News Bild Durch das Kirchenjahr: Wie Gebet die Welt verändern kann

Durch das Kirchenjahr: Wie Gebet die Welt verändern kann

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…mit Benedikt:

 

30. Sonntag im Kirchenjahr C – Lukas 18,9-14

Die zwei Männer, die sich im Evangelium dieses Sonntags am Tempel begegnen, könnten unterschiedlicher gar nicht sein. Der eine ist ein vorbildlicher Bürger, gläubig, er führt sein Leben treu den Geboten Israels. Der andere kann das nicht so ganz von sich behaupten. Er ist ein Zöllner. Er gehört damit einer Berufsgruppe an, die im gesamten Neuen Testament sehr schlecht wegkommt. Das hat zwei Gründe: Die Zöllner waren zunächst dafür zuständig, die Steuern der römischen Besatzungsmacht einzutreiben. Steuereintreiber dürften sich wohl selten der größten Beliebtheit erfreuen; wenn sie dafür aber auch noch mit dem römischen Gegner zusammenarbeiten müssen, macht es die Sache noch schlimmer. Zudem bot das von den Römern praktizierte System die Möglichkeit für die Zöllner, mehr als nötig zu verlangen. Nicht jeder Zöllner muss das so gehandhabt haben, es liegt aber nahe, dass nicht wenige mehr eintrieben, als sie in Rom abgeben mussten – und den Rest in der eigenen Tasche verschwinden ließen.

Unterschiedlicher also könnten die beiden beileibe nicht sein. Der eine ein guter und angesehener Mann, der andere ein Handlager der Römer und Halsabschneider. Beide beginnen nun zu beten. Der Pharisäer sagt: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ (Lukas 18,11) Irgendwie kann man doch dieses Gebet nachvollziehen – wer würde schon traurig darüber sein, nicht wie ein Betrüger zu sein.

Und doch hat dieser Mensch den Sinn des Betens einfach nicht verstanden. So vieles hätte er sagen können, was besser gewesen wäre. Er hätte zum Beispiel Gott danken können, dass er selbst in so gesicherten Verhältnissen lebte, um nicht zum Räuber oder Betrüger zu werden. Oder er hätte Gott bitten können, diese Menschen wieder auf die Wege seiner Gebote zu führen. Hat er aber nicht. Vielmehr bricht sich seine Überheblichkeit im Gebet Bahn. Wie gut, dass ich nicht bin wie all die Sünder. Wie gut, dass ich ein perfekter Mensch bin, fromm, treu den Geboten. Wie gut, dass ich nicht bin wie dieser Mann da, der Zöllner, der direkt neben mir steht.

Der Katechismus der Katholischen Kirche schreibt zum Vaterunser: „Das ‚unser‘ zu Beginn des Herrengebets wie das ‚unser‘ der letzten vier Bitten schließt niemanden aus.“ (KKK 2792) Gebet schließt niemals aus. Gebet schließt immer ein – und das gilt nicht nur für das Herrengebet. Der Pharisäer hat gezeigt, dass er Gebet nicht verstanden hat. Er hätte ja Mitleid haben können mit all den Menschen, die er in seiner Liste aufzählt. Er hätte ja auf den Zöllner zugehen, das Gespräch suchen können. Er tut es nicht, er ist gefangen in der Vorstellung seiner Reinheit und der Verurteilung der Unreinheit anderer.

Das heißt nun ja nicht, dass er den Betrug und Raub, den Ehebruch oder die Tätigkeit des Zöllners für gut befinden muss. Im Gegenteil. Aber Gebet hat immer auch das Potenzial, diese Welt zu verändern. Wer betet – besonders wer für andere Menschen betet – denkt an sie. Er denkt an ihr Leid, ihr Schicksal, vielleicht auch ihre Fehler, ihre Geschichte. Und er kann aus dem Gebet die Kraft ziehen, diese Welt mit aller Ungerechtigkeit und aller Schuld besser zu machen, wenigstens ein kleines bisschen.

Das zeigt der Kontrast zum Zöllner. Denn er betet ganz anders: „Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig.“ (Lukas 18,13) Jesus kommentiert das: Der eine ging gerechtfertigt heim, der andere nicht. Der Zöllner hat seine Situation gesehen und im Gebet vor den Herrn getragen, der andere hat seine Überheblichkeit mit auf den Weg und auch noch vor Gott gebracht. Beim einen hat das Gebet das Leben verändert, wenn auch nur ein klein bisschen. Beim anderen aber sicher nicht.