Eine Madonna steht auf dem Sockel

Zwei Millionen Pilger bei der weltweit größten Wallfahrt in Brasilien

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 14. Oktober 2026 

Mehr als zwei Millionen Menschen sind am Sonntag durch Belém im brasilianischen Amazonasgebiet gezogen. Beim 234. Círio de Nazaré begleiteten sie die Marienfigur von der Kathedrale zur Basilika von Nazaré. Die große Prozession ist der Höhepunkt einer fast dreiwöchigen Festzeit mit insgesamt 14 Prozessionen. 

Der frühe Sonntagmorgen begann mit der Heilgen Messe in der Kathedrale von Belém. Unmittelbar danach, um sieben Uhr, setzte sich die Prozession in Bewegung. Rund 3,6 Kilometer beträgt die Strecke zwischen der Kathedrale im historischen Zentrum der Hauptstadt des Bundesstaates Pará und der Basilika Santuário de Nazaré. Das Círio 2026 steht unter dem Leitwort „Maria, Missionarin, die uns Jesus schenkt“. Der Erzbischof von Belém, Júlio Endi Akamine, verbindet die Wallfahrt mit dem Bild einer Kirche im missionarischen Aufbruch. Er verweist auf den Besuch Marias bei Elisabeth. Maria trage Christus zu ihr und werde damit zum Vorbild einer Mission, die Christus zu anderen Menschen bringt. 

Auch Papst Leo XIV. griff das Leitwort auf. In einer Botschaft an die Teilnehmer wünschte er, dass die Beteiligung am Círio neuen Eifer für die Verkündigung des Evangeliums wecke. Er erinnerte an die Gläubigen, die Maria aus Dank für empfangene Gnaden oder mit ihren Bitten aufsuchen, und erteilte den Teilnehmern seinen Apostolischen Segen. Die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) beschreibt die Wallfahrt als Ereignis, an dem nahezu die ganze Stadt Anteil nimmt. Seit 2013 ist der Círio de Nazaré immaterielles Kulturerbe der Menschheit der UNESCO. 

Nach der Hauptprozession sprach der Koordinator des Círio von rund zwei Millionen Menschen, die die Muttergottes begleitet hatten. Der Círio de Nazaré gehört zu den größten katholischen Prozessionen der Welt. „Círio“ leitet sich vom lateinischen „cereus“ ab und bezeichnet ursprünglich eine große Wachskerze. In Belém wurde die Kerze zum Namensgeber für eine ganze Festsaison. Sie wird in diesem Jahr am 26. Oktober mit dem Recírio, der letzten der 14 offiziellen Prozessionen enden.

Eine ganze Stadt wird zur Wallfahrt

Belém liegt im Amazonasdelta und ist die Hauptstadt des nordbrasilianischen Bundesstaates Pará. Während des Círio wird die Millionenstadt zum Ziel von Pilgern aus dem gesamten Bundesstaat, aus anderen Teilen Brasiliens und aus dem Ausland. Häuser, Geschäfte und öffentliche Gebäude tragen Marienbilder. Familien bauen kleine Altäre. Pilger ziehen zu Fuß, auf Fahrrädern und Motorrädern, mit Autos und Booten durch die Stadt. 

Schon am Freitag vor der Hauptprozession war die Pilgerfigur mehr als 50 Kilometer durch Ananindeua und Marituba in der Metropolregion von Belém gefahren. Nach Angaben der Organisatoren gingen rund 1,5 Millionen Menschen den mehr als zehn Stunden dauernden Traslado mit. Am Samstag folgte die Romaria Fluvial. Tausende Gläubige begleiteten die Figur in Booten mehr als 18 Kilometer durch die Bucht von Guajará. Sie wurde dabei auf einem Schiff der brasilianischen Marine transportiert. 

Der Sonntag gehört den Fußgängern. Die Pilger ziehen durch das historische Zentrum und vorbei am traditionsreichen Markt Ver-o-Peso. Viele erfüllen dabei ein Gelübde. Manche gehen barfuß. Andere tragen Ex-votos, auch Votivgaben genannt, kleine Gegenstände oder Nachbildungen von Körperteilen, Häusern und anderen Dingen. Sie stehen für Bitten oder für den Dank nach einer als erhört verstandenen Bitte. 

