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Zur Neuigkeit
Der vatikanische Synodalismus
Ein Anachronismus
Rom / Regensburg, 21. August 2026
Am weltkirchlich propagierten Synodalismus wird deutlich, wie wenig das II. Vatikanische Konzil von der Kirche selbst verstanden ist.
Das II. Vatikanische Konzil hat keine neue Kirche geschaffen. Aber eine neue Sozialform der Kirche wollte es hervorbringen, die wieder mit den Anforderungen der Gegenwart in Übereinstimmung stehen sollte. Die entscheidende politische Neuerung seit den Zeiten des Trienter Konzil (1545‒1563) bestand für die Konzilsväter darin, dass sich die Staatlichkeit gewandelt hatte. Aus dem absolutistischen Staat, mittels dessen der König und der Adel auch die Gesellschaft dominierten, ist durch die Aufklärung und die Demokratisierung der säkulare Rechtsstaat entstanden. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht mehr beansprucht, das Gesamt des Gesellschaftlichen zu beherrschen. Er ist keine „Societas perfecta“ („vollkommene Gesellschaft“) mehr.
Dadurch hat sich ein weites Feld geöffnet, das man die Zivilgesellschaft nennt. Zugunsten von Letzterer ist der neuzeitliche Staat redimensioniert worden. Er bleibt zwar juristisch der Rahmen und das soziale Auffangnetz. Auch wirkt er durch die Gerichtsbarkeit als Schiedsrichter der politischen Akteure sowie der Zivilgesellschaft. Aber durch den Rückzug auf diese Aktivitäten entsteht Raum für die Individuen sowie für deren Zusammenschlüsse. Sie sind aufgerufen, die zivilgesellschaftliche Sphäre mit ihrem Wirken zu prägen. Auf diesem Spielfeld betätigen sich denn auch die Wirtschaft, die Medien, der Kulturbetrieb, Teile des Bildungsbetriebs, die Lobby- und Interessenvertretungen, die Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sowie der Sport. Es ist auch die Welt von Verbänden, Vereinen und Stiftungen, die von verschiedener Art sind und vielfältige Ziele verfolgen.
Nachdem sich der alte Staat in dieser Weise in die formelle Staatsmacht und in die Zivilgesellschaft ausdifferenziert hatte, war es die Einsicht der Konzilsväter, dass die Kirche dies, was ihren Weltbezug betrifft, ebenfalls tun sollte. Es geht dabei nicht um die Abschaffung ihrer hierarchisch-sakramentalen Ordnung, die unverlierbar ist. Aber es handelt sich darum, eine neue Sozialform zu finden, die wieder apostolisch wirksam sein kann in einer neuen Epoche. Man kann die heutige, zivilgesellschaftlich geprägte Welt vorteilhaft finden oder nicht. Aber zu ihr muss die Kirche ein passendes Verhältnis finden. Das bedeutet nicht, die Inhalte des christlichen Glaubens zur Disposition zu stellen.
Die Aufspaltung im staatlichen Bereich aufzunehmen bedeutet: Die Hierarchie bleibt zwar das primäre Gegenüber zur Staatsgewalt, auch wenn Laien im modernen Rechtstaat durch Wahlen und Abstimmungen ebenfalls politische Akteure werden. Sie sind jedoch nun vor allem die christliche Präsenz in der Zivilgesellschaft. So wie Letztere nicht staatlich ist, handeln die Laien dort nicht kirchenamtlich. Sondern sie wirken im eigenen Namen, als Bürger, die Christen sind. In dieser Konzeption besteht das vom jüngsten Konzil erneuerte Verhältnis der Kirche zur „Welt“.
Die Konzilsväter haben dieser neuen Haltung der Kirche zu den irdischen Wirklichkeiten mit „Lumen Gentium“ (LG), Kapitel IV. (Nr. 30‒38), klug und weitsichtig Ausdruck gegeben. Denn sie haben den Laien eine Spiritualität vermittelt, die sie ertüchtigt, in der nunmehr markant zivilgesellschaftlich verfassten Welt Zeugen Jesu Christi zu sein. Offensichtlich war jedoch dieser theologische Fortschritt für die Hierarchie gleichermassen wie für die Laien bisher eine Überforderung.
Denn das II. Vatikanum zu verstehen und umzusetzen, würde bedeuten: Es kann nicht mehr alles, worauf es beim christlichen Zeugnis und bei der kirchlichen Wirksamkeit im säkularen Bereich ankommt, innerhalb der Struktur der Kirche und kirchenamtlich geleistet werden. Es muss fortan massgeblich von den Laien, individuell, auch im Verbund mit Gleichgesinnten, in den verästelten Wirklichkeiten der Zivilgesellschaft getan werden. Da der moderne Staat demokratisch verfasst ist, sind die Laien dort ebenfalls zum Zeugnis aufgerufen, was sie notwendigerweise ebenfalls nicht kirchenamtlich leisten können, sondern nur als Einzelpersonen. Für beides, für ihr politisches und für ihr zivilgesellschaftliches Zeugnis, bedürfen die Laien jedoch der Seelsorge, der christlichen Bildung und des unerschrockenen Glaubenszeugnisses seitens der Hierarchie.
