Eine alte Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert, die den Marktplatz und die evangelische Kirche zeigt

Brauchtum in Ostbayern: Oberpfälzer Religionsgeschichte

Das katholische und das evangelische Türl


Regensburg, 5. Januar 2025

Dass zwei Eingangstüren in ein Geschäft führen, ist noch nichts Besonderes. Anders ist das in Weiden in der Oberpfalz. Dort steht am Unteren Marktplatz Eins ein Haus, in dem sich früher die Marienapotheke befand. In dieser Apotheke hatten auch die beiden „Türl“ ihren Ursprung. Eine außergewöhnliche Geschichte verbirgt sich hinter diesem doppelten Eingang.

Das Simultaneum in Weiden

Diese beiden unscheinbaren Türen dokumentieren ein Stück Oberpfälzer Religionsgeschichte: Das Simultaneum, die Zeit von 1663 bis 1899, in der man versuchte, Katholische und Evangelische quasi unter einen Hut zu bringen. Damals wurde üblicherweise die Konfession der Untertanen vom jeweiligen Landesherrn bestimmt. Und so wechselte die Oberpfalz im 17. und 18. Jahrhundert mehrere Male vom katholischen zum evangelischen und wieder zum katholischen Glauben.

Doch im Fürstentum Pfalz-Sulzbach wollte der Landesfürst andere Wege gehen. Mit seinem katholischen Onkel in Pfalz Neuburg vereinbarte Christian August, dass jeder Religion gleichberechtigter Lebensraum gewährt werden sollte. Und so entstand das Simultaneum: Die beiden Konfessionen mussten sich Kirche und Kirchenvermögen teilen, auch Schulen und kirchliche Einrichtungen wurden gemeinsam genutzt. 

Beichtstuhl am Kirchplatz

Nicht immer verlief das Zusammenleben friedlich. So kam es zum Beispiel vor, dass der katholische Pfarrer über Nacht einen Beichtstuhl in der gemeinsamen Kirche aufstellen ließ. Als der evangelische Pfarrer am nächsten Tag die Errungenschaft entdeckte, wurden kurzerhand ein paar evangelische Gemeindemitglieder geholt, die den katholischen Beichtstuhl aus dem Gotteshaus entfernten und zum Ärger der Katholischen mitten auf dem Kirchplatz wieder aufstellten.

Natürlich wurde auch erwartet, dass Katholische und Evangelische jeweils unter sich blieben, was auch bedeutete, dass bei der gleichen Konfession eingekauft wurde.

Die zwei Türl

Und damit wären wir wieder bei der Marienapotheke und dem katholischen und evangelischen Apothekentürl. Um das Jahr 1830 gab es drei Häuser von der Marienapotheke entfernt eine evangelische Apotheke. Nun wollte der katholische Besitzer der Marienapotheke aber, dass auch die Evangelischen bei ihm einkaufen konnten, ohne von der evangelischen Konkurrenz dabei gesehen zu werden. Und so ließ er kurzerhand ums Eck eine zweite Tür herausbrechen, durch die die evangelische Kundschaft ungesehen in die Apotheke gelangen konnte. 

Das Ende der Simultaneen

Lange währte sie übrigens nicht, die friedliche Eintracht der Konfessionen in der Oberpfalz. Im 19. Jahrhundert wurden die meisten Simultaneen aufgelöst. Meist sind dann die Katholischen ausgezogen und haben sich eine neue Kirche und ein neues Schulhaus gebaut. Trotzdem konnten sich einige Simultaneen bis in unsere Zeit erhalten.


Text: Judith Kumpfmüller

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