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Zur Neuigkeit
Der Antagonismus von Christentum und Pop-Kultur
Easy vs. serious living
Regensburg, 5. August 2026
Lässt man die Neuzeit mit der italienischen Renaissance beginnen, so stehen sich im globalen Westen spätestens seit dieser Epoche zwei grundsätzliche Lebenseinstellungen gegenüber – wenn auch nur selten in Reinform, so doch in solchen Mischungen, dass die eine ein Übergewicht aufweist. Zwei englische Bezeichnungen treffen den Sachverhalt besser als die denkbaren deutschen Alternativen: „easy living“ versus „serious living“. Zwischen den Jahren von ca. 450 bis etwa 1450 dominierte unter dem starken Eindruck (und teilweise auch Druck) der christlichen Religion und Kirche die letztgenannte Lebensform.
Zum Atheismus und Epikureismus neigende und sich dazu offen bekennende Menschen waren vor der Renaissance Ausnahmeerscheinungen, die deswegen auch als gottlose Freigeister verschrien waren und soziale Sanktionen zu gewärtigen hatten. Inzwischen befinden sich – jedenfalls bei uns in Deutschland und Nord-Ost-Europa – jene „serious people“ in der Minderzahl, die an Gott und ein Dasein nach dem Tode glauben, um ihr Leben von diesem Glauben leiten zu lassen. Sie sehen das Leben als eine ernste Aufgabe und sittlich-religiöse Herausforderung an und streben nach Zielen, welche über das bloße Wohlleben, gesellschaftliches Ansehen und Erfolge im „Diesseits“ hinausreichen.
Das „easy living“ umfasst Bemühungen um angenehme Gefühle, gute Laune und erfreuliche Erfahrungen, um Gesundheit und körperliche Fitness, um Erotik und Spaß. Das leicht und dabei auch bewusst etwas leichtsinnig gestaltete Leben zielt überdies ab auf angeregte Gespräche im Freundeskreis, individuelles, partnerschaftliches und (immer noch, wenn auch mit nachlassender Tendenz) familiäres Glück; von Bedeutung sind weiterhin das verdiente, ererbte oder auf andere Weise erworbene Geld, schöne Autos, diverse Freuden, wie sie sie Tanz, Konzerte, Kino, lustige Gesellschaft zu bieten haben, gutes Essen, Urlaubsreisen und ein gewisses Interesse (passiv und aktiv) an Fußball; im Hintergrund all dessen stehen mehr oder weniger ernsthaft verfolgte Bemühungen um die eigene Gesundheit (fettarme Ernährung, Gymnastik, Joggen usf.) bzw. um ein möglichst langes Leben.
Das „serious living“ schließt solche Interessen, Wünsche und Zielsetzungen zwar nicht aus, hält dergleichen aber weder für die einzig sinnvollen noch für die erstrebenswertesten oder höchsten. Diese Lebensweise hält sich an das Wort vom Menschen als einem Bild und Gleichnis Gottes und stellt sich in den Dienst eines im weiten Wortsinn idealistischen Lebensentwurfs. Das meiste des zuvor Genannten wird hier eher als eine Art Begleitmusik zum eigentlichen Lebensthema aufgefasst, welches Wilhelm Imkamp recht hübsch als „fit werden für die Ewigkeit“ bezeichnet hat.
Die „big five“
Eng mit dieser Art von Fitness verbunden war die Charakterbildung. In diesem Zusammenhang gerät das in den Blick, was seit Platon unter „ewigen Ideen“ verstanden wird. Deren mit weitem Abstand bedeutendste sind „Einheit und Wahrheit, das Gute, das Schöne und das Heilige“. Diese „big five“ waren für das christlich-humanistische Denken des vormals so genannten Abendlands absolut richtungsweisend. Das Denken der „serious people“ kreiste vor allem anderen um die Themen Einheit (der Person, der jeweiligen sozialen Entität, der Menschheit als ganzer, der angestrebten Einheit von Gott und Mensch), Wahrheit (deren Auffindung und weitere Entfaltung), das Gute / die Güte (deren Verinnerlichung und Ausbreitung in die Welt), das Schöne (deren ergriffene Betrachtung und künstlerische oder mäzenatische Förderung) und nicht zuletzt um das Heilige, das es nicht nur auf die richtige Weise zu verehren galt – bedeutender noch war das Bemühen darum gewesen, selbst heilig zu werden.
Wer immer sich dem Megatrend „easy living“ eingefügt hat wird mit solchen „hehren Ideen“ – drastischer ausgedrückt: solchem „höheren Blödsinn“ – nur wenig anzufangen wissen und bestenfalls mit einem verächtlichen Schulterzucken über das Thema hinwegsehen. (Bis zur Renaissance ist der atheistische Epikureismus – etwa eine Lukrez – als eine akademische Spinnerei einiger weniger angesehen worden.) Das „easy living“ trat mit dem Versprechen auf, den Menschen in seinem einzigen Leben – also hier auf Erden – endlich glücklich zu machen. Dazu möchte es ihn aus einer seelisch schmerzhaften Spannung befreien, der er während des „langen Mittelalters“ ausgesetzt gewesen war: der Spannung zwischen Dies- und Jenseits.