Die Propagierung des Synodalismus ist nun gerade der Beweis für das Nicht-Verstehen der Welt, in der wir heute leben, sowie des jüngsten Konzils. Denn dieses Diskussionsformat ist das Gegenprojekt zu beidem: Es ruft die Laien in die amtliche Struktur der Kirche hinein, um dort mit und unter der Kirchenleitung amtliche Antworten zu suchen zu den zahlreichen Fragestellungen einer vielfältigen säkularen Wirklichkeit. Die Ergebnisse synodalistischen Diskutierens sollen dann in Form von Papieren, Resolutionen und Aktionen, die mit dem kirchenamtlichen Stempel versehen sind, in die Politik und in die Zivilgesellschaft gespielt werden.
Durch den Synodalismus wird den Laien insinuiert, dass nur oder vorwiegend die amtliche Kirche zählt, wenn es um kirchliches, apostolisches Wirken in den säkularen Wirklichkeiten geht. Sie warten dann darauf, dass das synodalistische Gesamt ihnen sagt, was sie tun sollen. So erkennen sie nicht, was heute schon ihre Aufgabe wäre: mitten in der fragmentierten sowie unübersichtlichen zivilgesellschaftlichen Wirklichkeit Jesus Christus – Prophet, Priester und König – gegenwärtig zu machen. Und weil die aktuelle Kirchenleitung nicht in der Lage ist, den Laien eine passende Spiritualität dafür zu vermitteln, die ihrem Wesen entspricht, zieht man sie in die Tätigkeit der Hierarchie hinein. Von dort aus sollen sie dann ‒ vermeintlich ‒ an der Sendung der Kirche mitwirken. Man vermischt die Laien in so genannt synodalen Gremien unterschiedslos mit den Nachfolgern der Apostel, wie es bei dem der Fall war, was einmal die Bischofssynode gewesen ist. Dadurch wird noch einmal das II. Vatikanische Konzil missachtet. Denn in LG 10 hatte dieses noch gelehrt, dass es zwischen dem hierarchischem und dem allgemeinen Priestertum einen Wesensunterschied gebe. Die vatikanischen Synoden-Aktivisten versuchen seit Jahren, die Nivellierung von Klerikern und Laien auch in den Teilkirchen voranzutreiben. Das jüngste Beispiel ist der Ende Juli 2026 vom Apostolischen Stuhl publizierte Leitfaden für Bischöfe und „Synodalteams“. Immer wortreicher geschieht dies und immer verzweifelter. Denn es schlägt keine Wurzeln, weil es den Gläubigen nicht hilft, ihr Christsein in der heutigen Welt zu leben.
Durch die Propagierung des Synodalismus wird heute neuerlich die Botschaft gesendet, die Robert Bellarmin (1542‒1621) in seiner Zeit noch zu Recht propagiert hatte: Die Kirche ist so sichtbar wie die Republik von Venedig. Als die Reformatoren die Sichtbarkeit der Kirche als Institution leugneten, musste man sie katholischerseits betonen. Dies hat jedoch dazu geführt, dass man das kirchliche Leben als etwas zu betrachten begann, das sich vor allem in kirchlichen Institutionen abspielt. Daraus entstand seit der Barockzeit die überragende Rolle der Pfarrei mit ihren Vereinen, Bruderschaften und sonstigen Anhängseln. Auf den höheren Ebenen bildeten sich katholische Interessenvertretungen und sogar Parteien. Diese kirchenamtlich geleiteten oder zumindest gelenkten Institutionen sollten die Weltzuwendung der Kirche bewerkstelligen. Zweifellos hat dies in der damaligen Situation Früchte getragen. Aber nach der Ausdifferenzierung in Staatsgewalt und Zivilgesellschaft tendierte es dazu, eine Sonderwelt zu bilden, die immer weniger in der Lage war, diese Wirklichkeiten christlich zu prägen.
Heute ist der Synodalismus die zum Anachronismus gewordene Wiederholung davon. Deshalb sind die zeitgenössischen Synodalisten, die oft mit Verachtung auf diejenigen hinunterschauen, die der tridentinischen Liturgie folgen, selbst – und in problematischem Sinn – tridentinisch. Sie unterscheiden sich jedoch in einem Punkt von den liturgischen Tridentinern: Sie erkennen nicht, dass sie selbst (ekklesiologische und politische) Tridentiner geblieben sind. Denn die Kirche steht nicht mehr einfach, wie im Mittelalter, als geistliche „Societas perfecta“ der alles beherrschenden staatlichen „Societas perfecta“ gegenüber. Vielmehr steht die Kirche, primär durch ihre Hierarchie, zwar noch immer der Staatgewalt gegenüber, lebt nun jedoch schwergewichtig, besonders durch die Laien, mitten in der zivilgesellschaftlichen Wirklichkeit. Letzterer kann sie nicht mehr einfach von aussen kirchenamtlich oder parakirchenamtlich gegenübertreten. Vielmehr muss die säkulare Welt „von innen her“ (LG 31) durch die Laien mit christlichem Geist erfüllt werden.
Die Väter des II. Vatikanischen Konzils haben den fundamentalen Wandel der irdischen Wirklichkeiten verstanden, wie er sich seit der Neuzeit ereignet hat. Sie haben mehr begriffen von der Moderne als die Synodalisten von heute, die glauben, sie seien modern. Denn diese verharren mental in den Kategorien von gestern. Durch das Anwenden anachronistischer Rezepte verunklären die Synodalisten die hierarchisch-sakramentale Natur der Kirche und tragen Kompetenzkonflikte zwischen Klerikern und Laien in sie hinein. Es wäre naiv, den Lärm, den die Synodalisten dadurch verursachen, für die Resonanz des Evangeliums in den politischen und zivilgesellschaftlichen Wirklichkeiten zu halten.
Text: Martin Grichting / kath.net
(sig)




