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Durch das Kirchenjahr

Jesu Testament

  • 15.
    Mai
    2022
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… mit Benedikt

Fünfter Sonntag der Osterzeit C – Johannes 13,31-33a.34-35

„Als Judas vom Mahl hinausgegangen war, sagte Jesus: 31Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. 32Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen. 33aMeine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. 34Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. 35Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ – Johannes, 13,31-33a.34-35

Ich stelle mir die letzten Stunden Jesu besonders grausam vor. Das gilt nicht nur für seine Geißelung, den Weg auf Golgotha, die Kreuzigung und den langsamen Tod. Es gilt auch schon für die letzten Stunden Jesu im Kreis seiner Jünger. Jesus wusste nach dem Zeugnis der Evangelien, was auf ihn zukommen würde: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“ (Joh 13,1). Ist das nicht eine unerträgliche Situation: Zu wissen, welch furchtbare Schmerzen in Kürze auf einen warten werden? Doch Jesus versammelt sich mit seinen Jüngern zum Mahl. Denn: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zu Vollendung“ (Joh 13,2).

Zu den „Seinen“ gehört auch Judas, der Jesus verrät. Und auch davon wusste Jesus und sagt zu seinen Jüngern: „Einer von euch wird mich ausliefern“ (Joh 13,21). Das Johannesevangelium rahmt den Verrat Jesu literarisch ein: Als Judas den Abendmahlssaal verlässt, um Jesus auszuliefern, heißt es knapp: „Es war aber Nacht“ (Joh 13,30). Es ist Nacht geworden; das ist nicht nur eine Zeitangabe. Es ist Nacht geworden im Herzen des Judas. Und nun richtet Jesus seine letzten Worte an die Jünger; er spricht eine Art „geistliches Testament“.

Welche Worte würde man angesichts des Verrats erwarten? Harte, verurteilende Worte; schmerzerfüllte vielleicht. Ganz anders aber reagiert Jesus. Er stellt zunächst fest, dass jetzt die Stunde der Verherrlichung gekommen ist. Gerade jetzt – im Verrat, in Folter und Tod – sieht Jesus seine Verherrlichung und damit auch die Verherrlichung des Vaters. Gott wird nicht im Triumph und im Sieg verherrlicht, sondern im Leid und in der Niederlage. Gott ist ein Gott für die Schwachen, für die Verratenen, die Leidenden, die Gefolterten und die Sterbenden.

Und Jesus gibt den Seinen ein Gebot, das so wichtig ist, dass es zum Erkennungszeichen der Christen werden soll: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ In der Stunde größten Verrates reagiert Jesus mit Liebe: Er hatte ja eben erst den Jüngern die Füße gewaschen. Unter ihnen waren sowohl der Verräter Judas als auch Petrus, der in Kürze den Herrn dreimal verleugnen sollte. Diese Liebe Jesu wird zu seinem Vermächtnis, zu seinem Testament, zu seiner letzten Forderung an alle, die ihm nachfolgen wollen. Diese Liebe ist grenzenlos; sie grämt sich nicht über den Verrat und nimmt das Kreuz bereitwillig auf die Schultern. Mehr noch: Diese Liebe sieht gerade in dieser dunkelsten Stunde die Verherrlichung des Gottes, der bedingungslos auf der Seite der leidenden Menschheit steht.