Die Bibel ist nicht Quelle der Offenbarung, sondern ihr Zeugnis

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Das Klerusblatt (München) hat eine Besprechung des jüngsten Bandes von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer veröffentlicht. Prof. Dr. Josef Kreiml erklärt darin, der Autor präsentiere „anspruchsvolle, aber dennoch gut verständliche Überlegungen“:

„In diesem Band legt der Bischof von Regensburg eine höchst interessante Aufsatzsammlung vor, die auf seine Tätigkeit als Dogmatikprofessor an der Theologischen Fakultät Trier zurückgeht. Die systematische Darstellung einer christlichen Verstehenslehre ist ein Desiderat der theologischen Forschung. Wie verhalten sich Dogma und Geschichte, Offenbarung und Exegese zueinander? Im vorliegenden Werk spannt Bischof Voderholzer einen Bogen von der frühchristlichen Exegese bis zur modernen Rezeptionsästhetik. Ausgehend von der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ (1965) reflektiert der Autor – sich auf Einsichten Henri de Lubacs stützend – zentrale Themenfelder im Kontext einer christlichen Bibelhermeneutik. Alle historischen Texte brauchen Regeln des Verstehens. Offenbarung ist – so Rudolf Voderholzer – ein geschichtliches Ereignis, das fleischgewordene Wort Gottes, Jesus Christus. Die Bibel ist nicht Quelle der Offenbarung, sondern ihr Zeugnis. Auf der Basis der Lehre vom vierfachen Schriftsinn ist es möglich, die Bibel sowohl nach der historisch-kritischen Methode als auch in einem weiteren Schritt ganz im Lichte von Glaube, Hoffnung und Liebe zu lesen. Die Rezeptionsästhetik ermöglicht es dem Bibelleser, die Heilige Schrift in seinem jeweiligen Lebenskontext neu zu lesen; ihre Texte sind offen für neue Interpretationsmethoden, sofern diese am Glaubensbekenntnis gemessen werden.

In seinem Vorwort betont der Autor, dass der menschgewordene Jesus Christus „der Hermeneut des Vaters“ geworden ist. In den Jahren seiner Lehrtätigkeit in Trier standen Fragen der biblischen Hermeneutik im Vordergrund seines Interesses. Einige seiner Schriften will der Bischof im vorliegenden Band „zu einem Strauß zusammenbinden und als Bausteine für eine künftige Gesamtdarstellung einer christlich-biblischen Verstehenslehre vorlegen“. Die Publikation enthält zwölf Beiträge aus den Jahren zwischen 1999 und 2010, darunter eine bisher unveröffentlichte Deutung des Epitaphs von Kardinal Faulhaber im Münchener Liebfrauendom. Michael Faulhaber sei ein „Wegbereiter der katholischen Bibelbewegung“ gewesen.

Zur Fragestellung „Offenbarung und Offenbarungszeugnis“ legt Bischof Voderholzer fünf Abhandlungen vor: Der Aufsatz „Dogma und Geschichte“ ist Henri de Lubac und seinem Beitrag zur Erneuerung der Theologie gewidmet. Der Vortrag „Liest Du noch oder glaubst Du schon?“ geht der Frage nach, ob man das Christentum als „Buchreligion“ oder als „Personreligion“ verstehen muss. In einem weiteren Text vergleicht Rudolf Voderholzer das christliche mit dem islamischen Offenbarungsverständnis. Beim Beitrag „Dogmatik im Geiste des Konzils“ handelt es sich um die Trierer Antrittsvorlesung Professor Voderholzers vom 14. Dezember 2005, in der sich der Autor mit der Entstehungsgeschichte von „Dei Verbum“ auseinandersetzt. Im Aufsatz „Offenbarung, Schrift und Kirche“ konfrontiert Bischof Voderholzer „Dei Verbum“ mit vorbereitenden und rezipierenden Texten Joseph Ratzingers.

Unter dem Stichwort „Schriftauslegung“ sind drei Beiträge versammelt: Dabei geht es um das Traditionsverständnis der frühen Kirche, um den „geistigen Sinn der Schrift“ (Typologie, Allegorie, vierfacher Schriftsinn etc.) und um „Dogmatik und Rezeptionsästhetik“. Das abschließende Kapitel („Konkretionen“) enthält vier Texte: die schon erwähnte Abhandlung über Kardinal Faulhaber, einen kurzen Beitrag über ein Säulenkapitell in Vézelay („Die mystische Mühle“), einen erhellenden Aufsatz über Mel Gibsons „The Passion of the Christ“ und eine Bildbetrachtung zur „Heilung des Aussätzigen“.

Die Publikation Voderholzers gibt – so Kardinal Lehmann bei einer Präsentation des Buches in Mainz – „viele Anstöße“ für die weitere Diskussion der biblischen Hermeneutik. Im vorliegenden Werk legt Bischof Voderholzer theologische Thesen vor, die eine intensive Diskussion verdienen. Der Frage nach dem Verhältnis von Glaubenslehre und Exegese, das den Forschungsschwerpunkt des ehemaligen Dogmatikprofessors bildet, kommt ohne jeden Zweifel ein immenses theologisches Gewicht zu. Der Autor präsentiert anspruchsvolle, aber dennoch gut verständliche Überlegungen. Für jeden theologisch Interessierten und insbesondere für jeden, der das Wort Gottes zu verkünden hat, ist es überaus lohnend, sich mit den Themen, die Bischof Voderholzer hier behandelt, auseinanderzusetzen.“ Prof. Dr. Josef Kreiml

[Veröffentlicht im Klerusblatt 93 (2013), S. 245]

Rudolf Voderholzer, Offenbarung, Tradition und Schriftauslegung. Bausteine zu einer christlichen Bibelhermeneutik, 208 Seiten, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7917-2519-2, 24,95 Euro.