Schwarzweißfoto einer Jesusfigur ohne Arme; Geschändeter Heiland

75 Jahre Geschändeter Heiland von der Wies

Gerettet vor der Zerstörung


Waldsassen, 5. Februar 2026

Vor 75 Jahren fanden bayerische Grenzpolizisten eine schwer beschädigte Christusfigur am Grenzübergang bei der ehemaligen Ortschaft Wies auf und brachten diese auf ihr Polizeirevier – den Geschändeten Heiland von der Wies. An das Ereignis wird am Freitag, 6. Februar 2026, mit einer Andacht direkt an der Stelle der damals zerstörten Wallfahrtskirche auf tschechischer Seite erinnert. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen.

Der Waldsassener Stadtpfarrer Dr. Thomas Vogl wird gemeinsam mit Pfarrer Libor Buček von Eger die Feier gestalten. Es werden auch Vertreter der beiden Städte Cheb und Waldsassen sowie der Polizeiinspektion Waldsassen anwesend sein.

Die Wunderkraft der Fichte

Das ehemalige Kirchdorf Wies lag fünf Kilometer südwestlich von Eger an der über Waldsassen führenden Reichsstraße, der heutigen Bundesstraße 299. Ringsum von Wald umgeben, war es allen Egerer und Waldsassener Bürgern als Ausflugsort bekannt. In den beiden Gaststätten Fischer und Krämling traf man sich beim guten „böhmischen Bier“. 1748 brachte die Egerer Bürgersfrau Barbara Stötzer eine „angerührte“ Kopie vom Gnadenbild des gegeißelten Heilands von ihrer Wallfahrt zur berühmten Wieskirche bei Steingaden mit und ließ diese an einem Fichtenstamm am Straßenrand beim Grenzübergang anbringen. Viele Gläubige, besonders aus Bayern, pilgerten gleich darauf zu diesem Bild. Die Opfergaben flossen reichlich und jeder Pilger nahm sich einige Splitter dieser Fichte, denen man Wunderkraft beimaß, mit. Schon nach zwei Jahren waren die Mittel vorhanden, eine Kapelle um den Fichtenstamm mit dem Gnadenbild, der inzwischen zu einem Stumpf wurde, zu bauen. Dieser befand sich hinter dem Hauptaltar und musste zum Schutz vor der gänzlichen Zerstörung durch die Splitterentnahmen mit Blech eingefasst werden. Doch sogar das Blech wurde durchbohrt, um ein Stückchen des Reliquienholzes zu ergattern. Unterhalb der Kapelle gab es eine Quelle mit Trinkwasser, das die Wallfahrer tranken oder sich damit die Augen wuschen, in der Zuversicht nicht blind zu werden und eine gesegnete Ehe zu erhalten.

Am 3. März 1750 weihte der Pfarrer von Oberlohma, Thomas Kolb, die Kapelle. Im darauffolgenden Jahr musste diese wegen des großen Andrangs bedeutend vergrößert werden und erhielt nach einer nochmaligen Erweiterung 1790 ihre endgültige Gestalt. Noch 1750 ließ der Magistrat von Eger neben der Kirche ein Pfarrhaus bauen und suchte beim Regensburger Konsistorium um die Bestellung eines Priesters nach, der auch bald eingesetzt wurde. Der Magistrat behielt sich das Patronatsrecht vor, übertrug aber Barbara Stötzer (1772 nach Ungarn verzogen) die Aufsicht über die Kirche. Für sie als die Gründerin der Wallfahrt baute die Stadt Eger in der Nähe der Kapelle ein kleines Wohnhaus. Ohne weitere Veränderung hatte die Kirche bis 1950 bestanden.

