News Bild Die eigenen Bedürfnisse klar vermitteln – Angelika Glaß-Hofmann erklärt, wie Kommunikation in der Familie gelingen kann

Die eigenen Bedürfnisse klar vermitteln – Angelika Glaß-Hofmann erklärt, wie Kommunikation in der Familie gelingen kann

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Angelika Glaß-Hofmann ist Diplompsychologin und systemische Familientherapeutin. Als Fachstellenleiterin der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Regensburg gibt die Expertin während der Corona-Krise Tipps für das tägliche und vor allem: für das vom bisherigen Rhythmus abweichende Miteinander.

 

Sehr geehrte Frau Glaß-Hofmann, wie ist die Lage derzeit in den Familien?

Die jetzige Situation ist für Familien eine Herausforderung. So viel Zeit miteinander verbringt man sonst am ehesten im Urlaub. Da hat das Miteinander aber einen positiven Hintergrund und in der Regel unternimmt man viel. Das geht jetzt nur eingeschränkt bis gar nicht. Zudem sind die Menschen verunsichert und besorgt darüber, dass man selbst oder Nahestehende erkranken könnten, dass die Versorgungslage schlecht werden könnte; auch beschäftigt man sich mit den wirtschaftlichen Folgen und dem möglicherweise drohenden Verlust des Arbeitsplatzes. In dieser Krise setzt man vielleicht gerade besondere Erwartungen und Hoffnungen in die eigene Familie. Sie soll vieles, was im Moment nicht geht, auffangen und vielleicht auch Trost und Sicherheit bieten. Das kann überfordern.

 

Welche gemeinschaftlichen Aktivitäten bieten sich jetzt an?

Das hängt stark vom Alter der Kinder ab. Ausführlichere Empfehlungen kann hier die Erziehungsberatung geben. Und sicherlich lassen sich auch im Internet geeignete Anregungen finden. Aber generell halte ich es für wichtig, dass Kinder und auch Jugendliche ebenso wie die Erwachsenen ausreichend Bewegung haben; daher sollte man die Möglichkeit, hinauszugehen, auf jeden Fall nutzen. Wenn Jugendliche dazu keine Lust haben, weil sie nicht mit den Eltern spazieren gehen oder Rad fahren wollen und dies mit Freunden aktuell ja nicht möglich ist, kann man sie zu häuslichen Bewegungsformen anregen, auf die Jugendliche gerne ansprechen, etwa Workouts. Je nach Wohnsituation können kleinere Kinder drinnen toben, seilspringen, vielleicht gibt es ein Zimmertrampolin. Auch Jonglieren mit geeigneten Tüchern kann Spaß machen und ist zudem ein gutes Gehirntraining. Brett- und Ratespiele können die Zeit verkürzen. Oder man nutzt die Gelegenheit, seinen Kindern etwas vorzulesen, am besten natürlich, wenn alle zusammenkommen.

 

Gesprächsthema Nummer eins sind die neuesten Nachrichten zur Corona-Krise. Worauf sollten Eltern achten?

Unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation ist es sinnvoll, die Zeiten, in denen man sich über Corona informiert, zu begrenzen, zum Beispiel auf den späten Nachmittag, und unbedingt auf seriöse Quellen zu achten. Corona-freie Zeiten, in denen ein halbwegs normaler Alltag gelebt wird, sind enorm wichtig. Besonders Kinder müssen ein Stück weit geschützt werden vor der aktuellen Informationsflut. Gleichzeitig sollten sie darüber sprechen können, wie es ihnen geht. Hilfreiche Tipps für den Umgang mit Corona finden Sie unter anderem unter

www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/coronavirus-acht-tipps-mit-kindern-darueber-zu-sprechen/212392

.
Andere Themen sind dann ein gutes Gegengewicht. Welche das sind, wird in jeder Familie ein bisschen anders sein. Besonders ergiebig kann es sein, wenn Eltern aus ihrer Kindheit erzählen oder man sich an schöne gemeinsame Erlebnisse erinnert, Fotos anschaut, Pläne schmiedet für die Zeit „danach“. Hilfreich ist weiterhin, am Abend darüber zu sprechen, was für einen schön war an diesem Tag, trotz der Umstände, um den Blick auf das Positive auch in schwierigen Zeiten zu lenken.

 

Haben Sie Vorschläge für Gesprächsthemen, die nie angegangen werden, für die aber gerade jetzt der passende Zeitpunkt wäre?