Ein besonderes Symbol ist die mehrere hundert Meter lange Corda, die dicke Prozessionsleine. Sie verbindet die Pilger mit der Berlinda, dem mit Blumen geschmückten Wagen, in dem die Marienfigur durch die Stadt getragen wird. Die Corda gehört seit 1885 zum Círio. Für viele Pilger ist es Teil ihres Gelübdes, ein Stück des Weges unmittelbar an der Leine zu gehen.

Von einer kleinen Figur zur Millionenwallfahrt

Die Geschichte der Wallfahrt beginnt nach kirchlicher Überlieferung um das Jahr 1700. Der Landarbeiter Plácido José de Souza soll am Igarapé Murutucu, einem kleinen Wasserlauf, eine hölzerne Marienfigur gefunden haben. Er nahm sie mit nach Hause. Am nächsten Tag sei sie verschwunden und wieder am Fundort aufgetaucht. Der Vorgang habe sich mehrfach wiederholt. Plácido errichtete dort schließlich eine kleine Kapelle. 

Die ursprüngliche Figur ist nur 28 Zentimeter hoch. Sie wird heute in der Basilika aufbewahrt. Für die Prozessionen wird eine Pilgerfigur verwendet. An dem Ort, an dem Plácido die Figur der Überlieferung zufolge fand, steht heute die Basilika Santuário de Nossa Senhora de Nazaré. Die erste offizielle Prozession fand 1793 statt. Damals ließ der portugiesische Kolonialgouverneur die Figur zunächst zum Regierungspalast bringen und anschließend in einer Prozession zurück zur Kapelle tragen. Nach Angaben der Wallfahrtsorganisation nahmen am ersten Círio schätzungsweise 5.000 bis 10.000 Menschen teil. Heute bewegt sich die Pilgerzahl Jahr für Jahr im Millionenbereich.

Im Laufe der Zeit kamen wurden die Festtage um weiter Pilgerwege ergänzt. Heute gehören 14 Prozessionen zum offiziellen Programm. Neben der großen Fußprozession und der Wallfahrt auf dem Wasser gibt es unter anderem eine Motorrad-, Kinder-, Jugend- und Fahrradwallfahrt sowie eine eigene Romaria da Acessibilidade für Menschen mit Behinderungen. 

Glaube, Familie und Kultur

Der Círio ist eine Festzeit mit täglichen Messen, Rosenkranzgebet, eucharistischer Anbetung, Novenen und kulturellen Veranstaltungen. In der Basilika werden an den Festtagen mehrere Eucharistiefeiern gefeiert. Vierzehn Bischöfe und Erzbischöfe sind in diesem Jahr für Gottesdienste während der Festzeit anwesend. Neben brasilianischen Bischöfen ist auch Weihbischof Enrique Delgado aus Miami zu Gast. 

Die Organisation hebt besonders hervor, dass die Tradition innerhalb von Familien weitergegeben wird. Kinder begleiten ihre Eltern zur Wallfahrt. Für viele Menschen aus Pará ist der Círio zugleich ein jährlicher Anlass zur Heimkehr nach Belém. Die Wallfahrt verbindet katholische Liturgie mit amazonischer Volksfrömmigkeit und regionaler Kultur. Zur Festzeit gehören lokale Speisen, Handwerk und Musik. Hinzu kommt der Arraial de Nazaré. Seine Ursprünge reichen ebenfalls bis zum ersten Círio von 1793 zurück. Damals wurde neben der religiösen Feier eine große Messe für landwirtschaftliche Produkte veranstaltet. Händler und Pilger kamen über die Flüsse aus weit entfernten Orten nach Belém. 

Um eine kleine Marienfigur versammeln sich Jahr für Jahr Familien, Ordensleute, Priester, Bischöfe, Kinder, alte Menschen und Pilger, die Gelübde erfüllen. Was vor mehr als 300 Jahren mit einer kleinen Kapelle am Fundort einer Marienfigur begann, hat sich zu einer Wallfahrt mit Millionen Teilnehmern entwickelt. Wenn die Festtage in diesem Jahr am 26. Oktober enden, beginnt die Vorfreude auf den 235. Círio im kommenden Jahr. 

Text: Peter Winnemöller
Foto:shutterstock



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