Afrikanischer Bischof vor tropischen Pflanzen

Handwerker des Friedens

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 16. Juli 2026

Ein Friedensappell ist nichts Ungewöhnliches für einen Bischof. Der Bischof von Goma wählte in seinem Appell, der sich an junge Menschen richtete, ein besonderes Bild. Damit stellte er klar, dass Frieden immer Anstrengung bedeutet. 

Der Bischof von Goma, Willy Ngumbi Ngengele, forderte die jungen Menschen im Ostkongo auf, Handwerker des Friedens zu werden. Dieser Aufruf „artisans of peace“ zu werden, war das Leitwort eines pastoralen Appells des Bischofs. Er richtet sich damit vor allem an junge Menschen in der Region Nord-Kivu, die inmitten von Gewalt, Vertreibung und ethnischer Manipulation nicht zu Werkzeugen des Krieges, sondern zu Handwerkern des Friedens werden sollen. Der Bischof sprach zu den jungen Menschen im Rahmen der Vorstellung diözesaner Jugendaktivitäten in Goma.

Bischof Willy Ngumbi Ngengele wurde 1965 in Bujumbura geboren. Das ist die größte Stadt Burundis im Westen des Landes und nahe der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Er ist Ordensmann und gehört den Missionaren von Afrika, auch Weiße Väter genannt, an. Ngengele legte 1992 Profess ab und wurde 1993 zum Priester geweiht. Papst Benedikt XVI. ernannte ihn 2007 zum Bischof von Kindu. Papst Franziskus berief ihn am 23. April 2019 zum Bischof von Goma, wo er am 19. Mai 2019 eingeführt wurde. In Goma ist er seither eine der wichtigen kirchlichen Stimmen im Konfliktgebiet Nord-Kivu und ruft immer wieder zu Schutz der Zivilbevölkerung, Dialog und Frieden auf.

Eine Region der Gewalt

Der Ostkongo gehört zu den rohstoffreichsten und zugleich gewalttätigsten Regionen Afrikas. In Nord-Kivu, Süd-Kivu und Ituri überlagern sich ethnische Spannungen, Landkonflikte, schwache staatliche Strukturen, regionale Machtinteressen und der Kampf um Rohstoffe wie Gold, Coltan, Zinn, Wolfram und Kobalt. Bewaffnete Gruppen finanzieren sich durch Kontrolle von Minen, Schmuggel, Erpressung und lokale Herrschaft. Zugleich profitieren auch politische und wirtschaftliche Netzwerke jenseits der Region von dieser Kriegsökonomie. 

Für die Zivilbevölkerung bedeutet das Vertreibung, sexualisierte Gewalt, Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen sowie ein Leben zwischen Milizen, Armee, Fluchtlagern und humanitärer Not. Der Reichtum des Bodens wird hier nicht zum Segen für das Land, sondern zum Fluch. Die jungen Menschen, so sein Postulat, sollten Stammesdenken, Gewalt und die Manipulation durch bewaffnete Gruppen zurückweisen. In Goma wird Jugend von vielen als ein Schlachtfeld beschrieben. Jugendliche können Schüler, Katechisten, Sänger im Kirchenchor, Fußballspieler oder Händler sein. Sie können aber auch von kriminellen Banden angeworben, bedroht, bezahlt oder ideologisch aufgeheizt werden. Wo Arbeit fehlt, fehlt auch Sicherheit und eine klare Zukunft. So werde der junge Mensch leicht zum Material der Mächtigen. Goma und die Region Nord-Kivu leiden unter dem Konflikt mit M23/AFC und anderen bewaffneten Akteuren. Es trifft die Zivilbevölkerung seit Jahren hart. 

Warlords und Milizen 

M23 ist eine bewaffnete Rebellengruppe unter dem Dach der Alliance Fleuve Congo (AFC). AFC/M23 beanspruchen im Ostkongo nicht nur die militärische Kontrolle, sondern auch politische Legitimität. Deshalb warnt der Bischof von Goma die Jugend vor Manipulation durch bewaffnete Gruppen. Frieden meint in Goma nicht nur Schweigen der Waffen. Die Milizen kämpfen nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Narrativen, mit denen sie um junge Menschen werben. Bewaffnete Gruppen brauchen nicht nur Waffen, so der Bischof, sie brauchen junge Körper, junge Wut und junge Hoffnungslosigkeit. 