Damals riss den Menschen etwas in ihm nach oben, dem (metaphysischen) Himmel und der Ewigkeit zu, während ein Gegengewicht lastender Schwere den alten Adam in Richtung Erde zurückzog. Aufklärung und Wissenschaft hätten jedoch längst schon festgestellt, dass ein „metaphysisches Oben“ überhaupt nicht existiere – weswegen es sich empfiehlt, den Himmel „den Engeln und den Spatzen“ (H. Heine) zu überlassen, die gesamtmenschlichen Energien aber zur Gänze in die Verbesserung des irdischen Daseins zu stecken. Zusammen mit diesem Unternehmen werde sich bald schon zeigen, dass die komprimierte Verbesserung des irdischen Daseins auch eine Intensivierung des Lebens zur Folge habe. Dem gering zu veranschlagenden Verlust an idealistischen Illusionen stehe so ein gewaltiger Gewinn an terrestrischer Lebensqualität (inklusive Spaß / fun) gegenüber.
Freud, Nietzsche und Popkultur
Der Wille, intensiver, wirklichkeitskonformer und zugleich unbeschwerter zu leben, wie er sich auf dem Feld der Psychologie vor allem bei Freud und seiner Schule, auf dem der Philosophie und Weltanschauung aber in der Lebensphilosophie eines Nietzsche, Dilthey, Ortega y Gasset u. a. geäußert hat, bildet auch den gemeinsamen Nenner dessen, was heute als Pop-Kultur bezeichnet wird. So heißt es beispielsweise in dem Song „Easy Livin‘“ von Uriah Heap „Warten, suchen – mein ganzes [bisheriges] Leben verschwunden wünschen. Träumen, denken – bin ich bereit für einen fröhlichen Tag und ein leichtes Leben…“. Die Rolling Stones forderten „satisfaction“ vom „wilden“ Leben, um an dem bereits hinter ihnen liegenden und gegenwärtigen larmoyant zu beanstanden: „I can't get no satisfaction. 'Cause [This is the cause why] I try and I try and I try and I try…” Und der deutsche Schlagerstar Helene Fischer verbuchte ihren größten Erfolg mit dem Song „Herzbeben“: „Durch meine Venen fließt der Bass, Hämmert gegen meine Sehnen, Auf das Leben ist Verlass, Es hat noch viel zu geben, Und ich nehme deine Hand, Muss tanzen, immer weiter, Ich vergesse den Verstand, Der Horizont wird breiter: (Refrain) Herzbeben, lass uns leben, wir woll'n was erleben!“
Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hatte in seinem seinerzeit vielbeachteten Buch „Der Aufstand der Massen“ (La rebelión de las masas, Madrid 1929) festgestellt, dass der Großteil der Bevölkerung das, was er für sein Glück hält, nicht oder nicht mehr irgendwann erleben möchte, sondern möglichst bald, am liebsten „gleich jetzt“. Er stellte auch fest, dass der etwas elitär anmutende Ausdruck „Massenmensch“ seit dem Ende des Ersten Weltkriegs mit wachsendem Erfolg dabei sei, seinen Geschmack, seine Interessen und seine Wertvorstellungen durchzusetzen, weswegen die Menschheit einer Kultur der Massen entgegensehe, die sich deutlich von allen vorausgegangenen Kulturen unterscheiden werde.
Im Englischen kennt man den Ausdruck Massenkultur nicht, wohl aber den der „popular culture“ oder, mit einem Akzent auf der weitverbreiteten Vorliebe für Pop-Musik, kurz „pop-culture“. Die meisten Begriffsbestimmungen besagen, dass „Popkultur“ eine Sammlung von Gedanken, Einstellungen, Perspektiven, Bildern, Modeerscheinungen, Sport- und anderen und „events“ ist, die von der „Mainstream-Bevölkerung“ eindeutig gegenüber allen anderen Kulturformen bevorzugt wird. Sie stehe mit dem „american way of life“ (Stichworte: „liberalism“, „pragmatism“, „capitalism“) in enger Verbindung und stehe der „Hochkultur“ des (Groß-)Bürgertums und der christlichen Kultur (sowie „allem anderen“) weitgehend diametral gegenüber.
Die Popkultur ist allgegenwärtig
Seit den 20er Jahren und verstärkt seit den 60ern ist die Pop-Kultur zur der der „einfachen Leute“ geworden – wo sie allerdings nicht verblieben ist. Die Popkultur habe uns inzwischen alle beeinflusst und beeinflusst uns täglich weiter. Wir würden kaum einmal darüber nachdenken, aber Pop-Kultur umgibt uns wie Luft zu Atmen, ist quasi überall um uns. Von der Art, wie wir uns kleiden, über die Gadgets und Technologien, die wir täglich benutzen, das Autoradio, das wir einschalten, die Zeitschriften, die wir lesen, die Filme, die wir sehen, sämtliche Fernsehshows, die Social Media, die wir „wischen“, selbstverständlich die Musik, die wir hören, das Fußballspiel, oder Autorennen, das wir uns live oder im Fernsehen ansehen usw. usf. – Breitenkultur, sprich Popkultur steht den Mittelpunkten unseres Lebens niemals fern, lenkt uns oft angenehm von Problemen ab, tröstet uns gegebenenfalls auch (etwa im Kaufhaus, einem anderen zentralen Ort besagter Pop-Kultur), macht fast immer Spaß, liefert die Themen vieler unserer Gespräche, verbindet uns – lenkt uns vielleicht auch ab von einem anderen Leben?
