Straße in der Wüste

Die Würde des Menschen und die Würde der Arbeit

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 10. Juni 2026 

Der Education Day im Norden Kenias macht deutlich, wie wichtig Bildung und Ausbildung für die jungen Menschen sind. Bischof Peter Kihara entwickelte anhand der katholischen Soziallehre den Zusammenhand zwischen Arbeit und Würde des Menschen. 

Beim Education Day der Diözese Marsabit in der Stadt Loiyangalani (Kenia) sprach Bischof Peter Kihara darüber, dass Bildung nicht bei Schulzeugnissen enden dürfe. Sie müsse in ein Leben führen, das junge Menschen ernähre, Familien stärke und Gemeinden zusammenhalte. Die Kirche in Kenia feierte an diesem Tag nicht nur ihre Schulen, ihre Geschichte und die Arbeit der Missionare. Sie stellte zugleich eine Frage, die weit über Marsabit hinausweist. Was nützt eine Schule, wenn die Gesellschaft danach keinen Platz für die ausgebildeten jungen Menschen hat? 

In Marsabit im Norden Kenias hat das Erlangen von Bildung immer auch etwas mit Entfernung zu tun. Die Wege sind lang, die Landschaft ist weit, die Lebensbedingungen der Menschen sind hart. Wer hier zur Schule geht, hat oft gegen Armut, fehlende Infrastruktur und einer Gesamtsituation zu kämpfen, die jungen Menschen nur wenige Türen öffnet. Nahe der Grenze zu Äthiopien, lebt ein großer Teil der Bevölkerung von Viehzucht und kleinräumiger Landwirtschaft. Dürren, Überschwemmungen, steigende Preise und der Verlust von Vieh können die Familien hart treffen. Für Jugendliche bedeutet Bildung dennoch eine Hoffnung. 

Bedeutung der Bildung 

Die Rede des Bischofs ist nicht etwa eine Absage an Bildung, sondern sie zeigt die Ernsthaftigkeit mit der die Kirche auf das Thema schaut. Marsabit verdankt der Kirche viel. Missionare brachten nicht nur das Evangelium, sondern sie bauten Schulen und gaben Kindern aus abgelegenen Gemeinschaften erstmals die Aussicht auf einen sozialen Aufstieg. Dieser Auftrag ist lange nicht abgeschlossen. In unserer Zeit verändert er seinen Gehalt. Wo früher der Zugang zum Klassenzimmer das große Ziel war, steht heute die Frage im Vordergrund, ob Lernen auch den Weg zu Arbeit, Würde und Teilhabe führt. Bischof Kihara nennt das Problem beim Namen. Viele junge Menschen nehmen schwere Wege auf sich, um eine Ausbildung zu erhalten. Nach dem Abschluss stehen sie dennoch wieder vor verschlossenen Türen.

Damit rückt die Kirche ein Thema ins Zentrum, das in vielen afrikanischen Ländern über die Zukunft entscheidet. Jugendbeschäftigung ist nicht nur eine wirtschaftliche Kennziffer. Sie ist eine Frage des sozialen Friedens. Wo junge Menschen keine Arbeit finden, wächst die Frustration. Wo Talente ungenutzt bleiben, verlieren Familien Vertrauen in Bildung. Wo Abschlüsse nicht zu Einkommen führen, entsteht der Eindruck, dass diese Anstrengung keinen Sinn ergibt. In Regionen wie Marsabit kommt hinzu, dass Arbeitslosigkeit mit anderen Risiken zusammenfällt. Jugendliche können anfällig werden für Drogen, Kriminalität, ethnische Mobilisierung oder politische Manipulation.

Würdige Beschäftigung

Die katholische Kirche spricht deshalb von würdiger Beschäftigung. Das ist mehr als ein entwicklungspolitischer Begriff. In der katholischen Soziallehre ist Arbeit nicht bloß Mittel zum Einkommen. Sie gehört zur Würde des Menschen. Das hat der Papst in seiner jüngsten Enzyklika nur allzu deutlich betont. Durch Arbeit sorgt der Mensch für sich und andere, entwickelt seine Fähigkeiten und beteiligt sich am Gemeinwohl. Eine Gesellschaft, die ihre Jugendlichen ausbildet, ihnen danach aber keine Chance gibt, verletzt diese Würde, das betonte der Bischof in seiner Ansprache. Eine solche Gesellschaft produziert Enttäuschung gerade dort, wo sie zuvor Hoffnung geweckt hat.

