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Durch das Kirchenjahr: Fünf vor Zwölf

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… mit Benedikt

33. Sonntag im Jahreskreis – Markus 13,24-32

 

Ich warte nur sehr ungern. Wenn man sich auf einen besonderen Tag vorbereitet und gefreut hat, vergehen die Tage und Stunden zum entscheidenden Ereignis oft nur schleppend. Was mich aber regelrecht wahnsinnig macht, ist auf ein zeitlich ungewisses Ereignis zu warten. Etwa auf die Bahn. Man weiß, dass sie verspätet ist, aber man weiß nicht, wie lange man warten muss. Sind das Stunden oder nur Minuten? Oder doch eher Tage? Ähnlich, wenn sich jemand verspätet und man auch nicht weiß, wie lange man wird warten müssen. Soll man vielleicht gleich gehen?

Auf ungewisse Ereignisse zu warten, erfordert ein hohes Maß an Geduld. Die fordert Jesus im Evangelium des Sonntags. Es geht um nicht weniger als den Weltuntergang. In sehr drastischen und beängstigenden Worten schildert Jesus, was am Ende der Zeiten geschehen wird: Die Sonne werde sich verfinstern, der Mond nicht mehr scheinen. Die Sterne werden vom Himmel fallen „und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Alles wird anders, die Welt, wie wir sie kennen, wird zerstört werden. Der Herr kommt an diesem Tag, in dieser Stunde. Begleitet ist er von Engeln, die aus allen Windrichtungen die von ihm Außerwählten zusammenführen. Was mit denen geschieht, die nicht auserwählt sind, wird an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.

Natürlich stellt sich die Frage, wann das alles denn passieren soll. Man möchte sich doch darauf vorbereiten können. Jesus datiert: „Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht.“ Also, die Leute, zu denen Jesus spricht, werden nicht mehr sterben. Ihr Ende auf dieser Erde wird das Ende der Welt sein. Aber Moment. Jesus spricht das wohl um das Jahr 30 herum zu seinen Jüngern. Man geht heute mit beinahe absoluter Gewissheit davon aus, dass das Markusevangelium um das Jahr 70 entstanden ist, also vierzig Jahre später. Die „Generation“, zu der und von der Jesus spricht, ist schon längst Geschichte. Die sind vermutlich zu einem großen Teil schon gestorben.

 

Umso mehr stellt sich doch uns die Frage: 2000 Jahre sind seit dem Tod und der Auferstehung Jesu vergangen. Wir wissen, dass nicht nur die Generation Jesu das Ende der Welt nicht gesehen hat, sondern unzählige weitere Generationen. Schon die Bibel selbst hat ein Problem mit diesen Aussagen Jesu. Er sagt ja ganz deutlich, dass Gericht sei nahe, er werde bald wiederkommen. Er kommt aber nicht, man versucht, seine Aussagen umzudeuten: Der zweite Thessalonicherbrief mahnt schon ganz deutlich zur Ruhe, wenn Propheten auftreten und das Ende der Welt ankündigen. Der Grund: In Thessaloniki, möglicherweise auch in anderen Gemeinden, gehen die Christen sehr konkret von einer baldigen Wiederkunft Christi aus. Wenn man glaubt, Jesus würde bald, sehr bald, kommen – geht man dann noch in die Arbeit? Kümmert man sich um seine Finanzen, um Familiengründung, um die Sorgen des Alltags? Nein.

Auch der zweite Petrusbrief reagiert darauf, dass Jesus noch nicht wiedergekommen ist. Er bemüht sich um eine theologische Argumentation: Jesus hatte ja gesagt, bald wieder zu kommen. Aber was heißt das denn schon? Vor allem: Was heißt das schon bei Gott, der in der Ewigkeit lebt? Der Brief kommt zu dem Schluss: Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre und umgekehrt. Aber das grundlegende Problem bleibt doch. Die Aussagen Jesu sind natürlich ein Stück weit bildhaft – wie auch die Offenbarung des Johannes, die in vielen Anspielungen und Chiffren vom Ende der Welt spricht. Aber dieses Ende wird kommen, irgendwann. Und wir wissen nicht, wann. In Jahrtausenden? Oder vielleicht schon morgen?

Das beunruhigt. Jesus fordert Wachsamkeit ein. Er fordert ein Leben, das vor den Augen Gottes bestehen kann, selbst wenn es morgen schon zu Ende wäre. Diese Forderung nach Wachsamkeit wird durch den ungewissen Zeitpunkt umso drängender. Wer weiß: Vielleicht ist es schon fünf vor Zwölf?