Man kann die Zeit sicher nutzen dafür, manches auf den Prüfstand zu stellen. Das kann das eigene Konsum- und Freizeitverhalten sein, die Work-Life-Balance – Themen, die einen vielleicht schon länger immer wieder beschäftigen, für die aber nie Zeit und womöglich auch nicht die Notwendigkeit gegeben war, sich vertieft damit auseinanderzusetzen. Inwieweit man das gerade jetzt innerhalb der Familie beziehungsweise mit der Partnerin oder dem Partner bespricht, hängt stark vom damit verbundenen Konfliktpotenzial ab und davon, wie gut man grundsätzlich mit Konflikten umgehen kann.

 

 

Wie gelingt Kommunikation in ihren Grundzügen? Spielt dabei vielleicht auch unser Verständnis des Heiligen Geistes eine Rolle?

Es gibt einige Grundregeln für den Sprecher: beim Thema und beim eigenen Erleben bleiben, keine Vorwürfe und Verallgemeinerungen machen, über konkrete Situationen und Verhaltensweisen sprechen, sich öffnen und seine Gefühle zeigen. Für den Zuhörer gilt es aufmerksam zu sein; dem anderen signalisieren, dass man zuhört; ihn nicht unterbrechen. Beide müssen zu Wort kommen können und unvoreingenommenes Zuhören ist genauso wichtig wie Reden! In der Bibel ist von Charismen, von den Gnadengaben, die Rede. Dazu gehören auch die Sieben Gaben des Heiligen Geistes. Diese bezeichnen neben anderen besonders Gaben im Sinne der Nächstenliebe, also die Begegnung mit dem anderen, auch in der Kommunikation. Jedenfalls können wir selbst einiges dazu beitragen, dass ein guter Geist in den Familien spürbar wird.

 

Gibt es Konfliktthemen, denen man, dem Frieden zuliebe, aus dem Weg gehen sollte?

Alle wichtigen Themen, bei denen man unterschiedlicher Meinung ist, sind potenziell natürlich konfliktträchtig. Größere Konfliktthemen sind in der Enge des Zusammenlebens eher schwerer zu lösen als im normalen Miteinander. Wenn die Stimmung emotional sehr angespannt ist oder wird, sollte man die Diskussion vertagen und Abstand nehmen, bis die Beteiligten sich wieder innerlich ruhig fühlen. Hat man überreagiert, den anderen gekränkt, sollte man dies erkennen und sich entschuldigen. Der andere sollte eine Entschuldigung auch annehmen und sich um Verzeihung bemühen.

 

 

Häufig fliehen Eltern, Partner, Kinder in ihre Hobbys oder in die Arbeit. Was ist gut an dieser Flucht und worin liegen Chancen, dass es eben jetzt keinen Fluchtweg mehr gibt?

Ich denke, man muss zunächst beachten, dass nicht jedes intensive oder leidenschaftliche Engagement gleich eine Flucht vor etwas anderem ist. Die Übergänge sind da wohl eher fließend. Manchmal dient eine ausgiebige Beschäftigung mit Hobbys oder Arbeit aber tatsächlich dazu, dass man Gefühle von Unlust und Konflikte vermeidet. Vielleicht spüre ich ansatzweise eine tiefliegende Unzufriedenheit in mir, der ich nachgehen sollte. Steht mir kein Fluchtweg mehr zur Verfügung, muss ich mich dem Thema eher stellen, kann vielleicht Wege der Veränderung suchen und etwas weiterentwickeln. Darin liegt eine Chance, jedoch haben wir alle Angst vor Veränderung. Angesichts der derzeitigen Umstände, die sehr verunsichernd sind, kann das zusätzlich belasten.

 

Kann Streiten gesund sein?

Dampf ablassen kann eine reinigende Wirkung haben, wenn Dinge zur Sprache kommen, die besprochen werden müssen. Es kommt aber sehr darauf an, dass trotzdem bestimmte Regeln eingehalten werden (keine Abwertungen oder Drohungen, erst recht keine verbale und körperliche Gewalt) und dass das Niveau des ausgedrückten Ärgers ein bestimmtes Maß nicht überschreitet. Man sollte ab einem gewissen Punkt unbedingt den Streit unterbrechen, wenn dies dann noch so ohne weiteres möglich ist, und zu einem späteren Zeitpunkt weiterreden. Ich würde Streiten nicht leichtfertig als gesundheitsfördernde Tätigkeit empfehlen.

 

Wie räume ich mir als Ehepartner Zeit für mich ein? Besonders in kleinen Wohnungen mit wenig Platz?