Genau an dieser Stelle setzt der Bischof an. Er sagt den Jugendlichen nicht nur, sie sollten keine Gewalt ausüben. Er gibt ihnen eine andere Identität. Ihr seid nicht Kanonenfutter. Ihr könnt Baumeister des Friedens sein. Der Osten Kongos lebt seit Jahrzehnten mit Gewalt. Nord-Kivu, Süd-Kivu und Ituri sind Namen, die man aus internationalen Lageberichten kennt und fürchtet. Für die Menschen vor Ortsind sie Heimat. Die Konflikte gehen um Land, Macht, Identität, Rohstoffe, regionale Einflussnahme, ungelöste Folgen früherer Kriege und das Versagen staatlicher Schutzstrukturen. 

Feindschaft ist leichter als Frieden

Es gibt nicht den einen Täter und die eine einfache Lösung. Gerade deshalb ist gerade für junge Menschen die Versuchung groß, sich in die Sprache der Gewalt und der Feindschaft zu flüchten. Teilt man die Welt in Stämme, Lager und Vergeltungslogiken sind die Antworten schnell bei der Hand. Der Bischof bleibt in seinem Appell realistisch. Frieden ist schwerer. Er verlangt Geduld, Wahrheit, Gerechtigkeit und die Fähigkeit, im anderen mehr zu sehen als den Feind.

Die katholische Kirche in Goma lebt inmitten dieser Realität. Das Bistum betreibt Schulen, Pfarreien, Caritas-Strukturen, Friedensprojekte und Seelsorge in einer Region, in der ganze Gemeinschaften entwurzelt wurden. Caritas Goma hat im Frühjahr ein Projekt zur friedlichen Koexistenz in Rutshuru, Masisi und Nyiragongo gestartet. Diese Gebiete sind von Konflikten und massiven Vertreibungen betroffen. Ziel ist es, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Damit sollen nicht zuletzt lokale Mechanismen zur gewaltfreien Konfliktbewältigung aufgebaut werden. 

Wie ein Handwerker

Bischof Ngumbis trifft mit seinem Wort von den Handwerkern des Friedens mitten in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Ein Handwerker arbeitet, um das Bild einmal aufzulösen, nicht mit großen Gesten. Er arbeitet geduldig, mit Werkzeug, bringt seine Erfahrung ein und mit steter Wiederholung gewinnt er Sicherheit in seinem Werk. Er weiß, dass ein Haus Stein für Stein mit den Händen erbaut werden muss. So ist es auch mit dem Frieden im Ostkongo. Er wird nicht durch eine Erklärung entstehen. Er muss gelernt, eingeübt und verteidigt werden. 

Junge Menschen sollen nicht Zuschauer humanitärer Katastrophen sein. Sie sollen lernen den Frieden aktiv zu leben. Gerüchte zu prüfen, Stammeshetze zu widerstehen und Konflikte zu schlichten, gehört in den Werkzeugkasten der Handwerker des Friedens. Sie sollen sich, so der Bischof, nicht von jenen benutzen lassen, die vom Krieg leben. Gerade die Jugendfrage macht die Tragik des Ostkongo sichtbar. UNICEF beschreibt die Gewalt im Osten des Landes als Angriff auf das Aufwachsen selbst. Kinder werden getötet, verletzt, verschleppt und in bewaffnete Gruppen rekrutiert. Schulen, Krankenhäuser, Lager für Vertriebene und zivile Infrastruktur werden Ziel oder Nebenopfer der Kämpfe. 

Den Frieden nie gesehen

Mädchen und junge Frauen sind in besonderer Weise sexueller Gewalt ausgesetzt. Wer unter solchen Bedingungen aufwächst, lernt früh, dass die Welt unsicher ist. Er lernt, dass Uniformen Angst machen, dass Flucht normal sein kann, dass Erwachsene nicht immer schützen können. Der Bischof richtet sein Wort an Jugendliche, die den Frieden nie gesehen haben.

Aus Sicht der Kirche, das haben auch die Päpste der vergangenen Jahrzehnte gelehrt, ist Frieden nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. Zum Frieden gehört eine Ordnung des Herzens, die sich in Gerechtigkeit, Versöhnung und dem Schutz der Schwachen zeigt. Wer also Handwerker des Friedens werden will, so der Bischof, darf sich nicht von Tribalismus, Gewalt und bewaffneten Gruppen vereinnahmen lassen. 

Der Friedensappel des Bischofs gehört zu einer breiten kirchlichen Friedensarbeit im Ostkongo. Neben Bischofsappellen, konkreter Jugendpastoral, Caritas-Projekten, ökumenischem und interreligiösem Dialog zählen die Initiativen der kongolesischen Kirchen für den Frieden Region. Auch Nationale Bischofskonferenz der Demokratischen Republik Kongo (CENCO) und die evangelische ECC traten 2025 gemeinsam als kirchliche Akteure in Friedensbemühungen rund um Goma auf.


Text: Peter Winnemöller

(kw)



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