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50 Jahre Telefonseelsorge Ostbayern

Unverzichtbar unter den Hilfsangeboten

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Regensburg, 18. Januar 2023

Die Telefonseelsorge Ostbayern feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen. Gründungsdatum ist der 17. Januar 1973. Mit Josef Stautner und Michaela Fröhlich vom Leitungsteam sprechen wir im Interview über Meilensteine in der Entwicklung der Telefonseelsorge, über Anrufer und ihre Sorgen und über das, was die Arbeit als Seelsorger am Telefon ausmacht.

Bischöfliche Presse- und Medienabteilung: 50 Jahre gibt es die Telefonseelsorge Ostbayern schon. Wie ist es damals dazu gekommen, dass sie gegründet wurde?

Josef Stautner, Leiter der Telefonseelsorge Regensburg: Es gab damals einen sehr starken ökumenischen Aufbruch. Die Telefonseelsorge ist eine ökumenische Arbeitsgemeinschaft, getragen von beiden Kirchen. Speziell in Regensburg war es die Akademikerschaft Christophorus, die die Idee vorangetrieben hat und die Träger mit ins Boot geholt hat. Es waren von Anfang an die Ehrenamtlichen, die gesagt haben: Wir brauchen etwas, das auf die Nöte der Zeit antwortet. Das waren auch damals schon Einsamkeit oder fehlende Ansprechpartner. Und so kam es zu dieser Arbeitsgemeinschaft unter Trägerschaft der Katholischen und Evangelischen Kirche.

Wie genau kann man sich den Start vorstellen? Saß da eine einzelne Person und hat die ganze Zeit telefoniert?

Stautner: Es war tatsächlich so, dass die Akademikerschaft Christophorus das Ganze schon drei Jahre im Vorlauf betrieben hat. Da ist schon nach Leuten gesucht worden, sodass beim Start am 17. Januar 1973 schon 60 Leute bereitstanden um den Dienst 24/7, also Tag und Nacht, bereitstellen zu können. Wir haben heute einen Stamm von rund 100 Mitarbeitenden, der seit vielen Jahren in etwa gleichbleibt und mit dem der Dienst gut zu gewährleisten ist.

Der Dienst am Telefon wird also von Ehrenamtlichen geleistet. Was sind das für Leute, die hinter der Telefonseelsorge stecken?

Stautner: Was ich sehr oft höre, ist der Wunsch, anderen zu helfen, den Leuten etwas zurückzugeben. Es braucht für den Dienst am Telefon keine spezielle Voraussetzung. Es sind Menschen, die ein Herz für andere Menschen haben, die bereit sind, zuzuhören. Es ist sicher Empathiefähigkeit vonnöten, um sich in den anderen hineinfühlen zu können, und Abgrenzungsfähigkeit, um belastende Themen wieder ablegen zu können. Aber das wird auch in der Ausbildung vermittelt, die sehr lang dauert, ein Dreivierteljahr. Es sind ausgebildete Leute, die befähigt sind, zuzuhören und mit dem, was sie hören, umzugehen.

Michaela Fröhlich, hauptamtliche Mitarbeiterin im Büro: Die Rückmeldungen vom Ausbildungskurs sind durchweg positiv. Wir haben oft Leute im Kurs, die von Berufs wegen vom Fach sind und die die Ausbildung als sehr hochwertig empfinden.

Stautner: Von Psychologiestudenten etwa hört man oft, was sie hier im Ausbildungskurs an Handwerkszeug mitbekämen sei nicht vergleichbar mit dem, was sie im Studium lernten.

Welche Meilensteine gab es in den vergangenen 50 Jahren?

Stautner: Auf jeden Fall die Einführung der bundesweit einheitlichen Rufnummer 1997. Seitdem sind die Anrufe gebührenfrei. Eine große Veränderung war sicher auch die Einführung der Mail- und Chatseelsorge vor knapp 20 Jahren. In den letzten Jahren wurden zudem sogenannte Organisationseinheiten eingerichtet: wenn in Regensburg die Leitung belegt ist, wird ein Anruf weitergeleitet nach Passau oder Weiden. Dahinter steckt immer wieder das Bemühen, erreichbar zu sein.

Porträt von Josef Stautner

Josef Stautner, Leiter der Telefonseelsorge Ostbayern

Bei all den Veränderungen gibt es sicher auch eine Konstante, einen Kern sozusagen. Wie würden Sie diesen beschreiben?

Stautner: Der Kern ist nach wie vor einfach das Zuhören. Dieses „Ich bin jetzt für dich da“. Völlig zweckfrei, ohne Versuch, jemanden therapieren zu wollen. Ich glaube, dass darin der Auftrag der Seelsorge liegt. Auch in Anlehnung an die Bibelstelle von der Begegnung Mose mit Gott am brennenden Dornbusch, wo sich Gott äußert als der „Ich-bin-für-dich-da“. Das hat sich bei aller Digitalisierung nicht verändert und macht den Kern der Telefonseelsorge aus.

Wo unterscheidet sich die Telefonseelsorge dabei von anderen Hilfsangeboten?

Fröhlich: Dadurch, dass wir 24 Stunden erreichbar sind, nutzen viele Anrufer unser Angebot zum Überbrücken, bis zum Beispiel der Arzt aufmacht. Unsere Seelsorger kommen jedem wertschätzend entgegen, egal wo das Problem ist. Das ist an vielen anderen Stellen gar nicht möglich, etwa aus Zeitmangel oder weil sie nur für spezifische Probleme zuständig sind.

Stautner: Wesentlicher Punkt ist das Ermutigen, den nächsten Schritt zu gehen. Da hat die Telefonseelsorge im Netzwerk von Hilfseinrichtungen einen unverzichtbaren Auftrag, weil andere Stellen das oft nicht leisten können: zweckfrei zuhören und schauen, wo der nächste Schritt sein kann.

Mit welchen Themen der Anrufenden werden die Telefonseelsorger dabei konfrontiert?

Fröhlich: Es gibt eine große Bandbreite an Anrufern. Das geht los bei dem, der sagt, er habe seit drei Tagen mit niemandem gesprochen und wolle nur mal eine andere Stimme hören. Der nächste Anrufer kann dann in einer akuten Krise sein oder Suizidgedanken haben. Manchmal sind Beziehungen und Trennungen das Problem. Viele Anrufer haben Suchtprobleme oder sind psychisch krank. Depressionen sind gerade in der letzten Zeit sehr häufig. Für die Telefonseelsorger bedeutet das, nie zu wissen, was sie erwartet, wenn sie den Hörer abnehmen.

Unter den gebührenfreien Rufnummern 0800 1110111 und 0800 1110222 ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar.

Interview und Text: Katharina Winterlich
Fotos: Josef Stautner

Weitere Infos

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Bundesweite Webseite der Telefonseelsorge