Eine leere wiege aus Holz, altertümlich, mit weißem bauschigen Kissen und Bettdecke, in einem Kinderzimmer, das eingerichtet ist wie im 19. jahrhundert mit wenigen möbeln, etwas licht fällt durch das fenster auf die wiege

Brauchtum in Ostbayern: S‘ Leicherl

Ein kurzes Kinderleben


Regensburg, 6. November 2026

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Bayern jedes dritte Neugeborene keine zwölf Monate alt. In einigen Gegenden, darunter in Ingolstadt, lag die Sterblichkeitsrate sogar über 50 Prozent. Im Sterbematrikelbuch der Pfarrei Wörth an der Donau im Bistum Regensburg sind allein im März 1875 elf Sterbefälle von Säuglingen im Alter zwischen acht Tagen und einem Jahr verzeichnet. 

Convulsionen und Fraisen

Immer wieder sind hier in der Spalte „Krankheit“ die gleichen Eintragungen zu sehen. Fast alle Säuglinge starben danach an „Convulsionen“, „Fraisen“ oder „Eklampsie“. All diese Krankheiten äußern sich in Krampfanfällen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts ist in einer Zeitung für Hebammen zu lesen: „Eine der häufigsten und beängstigendsten Krankheitsformen der kleinen Kinder sind die Fraisen. Ein in Fraisen liegender Säugling zeigt in erster Linie eine große Ähnlichkeit mit einem epileptischen Anfall der Erwachsenen.“ 

Der Grund für diese Erkrankungen lag an der Mangelernährung der Säuglinge, die nicht selten mit einer Mischung aus Mehlbrei und Zuckerwasser gefüttert wurden. Auch „Abzehrung“ und „Durchfall“ sind als Todesursache im Matrikelbuch eingetragen. 

Angst und Aberglaube

Bei einer so hohen Kindersterblichkeit ist es nicht verwunderlich, dass der Aberglaube auch im Kindbett eine große Rolle spielte. Um dieses schlimme Schicksal abzuwenden, wurden die Neugeborenen meist noch am Tag ihrer Geburt getauft. Weinte das Neugeborene während der Taufe, würde es zart und kränklich, glaubte man. Erst nach einem Jahr sollten die Fingernägel geschnitten werden, sonst bringe es Unglück über das Kind. In den ersten sechs Wochen durfte keine Kindswäsche ins Freie gehängt werden, sonst bekomme das Kind die „Wind“. Und wer in ein Haus mit einem Neugeborenen kam, der musste sich setzen, auch wenn es nur für einen Augenblick war, um die Schlafruhe des Kindes nicht aus dem Haus zu tragen. 

Die Kinderbeerdigung

Durch die hohe Sterblichkeit war ein „Kinderleicherl“ früher nichts Außergewöhnliches. Das verstorbene „Kindl“ wurde weiß angezogen und mit einem Kranz aus weißen Blumen auf dem Kopf in seinem Bettchen aufgebahrt. Die Nachbarskinder kamen vorbei und legten Blumen und Heiligenbildchen auf den kleinen Körper. Die Bilder wurden später als Grabbeigabe in den Sarg gelegt. Wenn die Beerdigung anstand, holte der Totengräber den Sarg am Haus ab und trug ihn zum Friedhof, wo der Pfarrer in einer weißen Stola die Totenfeier gehalten hat. Auf alten Friedhöfen kann man oft noch die kleinen Grabsteine der früheren „Kinderabteilungen“ sehen. 

Starb ein Kind ungetauft, konnte es nicht im Friedhof in geweihter Erde bestattet werden. Für diese Kinder waren eigene kleine Friedhöfe außerhalb der von der Kirche gesegneten Erde angelegt.

 

Text: Judith Kumpfmüller

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