Hl. Augustinus, hl. Monika

Der augustinische Gottesbeweis

Eine leicht verständliche Darstellung


Regensburg, 25. Juni 2026

Gottesbeweise erfreuen sich in der Moderne keiner guten Reputation. Praktisch jeder glaubt es zu wissen: „Gottesbeweise gibt es nicht!“ Die Gebildeten unter denen, die dergleichen mit Nachdruck versichern, fügen dem hinzu: „Seit Hume und Kant wissen wir das nun einmal ganz sicher.“ Sigmund Bonk hingegen scheint die Frage nach wie vor offen zu sein. Seine Darstellung über den augustinischen Gottesbeweis.

Ohne auf den folgenden wenigen Seiten substanziellere Begründungen für diese – zweifellos exzentrisch wirken müssende – Auffassung entwickeln zu können, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass beide genannten Philosophen es verabsäumt haben, den augustinischen Beweis auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Und dabei handelt es sich um keine ganz geringe „Unterlassungssünde“. Gerade im Blick auf den neuen Papst, der dem Augustinerorden angehört, sollte es nicht als unsinnig abgetan werden, den Beweis des hl. Kirchenlehrers einmal knapp und allgemeinverständlich vorzustellen. (Als wie plausibel die Sache empfunden und beurteilt wird, sei freilich ganz in das Ermessen der geneigten Leserin oder des geneigten Lesers gestellt.)

Zur Hinführung; Bruno Walter über das „Universum der Musik“

In dem teils autobiographischen Buch mit dem Titel „Von der Musik und vom Musizieren“ aus dem Jahre 1957 beschreibt der bekannte Dirigent Bruno Walter (1876-1962) sehr anschaulich und gut nachvollziehbar, wie sich seine Auffassung vom Wesen der Musik im Verlauf seiner Kindheit und Jugend verändert hat. Zunächst habe er beim Klavierspiel subjektivistisch-egoman nur sein (tatsächlich von einer hohen Begabung zeugendes) virtuoses Spiel – also letztlich sich selbst – genossen. Daraufhin sei es ihm gelungen, die Größe des gespielten und interpretierten Werks höher zu werten als den schon früh beachteten Pianisten. Schlussendlich sei ihm beglückt etwas weit erhabeneres bewusst geworden: die ganz eigene Ordnung im „Universum der (komponierten, noch nicht komponierten und nie komponiert werdenden) Töne“ als einem gewaltigen metaphysischem Reich des Geistes sui generis (neben vergleichbaren solchen wie dem der Mathematik oder der Ethik). Der jugendliche Virtuose habe begriffen, dass der Komponist wie auch (in abgeschwächter Form) der Dirigent nicht einfach gemäß Vorlieben und subjektiven Vorsätzen schalten und walten könnten. In diesem Zusammenhang findet sich das schöne Wort Walters, es gleiche das Universum der Musik „der Schöpfung selber, in der der Logos waltet.“

Mit anderen Worten: Der Fortschritt im Begreifen dessen, was Musik ist, führte den späteren Dirigenten, der noch immer unter die größten seines Fachs gezählt wird, vom musikalisch angeregten schwelgerischen Selbstgenuss über das von Demut begleitete Verständnis der Größe bestimmter Werke und ihrer Komponisten hin zu dem ahnungsvollen Bewusstsein, dass jedes Werk einem noch größeren solchen, dem „waltenden Logos“ entnommen ist und damit mit einem Ewigen in engster Korrespondenz steht:

„Sehen wir ab von dem, was die Musik ausdrückt, wenden wir unseren Blick auf sie selbst, auf ihr Wesen, auf die hohe Ordnung in dem klingenden, bewegten Universum, das wir Musik nennen, in dem unverkennbar ein schaffendes Geistiges wirkt und sich offenbart, so erscheint sie uns als ein Gleichnis der Schöpfung selber, in der der Logos waltet. Ich glaube sogar, dass dem Menschen kein unmittelbarerer Zugang zum Erahnen des Logos und seines Wirkens gegeben ist als durch die Musik, die von seinem göttlich-schöpferischen und ordnenden Wesen tönende Kunde gibt.“