Aufstrebendes Wallfahrtsgeschehen

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts führten Wallfahrten von Bruderschaften aus Waldsassen zur kleinen Wieskirche. Durch die verkehrsgünstige Lage an einer belebten Handelsstraße und zugleich einem bei Bayern und Böhmen beliebten Pilgerweg erlebten diese oft in Verbindung mit Besuchen in Maria Loreto und der Kappl auf dem Glasberg einen raschen Aufschwung. In der Kirche gab es außer dem Gnadenbild, der Rokokokanzel und den Seitenaltären 26 schön gestaltete Votivbilder mit Erklärungen zu einem Teil der im Mirakelbuch aufgeführten 135 Wunder von Wies. Bei der ersten Bank rechts stand das Vortragekreuz mit der geschnitzten Christusfigur, das später zum „Geschändeten Heiland“ werden sollte. Zur Pfarrei Wies gehörten in den ersten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts auch die Dörfer und Einöden Gehaag, Heiligenkreuz, Schönlind, Wildenhof, Gregerhof, Schoppenhof, Hechthau und Schlindelhau mit insgesamt etwa 1300 Seelen. 1905 erhielt das Pfarrhaus eine eigene Wasserleitung mit Brunnen. Im März 1914 spendete der Landwirt Lorenz Grillmeier aus Egerteich der Kirche und dem Pfarrhof eine elektrische Lichtanlage. Zur Kirche gehörten drei Glocken, wovon zwei für Kriegszwecke des Ersten Weltkriegs abgeliefert werden mussten. Beim Einmarsch der US-Armee im April 1945 hat auch das Wieser Kirchlein durch die Beschädigung der Sakristei und den Bruch der Fenster schwer gelitten. 

Mit Errichtung des Eisernen Vorhangs niedergebrannt

Schon um 1948 war bekanntlich an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei der „Eiserne Vorhang“ niedergegangen und man setzte vom Osten aus alles daran, die im Grenzbereich gelegenen Ortschaften zu beseitigen, um den Sperrgürtel besser überwachen zu können. So waren nach einem Pressebericht im März 1950 in Wies bereits der Pfarrhof, das Schulhaus, die Försterei, die Anwesen Kraus und Klieber, die Gastwirtschaft Fischer und auch die Villen Dr. Krug und Dr. Lauterer abgebrochen. Mit der Beseitigung der Krämlingswirtschaft und des Tanzsaals sowie dem Ausräumen der Kirche hatte man begonnen. Auch das Zollamt war schon ausgeschlachtet. Am Samstag, den 9. September 1950 wurde einem Zeitungsbericht zufolge die Kirche schließlich von 20 Soldaten niedergebrannt.

Rettung aus dem Feuer

Im Rahmen seines Streifendienstes kam der Polizeimeister Paul Hampel von der Grenzpolizeistation Hundsbach am Mittwoch, 6. Februar 1951 um 16 Uhr zum Grenzübergang bei der ehemaligen Ortschaft Wies. Er beobachtete dabei aus der Deckung heraus mehrere tschechische Soldaten bei Abbrucharbeiten an einem Haus und schilderte die Vorgänge später in einem Bericht. An einem neben der Straßensperre aus starken Baumstämmen entzündeten Feuer wärmten sich die Soldaten auf. Einer davon ging in Richtung Ortschaft und kam mit einem Kreuz, an dem ein Christuskorpus befestigt war, zurück. Er stellte das Kreuz schräg an die Straßensperre und trat mit dem Fuß darauf, so dass es in Teile zerbrach. Anschließend riss er mit der Hand den Heiland ab, wobei beide Arme abbrachen. Die Holzteile des Kreuzes samt der Christusfigur warf er in das Feuer. Einige Minuten später nahm er die Figur wieder aus dem Feuer und wickelte einen Draht um den Hals. Das andere Ende des Drahtes befestigte er an einer Dachlatte und steckte sie über das Feuer zwischen zwei Baumstämme in die Straßensperre. Wie am Galgen hängend baumelte nun die Christusfigur über der Brandstelle. Dann fuhren die Soldaten in das Landesinnere zurück. Die Figur ließen sie an der Sperre hängen. Hampel verließ seinen Beobachtungsstand, holte die stark verrußte Christusfigur und übergab sie seinem Postenführer der Grenzpolizeistation Hundsbach, Polizeioberkommissar Scherer. Zwei Tage später am Freitag, 8. Februar 1951, übergab die Bayerische Landesgrenzpolizeistelle Waldsassen die Christusfigur mit einem Schreiben an das katholische Stadtpfarramt Waldsassen. Der damalige Stadtpfarrer Josef Wiesnet nahm sich der geschändeten Christusfigur liebevoll an und ließ sie am Sonntag, 11. Februar 1951 im Rahmen einer Sühneandacht in der Pfarrkirche zur Verehrung anbringen. Den passenden Zierrahmen hat dann Schreinermeister Karl Müller gefertigt, gestiftet von Frau Antonie Werner, Bad Kondrau.