Am besten sprechen sich die Partner ab, wer wann wieviel Zeit für sich braucht und wie das umgesetzt werden könnte. Auch in kleinen Wohnungen kann man versuchen, sich einen Bereich für sich zu schaffen, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, sich zum Beispiel ins Schlafzimmer zurückziehen, um mit Freunden zu telefonieren oder ein Buch lesen. Oder einer geht spazieren, während der andere dann vielleicht gerade die Musik hören kann, die der andere nicht so schätzt. Man muss über die jeweiligen Bedürfnisse reden und sollte nicht davon ausgehen, dass der andere schon wissen wird, was man selbst braucht.

 

Wie spreche ich Dinge an, die mich am anderen stören und die mir besonders jetzt auffallen, da wir besonders viel Zeit miteinander verbringen?

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass wir alle in langjährigen Partnerschaften dazu neigen, am anderen oft eher das zu sehen, was uns stört, und das, was uns gefällt, als selbstverständlich vorauszusetzen. Daher rät der amerikanische Paartherapeut John Gottman zur 5:1-Regel, die sich aus Sicht der Eheberatung sehr bewährt: Sagen oder tun Sie Ihrer Partnerin/Ihrem Partner fünfmal mehr Liebevolles als Kritisches, dann hat sie/er das Gefühl, in einer befriedigenden Beziehung zu leben. Daher sollte ich die jetzt vermehrt gemeinsame Zeit nicht dazu nutzen, dem anderen endlich mal zu sagen, was mich immer schon an ihm gestört hat, sondern den Blick zuerst auf das Positive richten und dies dem anderen auch mitteilen. Das, was ich an Kritischem mitteilen möchte, sollte sich stets auf ganz konkrete Situationen beziehen und immer in Form von Ich-Botschaften vermittelt werden: „Mich hat es traurig gemacht, als du mich gestern nicht aus der Arbeit angerufen hast…“

 

Welche Konflikte können entstehen, wenn Eltern und Kinder so viel Zeit miteinander verbringen? Wie können diese vermieden werden?

Ein Problem ist sicher, wenn z.B. Eltern im Homeoffice in Ruhe Arbeiten erledigen müssen und gleichzeitig die Kinder ihr Recht einfordern. Hier prallen dann unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse aufeinander. Unverzichtbar ist die Einführung von Strukturen. Man sollte in dieser Situation zum einen Arbeit und Freizeit klar trennen und mit den Kindern altersgerecht darüber reden, warum Mama und/oder Papa zu bestimmten Zeiten daheim arbeiten müssen. Die Betreuung der Kinder muss man nach Absprache aufteilen. Sind die Kinder schon in der Schule, haben auch sie Aufgaben zu erledigen, man könnte vereinbaren, dass alle zum Beispiel am Vormittag ihrer „Arbeit“ nachgehen.

 

 

Wie kann ich Kinder in den Haushalt miteinbeziehen?

Am besten wird damit begonnen, wenn Kinder noch in einem Alter sind, in dem sie von sich aus mithelfen wollten. Sprechen Sie mit ihnen ab, welche Aufgaben sie übernehmen können bzw. wollen. Machen Sie klar, dass jeder seinen Teil zum Zusammenleben beitragen muss. Zeigen Sie Anerkennung, wenn Ihre Kinder ihre Aufgaben erledigen und bleiben Sie sachlich und konsequent, wenn sie daran erinnert werden müssen. Halten Sie es aus und bleiben Sie geduldig, wenn ihr Kind die Aufgaben nur unter Murren erledigt.


Wie vermeide ich es, dass Kinder zu viel Zeit mit elektronischen Geräten verbringen?

Stellen Sie klare Regeln auf und kontrollieren Sie konsequent deren Einhaltung. Beschäftigen Sie sich mit den Kindern und seien Sie Vorbild – wer selbst zum Zeitvertreib stundenlang vor Smartphone und PC sitzt, hat schlechte Argumente.

 

Die katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen ist gerade in diesen Zeiten Ansprechpartner für Ratsuchende.

Nicht nur Familien, auch alleinstehende Menschen dürfen wir in dieser Zeit nicht aus dem Blick verlieren. Sie haben vielleicht keine Probleme mit Konflikten zuhause, aber auch sie befinden sich in einer schwierigen Situation, da die direkten sozialen Kontakte wegfallen und viele von Isolation und Einsamkeit bedroht sind. Die Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen im Bistum sind weiterhin Ansprechpartner für Ratsuchende, gerade in diesen Zeiten. Auch wenn wir aktuell keine persönlichen Beratungsgespräche durchführen können, sind wir telefonisch erreichbar. Aktuell richten wir an allen Stellen offene Telefonsprechzeiten ein, die auch über die Anrufbeantworter angesagt werden. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit zur Onlineberatung.