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Apostololischer Vikar in Beirut zur Lage im Libanon
„Es wird schwierig bleiben“
Beirut / Regensburg, 7. September 2026
Der Apostolische Vikar von Beirut, Bischof César Essayan, ist skeptisch, was die Friedensaussichten für den Libanon betrifft. Er sieht sein Land gewissermaßen eingeklemmt zwischen den Kontrahenten Israel und der Hisbollah.
„Es sind die Protagonisten, die heute den Krieg führen, die sich nicht entscheiden können. Auf der einen Seite haben wir Israel, das weiterhin die Dörfer im Süden bombardiert und zerstört – mittlerweile sind 65 Dörfer teilweise oder vollständig zerstört und es gibt mehr als 17.000 Opfer –, und auf der anderen Seite haben wir die Kräfte der Hisbollah, die versuchen, diesem israelischen Angriff Widerstand zu leisten. Wir wissen aber auch, dass der Iran Israel auf libanesischem Gebiet über die Hisbollah bekämpft. Wir befinden uns also, wenn man so will, zwischen diesen beiden Fronten.“
Das sagte der Bischof, ein Franziskaner, jetzt in einem Gespräch mit Radio Vatikan in Rom. Dort hat er an Beratungen der Lateinischen Bischofskonferenz der arabischen Regionen (CELRA) teilgenommen und sich auch mit Papst Leo getroffen. Leo hat vor acht Monaten auf seiner ersten Auslandsreise als Papst auch die libanesische Hauptstadt Beirut besucht. Im Vatikan ist man am Libanon sehr interessiert, weil man ihn für ein mögliches Modell des Zusammenlebens ganz unterschiedlicher religiöser Gruppen hält. Der libanesische Präsident Joseph Aoun war vor kurzem beim Papst, um ihn über den Stand der Waffenstillstandsgespräche mit Israel zu informieren.
Dialog sollte zu einem Moment der Ruhe führen
„Der libanesische Präsident und der libanesische Staat haben den Weg des Dialogs gewählt. Wir sind der Ansicht, dass ein Dialog geführt werden muss, auch wenn wir noch ganz am Anfang eines Dialogs stehen. Er soll uns nicht zum Frieden führen– denn Frieden ist etwas Großes –, sondern zu einer Einigung, die eine Ruhe bedeuten könnte, welche weitere Verhandlungen ermöglicht, um zu einem gerechten Frieden zu gelangen. Aber ist dieser gerechte Frieden überhaupt möglich? Ich weiß es nicht … aber er müsste zumindest den Menschen ermöglichen, in Würde zu leben und auf eine Zukunft hoffen zu können, die besser ist als die heutige.“ Nach Essayans Eindruck kommen die Waffenstillstandsgespräche derzeit nicht voran: „Es wird schwierig bleiben“, sagt er. Und das sei schlimm, weil die Bevölkerung einen „absurden Preis“ für den Konflikt zahlen müsse. Immerhin – das libanesische Modell, von dem gerade eben die Rede war, hält der Bischof nicht für bedroht.
„Es handelt sich nicht um ein islamisch-christliches Problem, sondern um ein Problem, das die Großmächte betrifft, die sich einmal mehr auf libanesischem Boden bekriegen und versuchen, die Libanesen nach ihrer Religionszugehörigkeit zu spalten. An unseren Universitäten, in unseren Schulen und an unseren Arbeitsplätzen begegnen wir uns ständig, Christen und Muslime, und das bringt keinerlei Probleme mit sich. Auch wenn sich die Rhetorik auf politischer Ebene ändert, trifft dies im Alltag nicht zu. Man muss also die Dinge voneinander trennen und darf nicht glauben, dass gerade das libanesische Modell in Gefahr ist.“
„Religiöse Gefühle werden ausgenutzt und geschürt“ Nicht der Faktor Religion sei bestimmend für den derzeitigen Konflikt, sondern gewisse „Interessen der Großmächte“ und „das Ausnutzen und Schüren religiöser Gefühle, um Menschen für Ideologien zu gewinnen“. Für die Bevölkerung sei das Leben unter dem ständigen Damoklesschwert des Krieges unerträglich geworden.