Dabei dürfte es sich nicht gerade um eine unbedeutende Frage handeln. Bischöfe, Prälaten, Theologie- und Soziologieprofessoren sind längst auf der Suche nach Antworten nach den eigentlichen Gründen der aktuellen großen Kirchen- und Glaubenskrise. Vielfältige Faktoren, die zum sog. „Verdunsten“ des Christentums geführt haben sollen, wurden erwogen, oft auch zuversichtlich versichert, so u. a. „die“ Wissenschaft, „unzeitgemäße Strukturen“ in der kirchlichen Hierarchie und Organisation, mangelnde Mitbestimmung, ignorierte Frauenrechte, diverse Skandale (insbesondere selbstverständlich der tatsächlich schreckliche Missbrauchsskandal), eine latente „LGBTQIA-Feindlichkeit“ und die verbreitete „individualistische Unfähigkeit“, heute noch dauerhafte Bindungen einzugehen. Ohne damit bestreiten zu wollen, dass dies, zumindest einiges davon oder noch auch anderes dieser Art, auch zum „Sinkflug der Kirche“ und des individuellen Glaubenslebens beigetragen hat, ist keineswegs auszuschließen, dass der Hauptgrund ganz woanders zu finden ist: i. e. in der Pop-Kultur, in der wir gewissermaßen „leben, weben und sind“, und die wir uns gerade deswegen (wie die Luft oder der Fisch das Wasser) so gut wie nie reflexiv bewusst machen.
Dasein auf das Diesseits konzentiert
Dass die Pop-Kultur einen etwas verwilderten Spross am Baum der un-, wenn nicht gar antichristlichen Lebensphilosophie im Anschluss an Nietzsche bildet, dessen Ableger um 1900 auf amerikanischen Boden gefallen war („Emersonians“, W. James, G. Santayana, W. Kaufmann u. a.) ließe sich geistesgeschichtlich unschwer belegen – worüber hier allerdings nicht weiter die Rede sein möge. Freilich weist sie darüber hinaus weitere und weit weniger akademische Ursprünge auf. Die amerikanische Popkultur ist das Ergebnis der Begegnung einer kulturellen Vielfalt. Ihre Wurzeln liegen sowohl in europäischen (v. a. englischen und irischen) Einwanderungstraditionen als auch – ganz entscheidend – in afroamerikanischen Kulturformen. Hinzu kamen die Entstehungen der Massenmedien, die beeindruckende wirtschaftliche und militärische Stärke der USA nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie eine leistungsfähige und erfolgreich kommerzialisierte Unterhaltungsindustrie, die diese Kultur weltweit – hauptsächlich über Massenmedien – verbreitet hat.
Es muss hier genügen, abschließend festzustellen: Das maximal auf das Diesseits konzentrierte Dasein, welches dem leichteren und dabei gewünscht intensiveren Leben den entschiedenen Vorzug gegenüber dem ernsthafteren und spirituell-meditativen Lebensvollzug einräumt, hat sich in der Gestalt der gegenwärtigen Mainstream-Pop-Kultur zu einer globalen Kulturerscheinung gigantischen Ausmaßes entwickelt, die dabei ist, die bisherige weltweite christliche Kultur zu verdrängen.
Kurz: In dem Maße, wie sich die Popkultur auf allen Kontinenten auf dem Vormarsch befindet, ist das Christentum im Rückzug begriffen. Sollte es sich dabei wirklich um eine bloße Koinzidenz ohne jeden Kausalzusammenhang handeln? Es ist gewiss nicht übertrieben, erstens von einem welthistorischen Prozess zu sprechen und zweitens festzustellen, dass von diesem titanischen Ringen bislang so gut wie keine Notiz genommen worden ist.
Text: Sigmund Bonk
(kw)
- ^Anzumerken ist, dass die „Elite“ aus Ortegas Sicht mit keiner spezifischen Klasse identifiziert werden kann, sondern es in jeder gesellschaftlichen Klasse eine Elite («minoría selecta» oder «minorías excelentes») gibt, die sich von der Masse abhebt: „Die Unterscheidung der Gesellschaft in Massen und exzellente Minderheiten ist daher keine Unterscheidung in soziale Klassen, sondern eine Unterscheidung von verschiedenen Klassen von Menschen.“ («La división de la sociedad en masas y minorías excelentes no es, por lo tanto, una división en clases sociales, sino en clases de hombres.»)