Walter war die Einsicht aufgegangen, dass – nicht anders als im Reich der Mathematik – auch in dem der Musik ewige Gesetze walten, denen der Musiker keinesfalls zuwiderhandeln, vor denen er sich gewissermaßen geistig verbeugen muss. Die Rede ist von dem Logos, in dem wir (so Paulus in der Areopag-Rede und mit Luthers Übersetzungsvorschlag) „leben, weben und sind“. Alle Menschen, die auch nur irgendetwas zustande bringen wollen, müssen von ihm Notiz nehmen, ja sich ihm unterwerfen. Auch das „Universum der Musik“ ist ein Reich, darin Gesetze herrschen.

Augustinus über die Unabdingbarkeit des ewigen Logos

Ob Walter die Werke Augustins gekannt hat, ist – zumindest mir – nicht bekannt. Aber eine weit gehende Übereinstimmung seiner Auffassung von Musik mit der augustinischen liegt vor. Der hl. Kirchenlehrer Augustinus hatte den allumfassenden Logos mit der zweiten göttlichen Hypostase identifiziert, dem Sohn Gottes, der in Jesus von Nazaret Mensch geworden ist. Dieser sei uns auch heute einem jeden von uns nicht fern. Der Logos lebe als so etwas wie ein göttlicher Lehrer in unserem Erkenntnisvermögen, der den Menschen anleitet und ihm die Richtung weist, wo er Wahrheit erkennt, Gutes tut oder Schönes schafft – überall da also, wo Menschen mit „höheren Dingen“ befasst sind.

„Aber was sind die höheren Dinge eigentlich? Sollen wir nicht diejenigen nennen, wo die souveräne Harmonie wohnt, beständig unveränderlich und ewig, die Harmonie, wo die Zeit nicht gefunden wird, weil sie [diese Harmonie] vor allem Wandel ist, aus der aber die Zeit mit ihren regelmäßigen Bewegungen kommt, dieses Bild der Ewigkeit?“ (Augustinus, De Musica, Buch 6, Kap. 11, Nr. 29)

In der ebenfalls platonisch beeinflussten Schrift „De vera religione“ stellt sich Augustinus u. a. Fragen architektonischer Art: Warum wirken drei Fenster – zwei gleich groß, eines kleiner – horizontal in die Hauswand eingefügt, weniger schön, wenn das kleinere außen, als wenn es in der Mitte angebracht ist? In der Vertikalen könne das kleinere sehr stimmig auch außen – dann vor allem oben – angebracht sein. Wie kommt so etwas? Es ließe sich auch hier unschwer eine analoge Frage aus dem Bereich der Musik formulieren. Ein Beispiel unter hunderten ähnlichen wäre: Warum wirkt das so einfache Motiv – „Es gibt keinen einfacheren Gedanken, als den, welchen der Meister dem ganzen Allegro zum Grunde legte“ (E.T.A. Hoffmann) – zu Beginn von Beethovens „Fünfter“ so eindrucksvoll, ja erschütternd, um sich daraufhin als für Variationen, Modulationen etc. bestens geeignet zu erweisen, während die Umkehrung beider Takte so ganz ohne jeden Reiz und musikalische Potenz geblieben wäre? Wonach richtet sich unser Schönheitssinn und -urteil also aus? Zurück zu Augustinus:

„Viele Menschen kennen als Ziel nur das Vergnügen und wollen nicht nach Höherem trachten, um ein Urteil darüber zu gewinnen, warum das Sichtbare uns gefällt. Wenn ich also einen Baumeister, der einen Rundbogen errichtet hat, frage, warum er auf der gegenüberliegenden Seite einen ebensolchen erstellen will, wird er vermutlich antworten: Damit sich gleiche Glieder des Gebäudes entsprechen. Wenn ich aber weiter in ihn dringe, warum er gerade das beabsichtige, sagt er, so sei es schicklich, so sei es schön und erfreue die Beschauer. Aber mehr zu sagen, kommt ihm nicht in den Sinn. Denn er ist lediglich Augenmensch und begreift nicht, wovon das Schönheitsurteil abhängig ist.“ (Von der wahren Religion, XXXII, 59)