„Wissen Sie, seit 51 Jahren befinden wir uns im Libanon in internen Kriegen (der Bürgerkrieg begann 1975, Anm. d. Red.) und in anderen Kriegen, die auf unserem Territorium stattfinden. Die Bevölkerung hat es satt! Warum? Weil man uns von einer Notlage in die nächste treibt und sich nicht die Zeit nimmt, diesem Land zu helfen, sich wieder zu erholen. So haben wir schreckliche sozioökonomische Krisen, wir haben den Krieg, der noch mehr Schaden anrichtet, noch mehr Vertriebene verursacht und Menschen, die in diesem Land keinen Halt mehr finden; die Wirtschaft erholt sich nicht, die Justiz funktioniert nicht so, wie sie sollte, ebenso wenig wie die Nationalversammlung. Vor einiger Zeit hatten wir zehn Stunden Strom pro Tag, die vom Staat bereitgestellt wurden; heute sind es nur noch zwei, sodass wir auf Generatoren zurückgreifen müssen, und die Stromrechnung ist in unzumutbarer Weise gestiegen.“
Systemische Krise ohne schnellen Ausweg
Die Schulgebühren seien so hoch, dass die Menschen sie nicht mehr aufbringen könnten; wer keine Krankenversicherung habe, könne sich keinen Krankenhausaufenthalt mehr leisten. Es handle sich um eine „systemische Krise“, sagt der Bischof, und ein Ende sei nicht absehbar. Die Kirche tue gemeinsam mit Caritas Libanon und anderen Organisationen der Weltkirche, was sie könne, stehe aber wie eine Hilfsorganisation da. Und das bereitet Essayan Unbehagen.
Positiv bewertet der Bischof das Interesse des Vatikan an einem Frieden und einer Erholung des Libanon. „Die Menschen haben oft gesehen, wie der päpstliche Nuntius an die Front im Süden gefahren ist, um Hilfe zu leisten und im Namen des Heiligen Vaters zu sprechen. Dadurch konnte die Nähe des Heiligen Vaters und der Weltkirche nicht nur gegenüber den Christen, sondern gegenüber allen Libanesen deutlich gemacht werden. Auch an der Reise des Heiligen Vaters haben alle Libanesen ausnahmslos Anteil genommen. Denken Sie sich nur, dass es einen schiitischen Religionsführer gibt, der alle Ansprachen des Papstes zusammengetragen, analysiert und in einem Buch zusammengefasst hat. Das macht die außergewöhnliche Wirkung deutlich, die unser Papst Leo durch seine Anwesenheit und durch diesen Besuch im Libanon entfaltet hat.“
Wenn man Bischof César Essayan fragt, was er sich von der internationalen Gemeinschaft erwartet, nimmt er diesen Ball nicht sofort auf, sondern weist darauf hin, dass auch Akteure im Libanon selbst Verantwortung für die dortige Lage tragen. Leider seien die politischen Parteien im Land untereinander gespalten. „Es gibt keine gemeinsame nationale Vision dafür, was dem Libanon guttut, und das führt dazu, dass sich oft auch unsere politischen Parteien von ausländischer Politik vereinnahmen lassen. Jeder arbeitet für sich allein für ein Wohl, das nicht das des Libanon ist. Ich bin wirklich enttäuscht darüber, was die verschiedenen politischen Parteien und Politiker derzeit in unserem Land anrichten.“
Natürlich wünscht er sich Hilfe von der internationalen Gemeinschaft: Man müsse „zu der Vorstellung zurückfinden, dass die Vereinten Nationen Kriege beenden können“. Aber dann fügt er gleich hinzu: „Ich glaube nicht, dass man allzu viel erwarten sollte... Der Libanon ist ein Kriegsschauplatz, auf dem man auch libanesische Komplizen gefunden hat.“
Das Interview mit Bischof Essayan führte Olivier Bonnel vom französischen Dienst von Radio Vatikan.
Text: Vatican News
(sig)




