. Kirche und Glaubensweitergabe können diese Lebenswelt nicht ignorieren.

Digitale Räume können neue Möglichkeiten für Evangelisierung schaffen. Zugleich warnt es davor, soziale Zugehörigkeit mit persönlichem Glauben zu verwechseln. Gerade dort, wo Christentum kulturell noch präsent ist, müsse aus einer bloß überkommenen Zugehörigkeit eine bewusste Entscheidung werden.

Die kanadischen Bischöfe hatten diesen Punkt bereits in ihrem Septemberpapier angesprochen. Sie nennen die Onlinekultur ausdrücklich als einen Bereich, in dem Christen nach Spuren des Guten suchen und zugleich Zeugnis geben sollen. 

Glaube soll sichtbar bleiben

„Venite ad me“ erinnert zugleich daran, dass Glaube sichtbare Formen braucht. Wallfahrten, Heiligenverehrung, Marienfrömmigkeit und andere Formen der Volksfrömmigkeit werden nicht als überholte Reste betrachtet. Sie können Glauben in Familien und Kulturen weitertragen. Sie wirken gerade auf jüngere Menschen anziehend. 

Stärker noch ist für Kanada der Hinweis auf die öffentliche Glaubenspraxis. Nach Einschätzung des Glaubensdikasteriums wird Religion in manchen westlichen Gesellschaften zunehmend privatisiert. Kanada wird zusammen mit Frankreich ausdrücklich genannt. Dort finde Säkularismus teilweise auch gesetzlichen Ausdruck und könne die öffentliche Sichtbarkeit religiöser Überzeugungen begrenzen.

Die kanadischen Bischöfe hatten bereits im September betont, christliches Zeugnis könne nicht auf Kirchenräume beschränkt bleiben. Arbeitsplatz, Familie, Universität, Gefängnis und öffentlicher Raum gehörten ebenfalls dazu. Evangelisierung müsse zugleich die Freiheit und das Gewissen jedes Menschen achten. Manipulation und Druck seien mit ihr unvereinbar.

Zwei Texte, dieselbe Frage

Dass die kanadische Bischofskonferenz „Venite ad me“ unmittelbar nach seiner Veröffentlichung aufgriff, ist kein Zufall. Die Hirten des nordamerikanischen Landes stellen den Text in eine Reihe mit eigenen Veröffentlichungen zur Evangelisierung, zur Familie, zu jungen Menschen und zum Umgang mit sozialen Medien.

„Venite ad me“ endet mit einem Bild aus der Osternacht. Von der Osterkerze wird das Licht an andere Kerzen weitergegeben. Eine Flamme entzündet die nächste. Das Licht bleibt dasselbe. Durch jede Weitergabe strahlt es heller. 

Text: Peter Winnemöller 
Foto: Shutterstock_AnnaStills



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