Augustins Antwort zweckt darauf ab, dass es Symmetrien und Harmonien gibt, welche „nicht mit fleischlichen Augen noch mit irgendeinem anderen Sinn, sondern allein mit dem Geist erkannt“ werden. Unser Geist „berührt“ den Geist, womit ihn Augustinus in Beziehung mit dem Logos im Prolog des Johannes-Evangeliums setzt. setzt. (Der Logos als das ewige Wort des Vaters, mit welchem Gott u. a. sprach: „Es werde Licht.“ 

Augustins spezifischer Gottesbeweis, der unter der Bezeichnung eines „noologischen“ oder auch „noetischen“ (von „nous“ für „Logos“ oder „ewiger Geist“) bekannt geworden ist, hat diesen Prolog zum Hintergrund. Es gibt Richtlinien, Fixpunkte, unabänderliche Normen für unser Erkenntnis- und Empfindungsvermögen, deren Ignorieren wir damit bezahlen würden, dass sich unser logisches, moralisches und ästhetisches Urteilen und Empfinden dagegen sträubt. So wie wir im Reich der Mathematik unmöglich „2 plus 3 gleich 6“ rechnen können, so dürfen wir auf dem Gebiet der Moral nicht sagen „Du sollst töten“ und im Bereich der Ästhetik nicht zwei gleich hohen Fenstern ein drittes kleineres horizontal an die Seite stellen. 

Abschließende Bemerkungen zum Thema „Idiotie“

Augustins Gottesbeweis schließt von der Tatsache her, dass ewige Normen der Erkenntnis, wie auch des moralischen und ästhetischen Urteilens unverrückbaren Bestand haben – Normen, nach denen wir uns unabdingbar richten müssen, jedenfalls so lange wie wir uns nicht selbst ausschließen wollen aus dem Reich des Geistes (des Wahren, Guten, Schönen), was uns zu „Idioten“ (im ursprünglichen Wortsinn (von griech. ídios [ἴδιος] „abgesondert, eigentümlich, privat, nur für sich lebend“) machen müsste. Wer sich nicht „idiotisch“ verhalten will, kann somit gar nicht umhin, am ewigen Logos zu partizipieren – auch wenn er sich das nie bewusst gemacht hat oder sich gar weigert, diesen notwendigen Sachverhalt anzuerkennen. Wer immer einen sinnvollen Satz äußert (z. B. „Ich bin Atheist“) hat sich damit innerlich zumindest bereits der Grammatik und Logik unterworfen (weswegen die genannte Aussage im Kontext des christlichen Theismus zu einem performativen Widerspruch führt: Der ewige Sohn Gottes ist der Logos, in dem sich alles vernunftgemäße Denken und Sprechen bewegen muss. Der Inhalt der Aussage bestreitet eine ihrer notwendigen Voraussetzung… Versteht sich somit wirklich von selbst, dass es Gottesbeweise weder gibt noch geben kann? Und wie war das mit dem „Idiotischen“ gleich nochmal? „Privat“ kommt von lateinisch privare (berauben, befreien, absondern), das mit ἴδιος sinnverwandt ist. Worauf ich damit hinauswill: Die Frage nach den Gottesbeweisen ist weit mehr als eine akademische – sie hat mit dem Leben und sogar mit dem Politischen zu tun. Gäbe es keinen Gottesbeweis, so stellte das eine ausgezeichnete Grundlage für die Ansicht, Religion sei Privatsache“, dar.


Text: Sigmund Bonk

(kw)

 


  1. ^Einschlussweise wendet sich Walter damit auch gegen die gängige Ausfassung, Musik sei ein Mittel um beim Menschen Emotionen unterschiedlichster Art zu erwecken. Seines Erachtens ist das zwar nicht falsch, aber eher ein Nebeneffekt. In erster Linie übersetzt Musik den ewigen Logos mithilfe von Anordnungen von Tönen in die Zeit.
  2. ^Augustinus, De vera religione, XXX, 54.
  3. ^Für “Wort” ist im griechischen Original „logos“ zu lesen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.“


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