Doch die Kirche weiß, dass Werte allein keine Stellen schaffen. Deshalb richtet sich ihr Appell ausdrücklich an Staat, County-Regierung, private Wirtschaft, Entwicklungsorganisationen und lokale Gemeinschaften. Die Jugendlichen von Marsabit brauchen nicht nur Ermutigung, sondern Strukturen. Sie brauchen berufliche Ausbildung, Werkzeuge, Praktikumsplätze, Mentoren, Zugang zu Kapital, digitale Kompetenzen und Märkte für ihre Produkte. Sie brauchen eine Politik, die Nordkenia nicht als Randgebiet behandelt. Bischof Kihara sprach in dem Zusammenhang von ungenutztem Potenzial. Der Hirte betrachtet die Jugendlichen nicht als Problem, sondern als Ressource, die in seinem Land noch nicht ernst genug genommen wird.

Wezesha Vijana

Hier setzt das Programm „Wezesha Vijana“ an, das ist Suaheli und bedeutet, „Junge Menschen stärken“. Es verbindet technische und berufliche Bildung mit Unternehmertum, digitalen Kenntnissen und Lebenskompetenzen. Der Ansatz ist bemerkenswert, weil er nicht nur Praktika anbietet, sondern eine Brücke in den Arbeitsmarkt bauen will. Junge Menschen sollen nicht auf Hilfe warten, sondern befähigt werden, Betriebe zu gründen, Praktika zu absolvieren, ihre Ersparnisse zu verwalten und sich in lokale Märkte einzubringen. 

Wiederholte Dürren haben Region heimgesucht und die Viehbestände dezimiert, Überschwemmungen haben Felder und Infrastruktur beschädigt, unberechenbare Regenzeiten erschweren Planung. Wenn Herden sterben, verlieren Familien nicht nur Einkommen, sondern auch Nahrung, Status und Sicherheit. In den bäuerlichen Gemeinschaften ist Vieh mehr als nur Besitz. Der Viehbestand einer Gemeinschaft ist oft genug die einzige Grundlage des Lebens. Darum wird hier berufliche Bildung zur Anpassungsstrategie. Wer neue Fähigkeiten erwirbt, kann zusätzliche Einkommensquellen erschließen.

Caritas im Dienst der Menschen 

Der Einsatz von Caritas Marsabit in der Region gewinnt daraus seine Bedeutung. Die Organisation der Diözese arbeitet an nachhaltigen Lebensgrundlagen, Katastrophenvorsorge, Wasser- und Hygienefragen, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. Arbeit entsteht, so der Bischof, nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Wasser, Sicherheit, Gesundheit, Bildung und Vertrauen zwischen Gemeinschaften. Wo Konflikte um Weideland, Wasser oder politische Macht ausbrechen, wird auch wirtschaftliche Entwicklung behindert. Die Förderung junger Menschen ist deshalb auch Friedensarbeit. 

Der kirchliche Appell trifft auf eine Schwäche vieler Bildungssysteme. Zu lange galt akademischer Erfolg als einziger Weg nach oben. Berufliche Bildung wurde vielerorts als zweite Wahl betrachtet. Doch in Regionen wie Marsabit kann gerade sie der realistischere Weg in Würde sein. Handwerk, Bau, Transport, Landwirtschaft, Gastronomie, Schneiderei, digitale Dienstleistungen und Kleinunternehmertum können jungen Menschen schneller Einkommen verschaffen als lange Warteschleifen auf formelle Stellen. Entscheidend ist, dass solche Ausbildung gut ist, anerkannt wird und mit echter Nachfrage verbunden bleibt.

Mehr als eine Feier

Für die Kirche ist das auch eine geistliche Frage. Wer Jugendlichen sagt, sie seien Zukunft, muss ihnen Gegenwart geben. Wer von Berufung spricht, darf nicht nur an Priester- und Ordensberufe denken. Auch die Schneiderin, der Mechaniker, die Hotelangestellte, der junge Unternehmer und die digitale Dienstleisterin leben eine Berufung, wenn ihre Arbeit dem Leben dient. In diesem Sinn erweitert Marsabit den Blick auf Jugendpastoral. Sie besteht nicht nur aus Gruppenstunden, Katechese und Festen. Sie muss auch helfen, Talente in Einkommen, Hoffnung in Praxis und Glauben in Verantwortung zu übersetzen. 

Der Education Day in Loiyangalani war deshalb mehr als eine lokale Feier. Er war ein Zeichen dafür, dass die Kirche im Norden Kenias die großen Fragen der Zeit verstanden hat. Bildung ohne Arbeit bleibt unvollständig. Entwicklung ohne Würde bleibt technisch. Hilfe ohne Beteiligung bleibt abhängig. Hier hat der Bischof in seiner Rede nicht ins Leere gesprochen, die Kirche ist bei diesen Entwicklungen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten an der Seite der jungen Menschen. 

Text Peter Winnemöller 
Foto: Shutterstock



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