News Bild „Corona“ in der Gebärdensprache? Pfarrer Christian Burkhardts Lieblingswort aber ist: „Neugierde“

„Corona“ in der Gebärdensprache? Pfarrer Christian Burkhardts Lieblingswort aber ist: „Neugierde“

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Pfarrer Christian Burkhardt ist seit 2004 Seelsorger für Gehörlose und Hörgeschädigte im Bistum Regensburg. Dass er zu dieser Aufgabe gefunden hat, die ihn erfüllt, damit hat es seine ganz eigene Bewandtnis. Davon berichtet er beim lockeren Gespräch anlässlich des folgenden Interviews, das im Diözesanzentrum Obermünster gestattgefunden hat:

Auf seiner ersten Kaplansstelle wirkte C. Burkhardt in Mainburg. Als ihm mehrere Kinder der Pfarrei auffielen, da sie sich während des Gottesdienstes passiv zu verhalten schienen, klärte deren Mutter ihn auf: dass sie nämlich nicht hören können. Sie gab Kaplan Burkhardt ein Video, das Gebärdensprache zum Mitmachen beinhaltete. Die Reaktionen auf seine ersten "Gehversuche" dann waren so bewegend, beschreibt Pfarrer Burkhard im Nachhinein, dass er viele weitere Schritte auf diesem Weg gegangen ist - bis heute! Denn die Kinder waren damals begeistert zu erfahren: "Da ist jemand, der sich für uns interessiert." Das war seine Initialzündung.

Christian Burkhardt wurde 1962 in Eschenbach in der Oberpfalz geboren. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann folgte er dem Studium der Theologie in Regensburg und Brixen von 1986 bis 1991. Zum Priester wurde er 1992 geweiht.

Im Folgenden spricht der Seelsorger über das Gebärden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Nicht zuletzt geht es ja auch um sein Gebärden während der Übertragungen der derzeitigen großen Gottesdienste mit Bischof Dr. Rudolf Voderholzer. In der Übertragung ist Pfarrer Burkhardt dann jeweils in einem Fensterchen, links unten im Bild, zu sehen. Übrigens versteht er das Gebärden nicht als technischen Vorgang einer Übertragung von Sinn, sondern, was Liturgie betrifft, als ein Mitfeiern bzw. als eine Ermöglichung für die anderen, den Gottesdienst mitzufeiern.

 

 

Lebendige, emotionale und bildhafte Sprache

 

Herr Pfarrer Burkhardt, was ist das Schöne an der Gebärdensprache, wie praktisch ist sie?

Das Schöne an der Gebärdensprache ist, dass sie eine sehr lebendige und eine sehr bildhafte Sprache ist. Man muss versuchen, vieles in Bilder zu formen, und dadurch wird sie automatisch sehr lebendig. Dazu kommt, dass sie eine sehr emotionale Sprache ist. Es gibt keine Adjektive. Die Inhalte, die sonst mit Adjektiven bezeichnet würden, müssen über die Intensität der Mimik und Gestik zum Ausdruck gebracht werden. Das macht die Sprache so lebendig und emotional und eben bildhaft. Der praktische Effekt liegt darin, dass die Gebärdensprache über große Distanzen hinweg anzuwenden ist, ohne dass sie störend wirkt. Man muss nicht laut rufen, sondern man kann sich über eine gewisse Distanz mit dem anderen gut verständigen, solange die Sicht gut ist. Eher schwierig ist: Man braucht die Hände und hat sie nicht frei, um gleichzeitig noch etwas zu halten oder zu tragen. Die Sprache ist impulsiv und sehr facettenreich, was man im ersten Augenblick gar nicht erwarten würde.

 

 

 

Werden Sie beim Übersetzen manchmal müde?

Jein, ich würde von unkonzentriert sprechen. Man muss sich wirklich auf die Grammatik der Gebärdensprache fokussieren. Das ist anstregend, auch ein bisschen ermüdend, vor allem, wenn es große zusammenhängende Texte sind. Nach einer halben Stunde ist der Akku ziemlich leer. Ich sehe mich nicht so sehr als Übersetzer, wenn ich beim Gottesdienst anwesend bin, wie jetzt aktuell bei den Gottesdiensten mit dem Herrn Bischof im Dom. Dann möchte ich es so verstanden wissen, dass ich den Gottesdienst in Gebärdensprache mitfeiere. Ich bin kein reiner Übersetzer. Auch das fordert Konzentration.