Anfang der volkstümlichen Verehrung

Damit nahm die volkstümliche Verehrung des „Geschändeten Christus vo da Wies“ durch die vielen Gläubigen ihren Anfang. Vor allem die Heimatvertriebenen aus dem Egerland kamen gerne nach Waldsassen, um vor der Figur zu beten und ihre Anliegen vorzutragen. Später trafen mehrfach auch große Pfarrwallfahrtszüge in Waldsassen ein. Die Ackermann-Gemeinde nahm den Korpus als Vortragekreuz bei ihrem Pilgerzug im Juni 1962 mit nach Rom, wo Papst Johannes XXIII. das Kreuz bei der Generalaudienz segnete.

Nach dem überraschenden Tod von Stadtpfarrer Josef Wiesnet im Oktober 1958 ließen sich auch alle seine Nachfolger die Fürsorge und Verehrung des „Geschändeten Heilands“ stets angelegen sein. Stadtpfarrer Martin Rohrmeier verfolgte die Absicht, in einem Grenzdorf seiner Pfarrei eine Kapelle zu errichten, um damit den kommunistischen Machthabern das Kreuz als Symbol unseres christlichen Glaubens auf bayerischer Seite entgegenzustellen. Hierbei kam es schließlich 1963 zum Bau der „Bruder-Klaus-Kapelle“ in Hatzenreuth. Wie der Pfarrer im September-Pfarrbrief von 1963 schrieb, wollte er vor allem die Kapelle bauen „zur Sühne für die verschwundene Wieskirche und im Gedenken an Loreto drüben“. Bei der Einweihung der neuen Bruder-Klaus-Kapelle war auch der „Geschändete Christus“ - angebracht an einem Vortragekreuz - mit dabei. Gleichwohl wurde es im Laufe der Jahre ruhiger um den „Geschändeten Heiland“. Die großen Wallfahrten waren verebbt. Aber Einzelne kamen immer noch, darunter auch so manche Heimatvertriebene.

Neubelebung der Wallfahrt

Im September 2007 erfuhr die Verehrung des „Geschändeten Heilands“ eine überraschende Neubelebung, die vom neuen Stadtpfarrer Thomas Vogl initiiert wurde und ihm sehr am Herzen lag. Am 16. September 2007 beging die Pfarrgemeinde Waldsassen zum ersten Mal einen „Wallfahrtstag zum Geschändeten Heiland“. Dabei zogen die Gruppen und die katholischen Vereine gemeinsam betend und singend zur Basilika und feierten mit Bischof em. Manfred Müller einen Gottesdienst. Dieser Wallfahrtstag sollte in Zukunft jeweils am Sonntag vor oder nach dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September) stattfinden und von drei Stationen im Stadtgebiet aus als Sternwallfahrt geschehen. In den Jahren danach kamen jeweils hochrangige kirchliche Würdenträger und Ordensleute zu den Wallfahrtstagen und zelebrierten die Gottesdienste.

Bis heute wird diese Tradition in der Pfarrei Waldsassen aufrechterhalten und soll zum 75-jährigen Jubiläum des damaligen Ereignisses mit einer Andacht in Erinnerung gebracht werden. Den Wallfahrtstag am 20. September 2026 feiert der Erzabt von St. Peter in Salzburg, Jakob Auer OSB, mit der Pfarrgemeinde.

Text: Dr. Thomas Vogl

(kw)

Weitere Infos

Die Andacht zum 75-jährigen Jubiläum findet am Freitag, 6. Februar 2026, um 15 Uhr in der Basilika Waldsassen statt.



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