 

 


Was ist, wenn Sie einen Fehler dabei machen?

Die Reaktion des Publikums macht mich dann sehr schnell darauf aufmerksam: Entweder es bricht allgemeines Gelächter aus oder die Augen werden groß vor Staunen. Dann weiß ich: Jetzt war irgendetwas falsch. Ich bin dann so frei und frage einfach nach: Warum lacht Ihr? Was habt Ihr falsch verstanden? und greif das dann auf. Es ist auch das Mundbild wichtig. Wenn es nicht klar oder eindeutig ist, dann kann es durchaus zu Verwechslungen kommen. Oder zu Missverständnissen.

 

 

 

Ist das Reservoir an Ausdrucksmöglichkeiten in der Gebärdensprache unbegrenzt?

In gewisser Weise ja. Es gibt tatsächlich Gebärden, die mehrere Bedeutungen haben können. Da ist es wichtig zu wissen, dass Gebärdensprache nicht nur aus den ganz konkreten Gebärden besteht, die mit den Händen geformt werden, sondern der Gebärdenraum, in dem die Gebärden stattfinden, ist genauso wichtig, oder auch die Mimik und ganz wichtig das Mundbild. Es bringt weitere Klarheit, gerade dann, wenn eine gleiche Gebärde für drei, vier verschiedene Begriffe verwendet wird. Deshalb ist es ganz wichtig, dass das Gesicht sehr hell ausgeleuchtet ist und man sich um ein möglichst deutliches Mundbild bemüht.

 

 

 

Was hat Gebärdensprache mit Gott zu tun? Oder ist sie einfach die Übersetzung einer Addition vor Wörtern?

Eine Addition von Wörtern ist sie mit Sicherheit nicht und kann sie auch nicht sein. Mit Gott hat Gebärdensprache sehr viel zu tun. Es heißt: Glaube kommt vom Hören. Aber wie ist es dann, wenn jemand nicht hören kann? Eine ganz interessante Frage. Auch eine Herausforderung, weil es tatsächlich darum geht, Glaube den Menschen in der ihnen eigenen Sprache nahezubringen. Da muss Gott sozusagen auch in die Gebärdensprache gebracht werden. Was nicht immer ganz einfach ist: Theologie ist ja ein Fach, das sehr stark von philosophischen Begriffen geprägt ist, und da ist es nicht so ganz einfach, diese Überlegungen in die doch sehr konkrete Gebärdensprache hinein zu formen. Eine der ganz großen Herausforderungen! Vor der Herausforderung steht man immer wieder neu - so wie Glaube immer wieder neu erfahren, erlebt werden muss. Das ist das Interessante bei meiner Aufgabe. Sie ist für mich sehr erfüllend: die unendliche Fülle der Theologie und die unendliche Liebe Gottes nahezubringen und sie gehörlosen Menschen spüren zu lassen.

 

 


Wie sagt man: Corona? Liebe? Verzeihung? Jesus? Dom? Bleib gesund?

Das ist logischerweise eine ganz neue Gebärde [Anschaulichmachung] für Corona: der Zellkern und der Virus, der sich um den Zellkern herum befindet. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Gebärde von den Gehörlosen entwickelt. „Liebe“ - das ist eine ganz schwierige Frage, weil es viele Möglichkeiten gibt, um sie zu Gebärden. Man kann sehr facettenreich die Vielfalt aufgreifen, die in der Liebe da ist.

 

 

 

Welches Wort ist Ihr Lieblingswort? Und was hat es überhaupt mit der Hand auf sich, die dauernd zwischen uns steht?

Ich möchte zwei Lieblingswörter nennen: Das eine ist gleich dieses Modell der Hand, die verwendet wird, um mit Kindern Gebärden zu üben. Diese Gebärde hier, die man sieht, setzt sich aus drei Einzelgebärden zusammen und heißt: I love you. Ich liebe Dich! Das ist etwas sehr Schönes, ein ganz bekannter Gruß weltweit unter den Gehörlosen. Eine zweite Gebärde ist diese Gebärde [Anschaulichmachung], mit der ich bekannt geworden bin, als ich in der Gehörlosenseelsorge angefangen habe. Diese Gebärde für „neugierig“ hat viel Gelächter ausgelöst. [...]

Pfarrer Christian Burkhardt hat sich in dem Artikel „Gehörlose helfen, Gottes Stimme zu hören“ weitergehende Gedanken über Gebärden und die Gottesfrage gemacht.